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Menschenrechte

Cast Away – Verschollener Mustafa Yılmaz wieder gefunden

Im Februar diesen Jahres war in der türkischen Hauptstadt Ankara der Physiotherapist Mustafa Yılmaz plötzlich spurlos verschwunden. Heute tauchte der Verschollene Ehemann genauso plötzlich wieder auf, wie seine Ehefrau Sümeyye Yılmaz über Social Media bekannt gemacht hat.

„Soeben wurde ich vom Dezernat für Terrorbekämpfung der türkischen Polizei angerufen. Mein Mann #MustafaYılmaz wurde in der Polizeistation von Karapürçek gefunden. Jetzt sei er in der Ankara Zentrale des Dezernats für Terrorbekämpfung in Untersuchungshaft“.

IM FEBRUAR WURDEN 6 PERSONEN ENTFÜHRT

In den 90´er Jahren wurden Hunderte Kurden entführt. Berühmt wurde dabei das alte türkische Fahrzeug „Toros“. Denn alle Entführungen gingen in weißen Toros Fahrzeugen vonstatten. Sie einte auch die traurige Tatsache, dass nie wieder ein Lebenszeichen von ihnen kam.

Diese weißen Toros Fahrzeuge scheinen heute wieder ein Comeback zu erleben. Gemäß der heutigen Modelle, handelt es sich bei den Entführungsvehikeln um schwarze Vans. Mittlerweile ist belegt, dass in den letzten dreiJahren 29 Personen in schwarzen Vans entführt wurden. Von einigen Personen hat es bis heute kein Lebenszeichen gegeben. Die meisten von ihnen sind aber nach 6 monatiger Folterhaft urplötzlich in Polizeistationen von Ankara aufgetaucht.

Wenn man sich an den Aussagen von Opfern orientiert, wurden sie von Mitarbeitern des türkischen Geheimdienstes MIT entführt. Nach monatelanger Folter wurden sie nach Unterzeichnung von vordiktierten Aussagen mit fiktiven Inszenierungen an Polizeistationen übergeben.

Die sechs Entführungsopfer vom Februar haben aber ein Alleinstellungsmerkmal. Sie wurden vor den Augen der Angehörigen und ihrer Nachbarschaft verschleppt.

Es handelt sich um Gökhan Türkmen, Yasin Ugan, Özgür Kaya, Erkan Irmak, Mustafa Yılmaz, Salim Zeybek.

Sechs Monate danach wurden Ugan, Kaya, Zeybek und Irmak in Polizeistationen von Ankara wieder aufgetaucht. Sie hatten stark abgenommen und waren völlig entkräftet.

Mustafa Yılmaz hingegen wurde nach 9 Monaten endlich gefunden. Die Warterei nach Türkmen, dem sechsten Entführungsopfer vom Februar 2019 geht weiter.

SÜMEYYE YILMAZ KONNTE IHREN MANN KONTAKTIEREN

Eine Ehefrau, die insgesamt 9 Monate in Angst und Schrecken, in einer grauenvollen Ungewissheit ihr Leben führen musste. Sümeyye Yılmaz hat gekämpft, um Gehör zu finden. Jetzt hat sie ihren Mann endlich wieder gefunden und mit ihm Kontakt in einem Polizeirevier aufgenommen.

Sümeyye Yılmaz schilderte uns ihre Beobachtungen nachdem sie ihren Mann nach 9 Monate qualvoller Warterei wieder gesehen hat. Der Druck auf ihren Ehegatten ginge demnach weiter, so die Ehefrau. „Er hat sehr abgenommen. Ungefähr 20 bis 25 Kilo. Er war vollkommen blass. Er muss wohl an einem Ort gewesen sein, wo es kein Sonnenlicht gibt. Seine Hände waren sehr kalt. Aufgrund von Mangelernährung hat er Anzeichen von Anämie. Er bat mich darum meine Accounts in den Sozialen Medien zu schließen. Mein Anwalt ist dagegen. Das können nicht die Aussagen meines Ehemannes sein. Er wurde entführt, er wurde gefoltert und wurde dazu gezwungen, eine fiktive Aussage zu unterzeichnen. Das ist die Wahrheit. Seine Entführung mit einem schwarzen Van ist mit Kameraaufnahmen belegt. Jetzt wollen sie von mir, dass ich daran glaube, das mein Mann nach 9 Monaten plötzlich wieder auftaucht und sich selbst der Polizei gestellt hat. Ich glaube nicht an diese Fiktion.“

Mustafa Yılmaz wird derzeit in Isolationshaft in Gewahrsam gehalten.

Personen wie Yılmaz werden nach der Entführung und langer Folter verhaftet und in Isolationshaft gesteckt. Ihnen wird nicht gestattet, dass sie ihre Familien alleine sehen können. Stets ist ein Wächter oder ein Polizist anwesend. Aus diesen Gründen können sie nicht erklären, wo sie unter welchem Voraussetzungen auf illegale Weise festgehalten wurden.

Aufgrund der Geheimhaltungsklausel in ihren Akten werden die Informationen und Belege unter Verschluss gehalten. Somit können Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und Anwälte auch nicht an den Gerichtsverhandlungen teilnehmen.

NAMENSLISTE DER 29 ENTFÜHRTEN PERSONEN IN DER TÜRKEI NACH DEM 15. JULI

  • Sunay Elmas (27.1.2016)
  • Ayhan Oran (1. 11.2016)
  • Mustafa Özgür Gültekin (21. 12. 2016)
  • Durmuş Ali Çetin (17. 5. 2017)
  • Hüseyin Kötüce (28. 2. 2017)
  • Mesut Geçer (26. 3. 2017)
  • Turgut Çapan (31. 3. 2017)
  • Önder Asan (1. 4. 2017)
  • Cengiz Usta (4. 4. 2017)
  • Mustafa Özben (9. 5. 2017)
  • Fatih Kılıç (14. 5. 2017)
  • Cemil Koçak (5. 6. 2017)
  • Murat Okumuş (16. 6. 2017)
  • Enver Kılıç (30. 9. 2017)
  • Zabit Kişi (30. 9. 2017)
  • Hıdır Çelik (6. 12. 2017)
  • Ümit Horzum (6. 12. 2017)
  • Ayten Öztürk (13. 3. 2018)
  • Orcun Şenyücel (21. 4. 2018)
  • Hasan Kala (20. 7. 2018)
  • Fahri Mert (12. 8. 2018)
  • Ahmet Ertürk (16. 11. 2018)

Entführungen nach Februar 2019:

  • Gökhan Türkmen (7. 2. 2019)
  • Yasin Ugan (12. 2. 2019)
  • Özgür Kaya (12. 2. 2019)
  • Erkan Irmak (16. 2. 2019)
  • Mustafa Yılmaz (18. 2. 2019)
  • Salim Zeybek (20. 2. 2019)
  • Yusuf Bilge Tunç (6. 8. 2019)

 

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Allgemein

Die 6 Gefangenen von Erdoğan

Sie sind die größten Opfer der Repressalien des Erdoğan Regimes. Monatelang waren sie verschwunden und wurden gefoltert. Jetzt trauen sie sich in der Haft nicht einmal dazu einen Anwalt zu fordern. Was sie bis heute erleiden mussten, erinnert an das Deutschland unter der Führung der Nazis.

CEVHERİ GÜVEN

BOLD – In der Geschichte der Türkei hatte es immer wieder Entführungen von Menschen und Folter an geheimen Orten gegeben. Was in den 90er Jahren den Kurden widerfahren ist, trifft heute auf die Hizmet- Bewegung zu.

Seit Anfang 2016 bis heute sind insgesamt 29 Personen spurlos verschwunden. Von einigen unter ihnen hat man sehr lange nichts gehört und die Hoffnung auf ein Lebenszeichen von ihnen schwindet allmählich.

Im Februar 2019 waren auf ähnliche Weise sechs Personen entführt worden. Gökhan Türkmen, Yasin Ugan, Özgür Kaya, Erkan Irmak, Salim Zeybek, Mustafa Yılmaz.
Die ersten vier, Gökhan Türkmen, Yasin Ugan, Özgür Kaya und Erkan Irmak, sind nach sechs Monaten plötzlich bei der Antiterrorpolizei TEM in Ankara wieder aufgetaucht. 3 Monate später tauchten auf ähnliche Weise auch Mustafa Yılmaz und Gökhan Türkmen auf.

Ihre erste Botschaft: Zieht die Anträge vor internationalen Gerichten zurück

Die Ehefrauen dieser sechs Personen schildern alle das Gleiche. Die Ehemänner hätten alle enorm abgenommen, sie hätten kreidebleiche Hände und seien extrem verängstigt. Keine der Ehefrauen durfte ihren Ehemann unter vier Augen sprechen. Sie waren gesetzeswidrig unter ständiger Beobachtung durch mindestens einen Polizeibeamten oder einen Gefängniswärter. Zudem wurde alles von Kameras aufgezeichnet. Alle sechs Männer hätten ihren Ehefrauen als erstes empfohlen sämtliche Anträge vor internationalen Gerichten zurückzuziehen. Sie hätten alle dieselbe Phrase wiedergegeben. So als hätten sie es auswendig lernen müssen.

“Ich will keinen Anwalt. Ziehe die Anträge und Anzeigen vor internationalen Institutionen auf unser Verschwinden und Folter zurück. Widerrufe deine Beschwerden vor türkischen Gerichten und hör auf auf Twitter darüber zu schreiben.“

Kein Beistand von Anwälten

Die Angehörigen dieser sechs Verschleppten hatten nach ihrem Auftauchen in türkischen Haftanstalten über Verwandte und Anwälte mitgeteilt, was ihnen angetan wurde. Diese Aussagen wurden auch vor Gerichten vorgetragen und fanden Eingang in Gerichtsakten. Aufgrund dessen ist das geheime Folterzentrum des türkischen Geheimdienstes MIT in Ankara aufgeflogen.

Bei den sechs Personen vom Februar 2019 wurde eine andere Strategie verfolgt. Ihnen wurde ein Treffen mit ihrem Anwalt oder einem Pflichtverteidiger von der Anwaltskammer sowie das private Treffen mit Angehörigen verweigert.

Die verängstigten Personen hatten nach monatelanger Folter keinen Anwalt gefordert, als wäre das so im Vorfeld vereinbart worden. Doch anschließend sind unbekannte Anwälte aufgetaucht. Sie wurden nicht durch die Anwaltskammer zugeteilt. Niemand weiß, wer sie bezahlt. Beim Blick auf ihre Profile erkennt man, dass es sich um Ultranationalisten handelt. Sie geben keine Informationen an die Angehörigen ihrer Mandanten weiter.

Eine dieser Anwälte ist Neslihan Koçer. Sie verteidigt vehement, dass es keine Entführung und Folter gegeben habe. Laut Anwältin Koçer hätten sich diese Personen versteckt und dann irgendwann beschlossen, sich der Polizei zu stellen. Koçer behauptet zudem, dass sie bei einem beruflichen Besuch auf dem Polizeirevier Yasin Ugan und Özgür Kaya zufällig im Korridor gesehen und danach beschlossen habe, ihre Fälle zu übernehmen. Die Frage, warum diese Personen auf ihre Familienanwälte verzichten, lässt Koçer unbeantwortet.
Koçer hat nach diesem Interview in türkischen Gerichten einen Antrag eingereicht und den Zugang zu unserem Nachrichtenportal Bold Medya in der Türkei blockieren lassen.

Anträge vor internationalen Gerichten

Nach der Entführung dieser sechs Männer haben ihre Familien monatelang gekämpft. Sie haben sich in der Türkei an jede erdenkliche Behörde und Institution ohne Erfolg gewandt. Danach haben sie sich an zwei Institutionen für internationales Recht gewandt. Einmal an die Arbeitsgruppe Entführungen der Vereinten Nationen und an das Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Diese beiden Institutionen haben diese sechs Fälle aufgenommen und von der Türkei eine entsprechende Stellungnahme gefordert.

Auch diese Angelegenheit war scheinbar Teil der Vereinbarung für ihre Überführung aus den geheimen Folterzentren des türkischen Geheimdienstes zur Antiterrorpolizei TEM. Zu den auswendig gelernten Aussprüchen zählt offensichtlich auch die Forderung danach, diese Anträge vor internationalen Institutionen zurückzuziehen. Ihre Angehörigen sind aber fest entschlossen diesen Kampf fortzuführen und ihre Anträge nicht zurückzuziehen.

Twitter der einzige freie Raum

Aufgrund der gleichgeschalteten Medien in der Türkei und der immensen Zensur bleibt den Familien keine andere Plattform als Soziale Medien. Am meisten nutzen sie dabei Twitter.

Die Hilfeschreie der Angehörigen wurden zu Tausenden geteilt und fanden auf diese Weise Gehör. Insbesondere Sümeyye Yılmaz, die Ehefrau des Physiotherapeuten Mustafa Yılmaz, hat Twitter sehr stark genutzt. Sümeyye Yılmaz glaubt, ihr Engagement auf Twitter habe einen erheblichen Beitrag dazu geleistet, dass ihr Mann heute noch lebt.

Sie glaubt nicht, dass es die Sätze ihres Mannes sein können, wenn er keinen Anwalt wolle und von ihr fordert, sie solle aufhören Twitter zu nutzen und die Anträge vor internationalen Institutionen zurückziehen: “Als hätte er das auswendig lernen müssen. Ich werde meinen Kampf fortsetzen.”

Zehra Türkmen ist die Ehefrau von Gökhan Türkmen. Auch sie will ihren Kampf weiterführen. “Ich werde meine Anträge vor internationalen Gerichten nicht zurückziehen. Ich werde diesen Rechtsstreit weiterführen. Ich werde die neun Monate, in denen mein Mann verschollen war, nicht einfach durchgehen lassen.”

Anwaltskammer darf keinen Anwalt stellen

Die Anwaltskammer von Ankara hat eine Gruppe beauftragt, die entführten sechs Personen zu treffen. Doch trotz klaren Gesetzen wurde ihnen der Zugang zu diesen Personen verweigert. Weil die Entführten die Aussage, “ich will keinen Anwalt” getätigt haben, sind auch der Anwaltskammer die Hände gebunden. Eine derartige Repression erlebt die Türkei vielleicht zum ersten Mal.

Der Menschenrechtsanwalt Kerem Altıparmak fasst die Situation mit diesen Worten zusammen:

“Die Menschen verschwinden monatelang. In dieser Zeit suchen die Familien verzweifelt nach ihren Geliebten. Nach mehreren Monaten taucht die Person dann auf und behauptet, er hätte sich versteckt. Der plötzlich wieder Aufgetauchte lehnt die Angebote für Unterstützung durch die Anwaltskammer und der Familie ab. Obwohl er die Situation kennt, in der seine Angehörigen stecken, gibt er keinen Mucks von sich. Er sagt dauernd, dass er mit einem Anwalt zusammenarbeiten will, den er nicht kennt. Eine Person, die monatelang auf der Flucht war, ist plötzlich ein Geständiger und offenbart weitere zahlreiche Namen. Diese Personen werden in speziellen Gerichten gesondert verurteilt. Was für ein Zufall, dass sich dieses Szenario bei allen Entführungen wiederholt.”

Der Menschenrechtler und HDP-Abgeordnete Ömer Faruk Gergerlioğlu spricht von auffälligen Ähnlichkeiten bei den letzten sechs entführten Personen:

“Das Verschwinden ist der wichtigste Bruch von Menschenrechten. Wir bekommen Informationen über Folter nach den Entführungen. Sie werden entführt und tauchen Monate später auf einer Polizeiwache wieder auf. In den letzten Entführungsfällen will keiner der gefundenen Menschen auf der Polizeiwache sprechen. Alle Ehepartner der Entführten glauben, dass ihre Partner nicht aus freiem Willen sprechen. Bei dem zuletzt gefundenen Gökhan Türkmen und den anderen entführten fünf Personen gibt es dieselbe Geschichte. Sie sind abgemagert, der Körper ist durch zu wenige Sonneneinstrahlen kreideweiß und sie verlangen allesamt, dass die Anträge vor internationalen Gerichten zurückgezogen werden. Immer dieselbe Situation. ”

Sondergericht

Das Sondergericht von dem Kerem Altıparmak spricht, ist das 34. Strafgericht von Ankara. Dieses Gericht ist in der Öffentlichkeit bekannt als das “MIT-Gericht.” Jene Prozesse, die vom türkischen Geheimdienst MIT verfolgt werden, werden seit September 2019 vor diesem Gericht durchgeführt. Ein Spezialgericht also, extra für den türkischen Geheimdienst eingerichtet.
Vier der Entführten wurden am 24. und 25. Oktober erstmals vor dieses Gericht gestellt. Der CHP-Abgeordnete Sezgin Tanrıkulu ist für seinen Kampf für Menschenrechte bekannt. Er wollte am ersten Prozesstag als Beobachter teilnehmen.

Tanrıkulu beschreibt seine Beobachtungen folgendermaßen: “Ich musste zusammen mit den Familien von Salim Zeybek und Özgür Kaya zwei Stunden lang herumlaufen, um zu erfahren, in welchem Gerichtssaal die beiden Herren verurteilt werden. Keine offizielle Stelle hat uns gesagt, in welchem Saal der Prozess stattfindet. Der eigene Saal des 34. Strafgerichts war leer. Es findet eine geheime Gerichtsverhandlung statt. Das ist ein Verbrechen. ”

Folterzentrum

Sechs Menschen, die seit Monaten verschwunden waren und jetzt nicht mit ihren Familien unbeobachtet sprechen können. Sie können ihre Anwälte nicht selber auswählen und Fälle werden vor geheimen Sondergerichten verhandelt. Im Gefängnis werden sie in Einzelhaft isoliert. So haben sie keine Gelegenheit um darüber zu berichten, welcher Folter sie während der Zeit ihres Verschwindens ausgesetzt waren.

Ganz anders war es bei Ayten Öztürk und Zabit Kişi. Sie wurden vor Februar 2019 verschleppt. Auch sie mussten in Folterzentren, die sie als “Bauernhof” bezeichnen monatelang. Doch sie konnten von der Folter berichten.

Ayten Öztürk

Ayten Öztürk

Vor Gericht konnten beide schriftlich und mündlich darüber berichten, was sie durchleben mussten. Die verschleppte Ayten Öztürk beispielsweise erzählt von Folter und Vergewaltigung:

“In das Folterzimmer wurde ich mit verbundenen Augen gebracht. Zuerst wurde ich ausgezogen und an den Händen an die Metallbefestigungen an der Wand gefesselt. Sie haben überall an meinem Körper dann mit einem Elektroschocker gedrückt und dann einige Zeit lang gehalten. Wenn sie das machten habe ich am ganzen Körper gezittert und ich habe dabei laut geschrien. Sie haben das so lange wiederholt, bis ich ohnmächtig wurde. Überall wo sie den Elektroschocker an meinen Körper gedrückt haben, haben sich zwei Wunden gebildet. Der Abstand zwischen ihnen betrug 2 cm. Als ich ins Gefängnis gebracht wurde haben meine Mitinsassen diese Wunden gezählt. Es gab 898 Wunden.

Wenn ich kurz davor stand ohnmächtig zu werden, haben sie mich zudem Platz mit dem Bad und WC gebracht und die Folter dort mit dem Wasserschlauch fortgesetzt. Sie haben stundenlang mit mir das Ertrinken simuliert.

Wenn der eine mit dem Wasserschlauch bereit stand hat der Andere mich festgehalten, damit der Sack über meinem Kopf sich mit Wasser füllt. Sie haben den Elektroschocker auch während des Ertrinken-Simulierens angewendet. Manchmal haben sie den Sack über meinem Kopf abgenommen und meine Auge geöffnet und in meinen Mund und meine Nase Wasser reingegeben.
Einmal ging versehentlich die Tür auf. Ich habe dann jemanden in Zivil und ohne Maske gesehen, etwa 45 Jahre alt, langes und schlankes Gesicht, Kinnbart, mit Brille, leicht graue Haare und kleinen Augen. Als er bemerkte, dass ich ihn gesehen habe, hat er schnell die Tür zugemacht und ist weggegangen. Weil ich ihn gesehen habe, haben sie die Folter intensiviert. Sie haben mich rund 5 Stunden mit Wasser gefoltert. In der restlichen Zeit des Tages haben sie mich in die Zelle oder in etwas wie einen Sarg gesteckt, in der ich stehen musste.

In dem was sie Sarg nannten war es unmöglich sich zu bewegen. In der Zelle ging bei jeder Gelegenheit die Zelle auf und es gab grobe Schläge, Drohungen und Beschimpfungen. Mindestens zwei Mal hat man mir bei dieser Gelegenheit heftige Schläge ins Gesicht und auf den Kopf gegeben. Sie haben damit solange weitergemacht bis mein Kopf und meine Nase stark geblutet, mein Gesicht und meine Augen angeschwollen und blau angelaufen sind. Sie haben mir Elektroschläge von meinem kleinen Finger und großen Fußzeh gegeben. Sie haben an meinen Fingern Metallringe angebracht und mittels einer Fernbedienung Elektroschläge gegeben. Einige Male bin ich bewusstlos geworden und konnte nicht mehr stehen. Wenn Sie mit den Elektroschocks aufgehört haben, haben sie versucht mit dem Schlagstock in mein Genitalbereich einzudringen. Sie habe alle möglichen Unsittlichkeiten versucht.

Zabit Kişi

Zabit Kişi

Der andere Verschleppte war Zabit Kişi. Kişi war 103 Tage lang in einem geheime Folterzentrum eingesperrt und erzählte vor Gericht, was er erlebt hat:

“Als ich in dieses Zentrum gebracht wurde, zog man mich komplett aus. Ich kann nicht schildern, was für eine Belästigung ich dabei erlebt und was für unsittliche Gespräche ich zu hören bekommen habe. Zwei Leute haben mich unter den Armen gegriffen und mich an so etwas wie eine Wand geworfen. Angefangen vom oberen Bereich meines Körpers haben sie meine Füße und andere Bereiche Strom ausgesetzt. Der Strom wurde zwischendurch immer stärker. Als ich in Sitzposition war, wurde meine Fußsohle nach oben gezogen und meine Zehen einzeln zerquetscht. Meine Zehen sind erst mehr als einen Monat später wieder so langsam gesund geworden. In Sitzposition wurden meine Hände in Handschellen gelegt, ich musste mit den Füßen auf die Handschellen treten. Ich hatte ein paar Tage lang Schwierigkeiten, während des Essens ein Löffel in der Hand zu halten. Da die Nerven zerstört waren, war die Sensibilität in den Fingern weg. Deshalb musste ich während meiner Zeit im Gefängnis Medikamente einnehmen. Als ich nackt war, wurde mir mit Vergewaltigung gedroht. Sie wollten mich mit einem harten Gegenstand vergewaltigen. Trotz meines Anflehens wiederholten sie das.

Als ich auf dem Boden saß, packten mich zwei Personen unter den Armen. Ich wurde dann mit einem harten Gegenstand geschlagen. Meine Rippen sind gebrochen. Bei jedem Ein-und Ausatmen habe ich ernsthafte Schmerzen gehabt, weil meine Rippen Druck auf die Leber ausgeübt haben. Ich hatte auch ernsthafte Atemprobleme und Herzprobleme, weil ich während der Folter mit einem Sack auf dem Kopf schnell und tief atmen musste. Dabei hat man von mir auch noch laute Antworten erwartet. Die Folterer wechselten, aber die Folter setzte sich intensivierend fort.”

Zabit Kişi und Ayten Öztürk haben von ihrer Folter berichtet. Dennoch hat das Gericht keine medizinische Untersuchung angeordnet. Wegen der schwerwiegenden Foltervorwürfe wurden zudem auch keine Ermittlungen eingeleitet.

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Menschenrechte

Ehefrau von Folteropfer: „Abgemagert und Ängstlich“

Zehra Türkmen ist die Ehefrau von dem bis vor Kurzem verschollenen Gökhan Türkmen. Nach neun Monaten Trennung und zerreißender Ungewissheit, hat sich das Ehepaar in dieser Woche erstmals wieder getroffen. Die mutige Frau erzählt nun über ihre Beobachtungen von ihrem Ehemann, den sie nur in Anwesenheit von Polizisten sehen durfte.

BOLD – Die schwersten Verbrechen des Erdoğan-Regimes gegen die Mitglieder der Gülen-Bewegung sind die Entführungen von Personen sowie schwere körperliche und psychische Folter gegen sie. Einer von ihnen ist Gökhan Türkmen. Neun Monate lang war er verschollen und tauchte dann vor kurzem plötzlich auf einer Polizeiwache in Ankara wieder auf. Nach Aussagen seiner Frau Zehra Türkmen wurde ihr Mann schwer misshandelt und gefoltert. Das sagt die Ehefrau nachdem sie ihren Mann unter Polizeibeobachtung endlich wieder sehen durfte. Vor der Tür stand eine Person und hinter ihnen zwei weitere Beamte. „Es war keine echte Möglichkeit gegeben frei zu reden“, schildert Türkmen die Situation des ersten Wiedersehens.

„Mein Mann hat extrem abgenommen. Er war dünner als ich es erwartet hätte. Seine Hände waren enorm blass. Seine Ängstlichkeit bekam man permanent zu spüren. Er sagte andauernd: „denk an die Kinder“. Danach sagte er mir, dass ich nichts mehr auf Twitter teilen soll“ erzählt Zehra Türkmen über ihren Mann. Er wolle keinen Anwalt und sie solle alle Anträge vor den Vereinten Nationen und vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zurückziehen. Laut Zehra Türkmen reden alle entführten und wieder freigelassenen Männer mit ihren Ehefrauen auf diese Weise. Sie habe ihrem Mann gesagt, dass sie keines der Anträge zurückziehen werde. „Wir können sie nach diesen neun Monaten doch nicht einfach so davonkommen lassen“, so die wütende Ehefrau.

WIRST DU AUF MICH WARTEN?

Ihr Mann habe sie verlegen gefragt, ob sie auf ihn warten werde. Ihre Antwort war entschieden, „Natürlich werde ich auf dich warten!“. Ich habe ihm gesagt, dass es nicht so lange dauern wird, wie er es womöglich annimmt. „Und wenn schon, ganz gleich wie lange das auch dauern mag. Wir stehen hinter dir und an deiner Seite!“.

ICH HATTE DIE HOFFNUNG VERLOREN

Obschon die verbitterte Ehefrau ihrem Mann beim ersten Termin Hoffnung gemacht hat, gibt sie unserer Redaktion zu, dass sie eigentlich die Hoffnung für ein Wiedersehen mit ihrem Mann verloren hatte. „Mein Mann war der Erste unter den Entführten sechs im Februar. Die anderen tauchten wieder auf, doch von meinem Mann gab es weiterhin keine Spur. Sie haben mir neun Monate nach seiner Entführung erstmals gesagt, dass er lebt.“ Zuvor habe sie sich ständig gefragt, ob ihr Mann noch lebe. Heute plagen sie stattdessen andere Fragen. „Geht es ihm gesundheitlich wirklich gut, hat er möglicherweise Folgeschäden? Wie sieht es aus mit seiner Psyche?“ Dennoch sei die größte Qual, die Frage danach ob er lebt oder nicht nun ad acta.

ZEHRA TÜRKMEN WAR SELBER NEUN MONATE IN HAFT

Die Ehefrau des Entführten war selbst bereits neun Monate lang im Gefängnis, von ihren Kindern getrennt. „Unsere Kinder sind noch klein. Eines ist sechs, das andere ist 11 Jahre alt. Ich habe ihnen nicht gesagt, dass ihr Vater entführt wurde. Aber sie haben Auffälligkeiten entwickelt. Etwa das Kauen an den Fingernägeln, extreme Angst und Konzentrationsschwäche. Mein Sohn kann nicht einmal alleine auf die Toilette.“ Sie wurde zwar auf Bewährung freigelassen, wurde aber zu insgesamt sechs Jahren verurteilt.

ICH WERDE DEN RECHTSWEG ABARBEITEN

Es sei wichtig, dass ihr Mann lebt und wieder aufgetaucht ist. Doch nun werde ein anderer Kampf beginnen. Zehra Türkmen will den Rechtsweg bis zum Schluss abarbeiten, „Ganz gleich, bis vor welches internationale Gericht das auch gehen mag.“ Sie sei entschlossen, vor jede Instanz zu gehen.

SECHS PERSONEN WIEDER AUFGETAUCHT, EINER FEHLT NOCH

Der am 7. Februar 2019 entführte Gökhan Türkmen ist Chemiker. Mit Türkmen wurden im Februar diesen Jahres auch Yasin Ugan, Özgür Kaya, Salim Zeybek, Erkan Irmak ve Mustafa Yılmaz entführt. Alle im Februar entführten Personen sind somit wieder aufgetaucht. Ausgeschlossen Yusuf Bilge Tunç, der seit August diesen Jahres verschwunden ist. Er befindet sich womöglich noch immer in diesem Folterzentrum.

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Aktuell

7,5 Jahre Haft – Aus dem Kosovo in den türkischen Knast

Im März 2018 entführte der türkische Geheimdienst 6 Türken. Zwei der sechs Personen wurden nun zu einer Haftstrafe von 7 Jahren und sechs Monaten verurteilt.

BOLD – Der türkische Geheimdienst MIT führte im März des vergangenen Jahres eine spektakuläre Entführungsaktion mitten in Europa durch. Im Zentrum des potentiellen EU-Beitrittskandidaten Kosovo wurden insgesamt sechs türkische Personen am hellichten Tag entführt. Der türkische Geheimdienst nutzte bei dieser illegalen Operation Privatflieger, wie in einer internationalen Recherchekooperation zwischen Correctiv, ZDF Frontal 21, Le Monde, El Pais, Haaretz, Addendum, TT, Il Fatto Quotidiano, Monday Morning belegt wurde. Die Entführungen von sechs türkischen Personen im Kosovo wurde von der Europäischen Union scharf kritisiert.

5 LEHRER UND EIN ARZT

Unter den im Kosovo entführten Personen waren der Kardiologie Professor Osman Karakaya, der Biologie Lehrer Cihan Özkan und vier weitere Lehrer Kahraman Deniz, Hasan Hüseyin Günakan, Mustafa Erdem, Yusuf Karabina. Sie waren alle in den Mehmet Akif Colleges tätig, die als Gülen-nahe Einrichtungen gelten. Alle entführten Personen hatten noch gültige Aufenthalte bis 2022.

ALLE IN HAFT – ZWEI VERURTEILT

Heute befinden sich die Entführten allesamt in türkischer Haft. Nun wurden zwei von ihnen zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie werden von der türkischen Regierung damit beschuldigt, Mitglieder der regierungskritischen Gülen Bewegung zu sein. Das Strafmaß in den Fällen Osman Karakaya und Cihan Özkan beläuft sich auf 7,5 Jahre. Also dieselbe Strafe, die das Erdogan Regime in Anlehnung an ihre Gesetze zur Terrorismusbekämpfung immer wieder verhängt.

Vor dem 30. Strafgericht von Istanbul sagte Osman Karakaya zu seiner Verteidigung, dass sie schon seit 20 Monaten in Untersuchungshaft sitzen und der Geheimdienst MIT mit der Entführungsaktion internationales Gesetz gebrochen hat.

„ICH HABE IN DEN BESTEN BILDUNGSEINRICHTUNGEN DES KOSOVO GEARBEITET“

Cihan Özkan lehnte die Vorwürfe gegen seine Person ab und forderte zugleich seine Freilassung. „Ich habe in den besten Bildungseinrichtungen des Kosovo sechs Jahre gearbeitet. Diese Einrichtungen wurden durch unseren Staat offiziell besucht. Die Bildungseinrichtungen hatten alle legalen Genehmigungen durch den Staat Kosovo erhalten. Es ist eine Bildungseinrichtungen, in der Fremdsprachen, Biologie, Physik, Chemie unterrichtet werden. Sie haben mit keiner legalen oder illegalen Struktur in der Türkei zu tun.“, so Özkaya weiter.

WAS WIR ERLEBEN MUSSTEN IST INTERNATIONALE MENSCHENVERSCHLEPPUNG

Osman Karakaya verteidigte sich mit der Behauptung, dass seine Strafakte frei von Beweisen sei, die die Anschuldigungen gegen seine Person bewahrheiten würden. Was sie erleiden mussten sei internationale Menschenverschleppung. Karakaya führte vor Gericht vor, dass die erforderlichen legalen Schritte bei Ausreisen nicht durchgeführt wurden. „Wir wurden mit einem Privatflieger ohne Passkontrolle und ohne Ticket in die Türkei gebracht. Ich bin seit 20 Monaten verhaftet und fordere meine Freilassung“.

Vor der Urteilsverkündung sagte Osman Karakaya, „Ich habe nichts strafbares getan. Ich machen Ihnen auch keine Vorwürfe. Ich hoffe auf ein gutes Urteil.“ Cihan Özkan verteidigte sich vor dem Urteil und sagte, dass er „kein Terrorist“ sei und „alle Anschuldigungen ablehne“.

FREISPRUCH VON INTERNATIONALER SPIONAGETÄTIGKEIT

Das Urteil fiel dennoch so aus, wie in den meisten anderen Fällen von Terrorismusbekämpfung. Osman Karakaya und Cihan Özkan wurden zu 7 Jahren und sechs Monaten verurteilt. Lediglich von der Anschuldigung der internationalen Spionagetätigkeit wurden die beiden Verschleppten freigesprochen. Als Anlass für die spektakuläre Entführungsaktion in einem fremden Land mitten in Europa wurde jedoch auf den dringenden Tatverdacht der internationalen Spionagetätigkeit hingewiesen. Mit diesem Urteil wurde die Begründung für ihre Entführung im Kosovo als haltlos festgestellt.

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