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Verteidigungsschrift von Ayten Öztürk an das 3. Gericht für schwere Straftaten in Istanbul

In ihrem 12-seitigen Schreiben an die zuständige Strafrechtskammer, was Bold Medya vorliegt, berichtet Ayten Öztürk über schockierende Details ihres Martyriums in einem geheimen Folterzentrum des türkischen Geheimdienstes MIT. Immer wieder wurde die Frau von ihren Peinigern geschlagen, bekam Elektroschläge und war sexueller Gewalt ausgesetzt.

Der Journalist Cevheri Güven hatte über den Fall zuvor berichtet.

Hier die komplette Verteidigungsschrift:

Ich habe erstmals meine Aussage am 10. Sep. 2018 per Videoliveschaltsystem SEGBIS gemacht und wurde eigentlich freigelassen. Weil mein Verfahren mit einem Anderen aus Ankara zusammengelegt wurde erging erneut Haftbefehl und mein Prozess wurde fortgesetzt.

Der Grund warum in Ankara gegen mich ein Verfahren eröffnet wurde, war ein Verfahren in Istanbul, weswegen es einen Haftbefehl gegen mich gab. Ich wusste nicht, dass ich gesucht wurde. Wenn ich im Verfahren in Istanbul frei gelassen werde, würde mein Haftbefehl in Ankara aufgehoben werden. Aber meine Festnahme hält dennoch aus unerklärlichen Gründen weiterhin an.

Ich werde mich zu beiden Verfahren gegen mich äußern. Aber zuerst werde ich über meine Erlebnisse erzählen, dich ich durchmachen musste. Ich such seit einem Jahr eine Instanz, der ich darüber erzählen kann. Jedesmal, wenn ich es erzählen wollte, wurde ich daran gehindert und ich wurde ignoriert. Allerdings kann die Wahrheit nicht versteckt und verborgen werden. Sie wird früher oder später zum Vorschein kommen. Deswegen verlange ich, dass was ich erzähle zu Protokoll genommen wird.

Was ich erzähle, fand an einem geheimen Ort statt, ist illegal und meine anschließend Festnahme basiert auf nach einem inszenierten Drehbuch. Was ich erlebt habe, ist absolut unmenschlich und unrechtmäßig.

In der Anklageschrift von Ankara wird mein Festnahmetermin als 28. Aug. 2018 bekanntgegeben. Dabei wurde ich die 6 Monate vor dem 28. Aug. an einem geheimen Ort festgehalten und gefoltert. Deswegen ist das Datum auf dem Untersuchungshaftprotokoll falsch und gefälscht.

Ich wurde am 8. März 2018 in einem Flughafen im Libanon durch libanesische Beamte festgenommen. Während meiner Untersuchungshaft hat mit mir eine Person namens „Kadri“ vom türkischen Generalkonsulat gesprochen und mit seinem Handy Fotos von mir gemacht. Nach diesem Treffen haben libanesische Behörden mich und meine Sachen mehrmals auf unmenschliche Weise durchsucht. Sie haben nichts straffälliges gefunden. Der Grund für meine Untersuchungshaft war ein gefälschter Pass, der jemand anderem gehört hat. Ich hatte in den letzten 10 Jahren in Syrien gelebt. Wegen des Krieges wollte ich einen Reisepass, womit ich nach Europa ausreisen konnte.

Ayten Öztürk

Die libanesischen Behörden sagten sie würden mich wieder frei lassen. Allerdings haben sie mich am 13. März Hals über Kopf zum Flughafen gebracht. Ich wurde dorthin in Handschellen und verbundenen Augen gebracht. Als wir am Flughafen angekommen sind, haben Sie mir die Augenbinde und Handschellen abgenommen. Es war ein spezieller Eingang des Flughafens. Sie haben mich hastig an einen toten Winkel gebracht. Dort haben mich Personen, die ich zuvor nicht gesehen habe, meine Augen verbunden und mir einen Sack über den Kopf gestülpt. Sie haben meine Hände hinter dem Rücken gefesselt. Ich habe gemerkt, dass es ein Privatflugzeug war, weil es sehr leise war.

Nach etwa einer Stunde Flugzeit stiegen wir aus. Ich schrie dann, dass ich entführt wurde und wie ich heiße. Dabei haben sie meinen Mund zugeklebt und mit ihren Händen verhindert, dass ich atme. Nach dem Aussteigen aus dem Flugzeug haben sie nach ca. 15 Schritten mich hastig in einen Raum gesteckt. Die selben Personen haben dort meine Handschellen abgenommen und mich unter Folter nackt ausgezogen. Dann haben sie mich in eine gepolsterte Zelle geschliffen. Meine Augen waren immer noch verbunden. Sie haben mir 2 Kleidungsstücke hingeworfen.

Ich habe dann einige Zeit die Augen verbunden und in Handschelle gewartet. Danach haben sie meine Tür auf aggressive Art geöffnet und mich in einen 6 Schritte entfernten Raum gesteckt. Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt und sind rausgegangen.

In dem Raum hat eine Person, der das „R“ nicht aussprechen kann, gesprochen: “Willkommen Ayten. Wir wollen von dir einige Sache erfahren. Es sind Dinge, die wir eigentlich wissen. Wir wollen das aber bestätigt haben. Wirst du reden,“ fragten sie. Es gab nichts, was ich mit ihnen bereden wollte.
Ein Mann mittleren Alters so vermute ich, hatte mit einem guten Türkisch zu mir gesprochen. „Schau, niemand außer mit wird mit dir reden. In diesem Raum gibt es nur dich und mich. Es gibt keine Kamera. Alles was wir reden bleibt unter uns. Danach wirst du rausgehen,“ sagte er.

Als ich sagte, ich würde nicht reden, verschärfte er den Ton. „Ich habe unendliche Befugnisse über dich erhalten. Dieser Staat hat ein Privatflugzeug wegen dir gestartet. Der Ort hier ähnelt keinem anderen. Hier macht jeder seine Arbeit professionell. Wenn du nicht redest kommst du hier nicht raus. Wir können dich Monate Jahre am Leben erhalten. Wir werden der Gesamtheit deines Körpers nicht schaden. Wirst du reden“, fragte er. Ich sagte, dass ich an einem unbekannten Ort unbekannten Personen, die mich foltern, unter keinen Umständen etwas erzählen werde. Als ich nochmal sagte, ich werde nicht reden, haben sie mich nochmal in die Zelle geworfen.

Verhörspezialist:

„Das ist kein Polizeirevier oder Gefängnis. Hier gibt es keine Höchstdauer. Es gibt nur Gott und uns. Hier haben wir das Sagen.“ Als ich wiederholte ich sage nicht, haben sie mich wieder in die Zelle geworfen.

Ich war rund 25 Tage lang hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt, mit verbunden Augen und Sack über den Kopf. Am Anfang wusste ich nicht, in welchen Abständen sie die Tür öffneten. Ich musste mein Gehirn anstrengen, damit ich meinen Verstand nicht verliere. Die Tage konnte ich anhand des Türöffnens zählen. Wenn sie mich zum Frühstücken gezwungen haben, wusste ich dass es morgens ist. Täglich zwei Mal ging die Tür wegen des Essens und drei Mal wegen des Toillettengangs auf. Sie haben mich gezwungen zu essen. In den ersten Tagen habe ich nur Wasser getrunken. Ein Glas Wasser gaben sie mir nur wenn sie mich zur Toilette gebracht haben. Manchmal haben sie nicht einmal das gegeben. Ich hatte in meiner winzigen Zelle Schwierigkeiten mit dem Sack über den Kopf zu atmen. Wegen des Wassermangels ist mein Mund, mein Hals und meine Nase ausgetrocknet. Manchmal habe ich aus der Nase geblutet und das Blut sammelte sich in meinem Gesicht und Hände und trocknete.

Außerhalb der Toilette hatte ich den ganzen Tag immer Handschellen an. Auch auf der Toilette waren meine Augen verbunden. Wegen der Handschellen hatte ich Schmerzen an meine Armen, es gab dort Schwellungen und Taubheitsgefühl.

An meinen Handgelenken hatten sich Wunden gebildet. Obwohl ich mit verbundenen Augen zur Toilette gebracht wurde, wusste ich, dass die Tür nur Halb so groß war. „Soll ich es so machen, ihr seht mich,“ sagte ich. „Ja, du wirst es so machen. Wenn wir wollen schauen wir zu“, sagte sie. Jeder Moment dort war eine Folter. „Hier gibt es keine Würde, Moral und Anstand. Das ist alles draußen geblieben,“ haben sie mich angeschrien.

Anfangs hatte mich fast jeden Tag der Mann, der das „R“ nicht aussprechen konnte, vernommen. Bei einer Vernehmung hatte er den Sack von meinem Kopf abgenommen. Meine Augen waren aber weiterhin verbunden. Der Verhörspezialist sah das Blut, was in meiner Nase angesammelt war und bis zu meinem Mund runterlief. An meinen Händen war getrocknetes Blut, meine Handgelenke waren entzündet. Ich glaube es war am Ende des ersten Monats. An diesem Tag konnte ich das erste Mal mit verbunden Augen meinen Mund und meine Nase waschen. Ich wusste, dass ich sehr schlimm roch. Aber ich wollte mich dort nicht waschen. Ich wollte nichts von ihnen. Das hat sie noch mehr verärgert. „Hier gibt es keinen Rechtsanwalt, keinen Richter und keinen Staatsanwalt. Wenn du hier stirbst, wird niemand davon erfahren, niemanden wird es interessieren. Niemand sucht und fragt nach dir. Sie haben die Hoffnung nach dir verloren. Du bist nirgends registriert,“ sagte der Verhörspezialist. Besonders in den 90er Jahren ließ man Dutzende Menschen in unserem Land verschwinden und ermordete sie. Sie konnten auch das selbe mit mir machen. Aber ich glaubte nicht, dass niemand nach mir sucht.

Als sie mir eines Nachts wieder kein Wasser gaben, ging es mir sehr schlecht. Aus einer Ecke meiner Zelle hörte ich ein Geräusch. Ich merkte, dass dort eine Kamera ist. Ich wurde 24 Stunden lang beobachtet. Morgens hatte Sie dann unter Zwang medizinisch interveniert. Sie haben mich mit verbunden Augen und in Handschellen in einer Art Sanitätsraum unweit meiner Zelle gebracht. Dort haben Sie mich mit einem elastischen Band an meinen Armen und Beinen gefesselt und mir eine Infusion gegeben. Auf der anderen Seite haben sie versucht meine Augen zu öffnen. Ich hatte meine Augen ungefähr 25 Tage lang nicht geöffnet, meine Augenlider waren verklebt. Sie haben mit einer Flüssigkeit meine Augen geöffnet. Ich konnte nicht ins Licht gucken. Anfangs konnte ich verschwommen diejenigen sehen, die den Eingriff vornahmen. Sie hatten Skimasken an. Nur ihre Augen waren zu sehen.

In dem Sanitätsraum waren 2 Stühle und Gesundheitsutensilien. Von außerhalb des Sanitätsraums konnte ich erstmals eine Frauenstimme erkennen. Es hörte sich so an, als ob sie gerade etwas organisiert „Die Kommission wird kommen, deswegen solltet ihr jenes sagen…“ so etwas ähnliches hatte sie gesagt. Weil die Frau solche Sachen sagte, und den Schrittgeräuschen oberhalb der Zelle während der Arbeitszeit vermutete ich, dass ich in einer offiziellen Einrichtung untergebracht war. Ich schätze, dass das Untergeschoss dieser offiziellen Einrichtung, dessen Ort ich nicht kenne, ein Foltertrakt war.

Nach dem medizinischen Eingriff wurde die psychische Folter fortgesetzt. „Wenn du dich weigerst zu waschen, werden sie dich mit einem Wasserschlauch und Bürste gewaltsam waschen. Jeder ordnet sich dort unter, wo er sich befindet. Wir zwingen dich zu allem,“ sagte der Folterspezialist. Das was Sie Bad nannten, war neben der Toilette und mit einem dünnen Vorhang verdeckt. Sie konnten das von dort sehen. Sie hatten auch meine besondere Tage des Waschens zu einer Folter umgewandelt. Sie hatten mir Binden einzeln gegeben und sich darüber abfällig geäußert. Es war ein Ort, an dem Menschlichkeit nicht existierte.

Manchmal tagsüber und manchmal nachts hörte man Foltergeräusche. Schreie und Weinen hörte man von nahem. Es waren immer Männerstimmen. „Wirst du reden, Soll ich deine Abis rufen? Soll ich dein Haci Abi rufen? Wenn du hier raus willst, dann rede,“ hörte ich. Ich weiß nicht, wieviele Personen dort festgehalten wurden. Anhand der Türgeräusche schätze ich, dass es 7 Zellen gab. Ich hatte mit keinem der dort Festgehaltenen Kontakt.

Schätzungsweise im zweiten Monat meines Aufenthalts dort haben sie in der Zelle meine Augenbinden abgenommen und von vorne Handschellen angelegt. Wenn sie mich von meiner Zelle zur Toilette, zur Vernehmung oder in den Sanitätsraum gebracht haben, wurden meine Augen verbunden und dabei mich bei Gelegenheit gequält.

Als meine Augenbinden in der Zelle abgenommen wurden, sah ich wie meine Zelle aussah. Ich möchte erzählen wie diese aussah. Meine Zelle war an allen Seiten mit einer Art Teppichboden bekleidet. Rechts oben war eine Kamera angebracht. Die Wände waren etwa 2 Meter hoch. An beiden Enden gab es eine Luftzufuhr, die die Größe eines Tellers hatte. Die Größe der Zelle war 1,5m x 2 m. An der obersten Stellen der Tür gab es eine Öffnung die eine Hand breit war. Die dort angebrachte Halogenleuchte machte einen Teil der Zelle hell. An der Innenseite der Tür war auch eine Art Teppichboden angebracht. Wenn ich gegen die Tür geschlagen habe, hat es keinen Lärm gemacht. Der Boden war aus hartem Schaum. In den vermeintlich regulären Arbeitszeiten hörte man vom oberen Geschoss Frauen-Absätze. Diese Geräusche kamen regelmäßig, weswegen ich vermute, dass es sich dort um eine offizielle Einrichtung handelt.

Es waren etwa 2,5 Monate vergangen. An meinem Körper hatten sich Wunden gebildet, meine Haut löste sich. Sie haben mehrfach unter Zwang medizinisch interveniert und Injektionen vorgenommen. Wegen der Wunden an meinem Körper trugen sie Gel auf meinen ganzen Körper auf und machten ständig abfällige Bemerkungen.

Nach dem letzten medizinischen Eingriff hat mich der Verhörspezialist, der das „R“ nicht aussprechen konnte, mich einem anderen übergeben. Er sagt, dieser sei befugt und werde das letzte Urteil über mich abgeben. Dadurch teilten sie mir indirekt mit, dass sie Gewalt anwenden werden. Und so ist auch geschehen. Jedesmal wenn die Zellentür aufging, wurde jeder Moment zur Folter. Ständig sagten sie, „Du wirst hier verrecken, lohnt es sich? Wer weiß schon, dass du Widerstand leistest? Was soll schon passieren, wenn du schweigst? Du bist jedem egal. Ich fi… dich in die „Fot..,“ sagte sie auf eine unangemessene Art und Weise.

Von der Belüftungsanlage gaben sie manchmal kalte und manchmal warme Luft in die Zelle. Manchmal gaben sie auch Zigarettenqualm rein. Einige Male haben sie etwa einen halben Tag lang kalte Luft reingegeben. Ich hatte das Gefühl zu erfrieren. Wenn Sie sehr heiße Luft reingegeben haben, habe ich geschwitzt und konnte kaum atmen. Manchmal gab es 6-7 Stunden laute Musik. Es war Musik, dass das Türkensein lobte. Auch Musik mit Bass und ausländische Musik sowie emotionale türkische Musik.

Psychische Folter gab es täglich. Diejenigen, die täglich an meine Tür klopften sagten: „Der Staat hat uns ausgebildet. Wir sind hier mit alles möglichem ausgestattet. Wenn du dir Knochen brichst, werden wir einen Gips anlegen. Wenn deine Organe versagen, werden wir Organe transplantieren. Wir heilen dich, machen dich fit und werden in Zeitabständen weiter foltern. Das wird so weitergehen. Das nimmt kein Ende. Das ist die Hölle. Du kannst von hier nicht gerettet werden. Wir wissen alles über die menschliche Anatomie. Wir arbeiten professionell. Du wirst nicht sterben, aber beten, dass du es tust. Wenn du eines Tages rauskommst können wir dir nicht sagen, ob du noch bei klarem Verstand sein wirst,“ sagten sie.

Ich denke, die Aufseher haben in 2 Schichten gearbeitet. In jeder Schicht gab es einen, der die Rolle des sehr Angriffslustigen und einen der die Rolle des Überzeugenden einnimmt. Aber alle warten ungeduldig mich zu foltern, weil sie mich jeden Tag bedrohten. Nach ihren Stimmen zu urteilem sind es 10 Personen gewesen. Die meisten sprachen ein gutes Türkisch. Einige sprachen einen inneranatolischen Akzent. Nach dem was ich von den Stimmen verstanden habe, waren sie auch für die gesamte Sauberkeit zuständig.

Derjenige, der sich als zuständiger Verhörexperte ausgab, sagte, ich werde sehr lange dort bleiben. Er hat den Folterknechten dort angewiesen mir alles nötige zu tun um ich zu ernähren. Nach dieser Anweisung wurde ich mit verbundenen Augen ins Verhörzimmer gebracht. Ich wurde an den Armen an Ringe an der Wand gefesselt. Während der Eine mit einem Elektroschocker Strom an meine Hände, Finger und an andere Körperstellen gab, hat der Andere mit Gewalt meinen Mund geöffnet und versucht mir Flüssignahrung zu geben. Sie haben mir einen harten Plastikschlauch in den Mund gesteckt, um mittels dessen mir Nahrung zu geben.

An meinem Mund und Lippen haben sich Wunden gebildet. Danach haben sie den Schlauch rausgezogen und meine Haare nach hinten gezogen und so die Flüssignahrung gegeben. Ich hatte Schwierigkeiten zu atmen. Mir war schlecht. Wegen der zuckerhaltigen Nahrung war meine Kleidung nass uns alles hat geklebt. Während dieser Folter war ich einen Monat mit verklebter Kleidung und dem Gestank dieser Flüssignahrung. Nach der Einnahme der Flüssignahrung gab es Essensaufnahme unter Zwang unter Androhung vom Elektroschocks und an die Decke fesseln. Nach einiger Zeit haben sie mit physischer Folter versucht mich zum Reden zu bringen. Ich werde Ihnen die nahezu 20 Tage anhaltende Folter erzählen.

Anfangs gab es morgens, mittags und abends Folter. Später dann auch nachts und noch später. In der übrigen Zeit wurde psychische Folter angewandt, gequält und ich musste stundenlang stehen.

In das Folterzimmer wurde ich mit verbundenen Augen gebracht. Zuerst wurde ich ausgezogen und an den Händen an die Metallbefestigungen an der Wand gefesselt. Sie haben überall an meinem Körper dann mit einem Elektroschocker gedrückt und dann einige Zeit lang gehalten. Wenn sie das machten habe ich am ganzen Körper gezittert und ich habe dabei laut geschrien. Sie haben das so lange wiederholt, bis ich ohnmächtig wurde. Überall wo sie den Elektroschocker an meinen Körper gedrückt haben, haben sich zwei Wunden gebildet. Der Abstand zwischen ihnen betrug 2 cm. Als ich ins Gefängnis gebracht wurde haben meine Mitinsassen diese Wunden gezählt. Es gab 898 Wunden. Wenn ich kurz davor stand ohnmächtig zu werden, haben sie mich zudem Platz mit dem Bad und WC gebracht und die Folter dort mit dem Wasserschlauch fortgesetzt. Sie haben stundenlang mit mir das Ertrinken simuliert.

Wenn der eine mit dem Wasserschlauch bereit stand hat der Andere mich festgehalten, damit der Sack über meinem Kopf sich mit Wasser füllt. Sie haben den Elektroschocker auch während des Ertrinken-Simulierens angewendet. Manchmal haben sie den Sack über meinem Kopf abgenommen und meine Auge geöffnet und in meinen Mund und meine Nase Wasser reingegeben.

Einmal ging versehentlich die Tür auf. Ich habe dann jemanden in Zivil und ohne Maske gesehen, etwa 45 Jahre alt, langes und schlankes Gesicht, Kinnbart, mit Brille, leicht graue Haare und kleinen Augen. Als er bemerkte, dass ich ihn gesehen habe, hat er schnell die Tür zugemacht und ist weggegangen. Weil ich ihn gesehen habe, haben sie die Folter intensiviert. Sie haben mich rund 5 Stunden mit Wasser gefoltert. In der restlichen Zeit des Tages haben sie mich in die Zelle oder in etwas wie einen Sarg gesteckt, in der ich stehen musste.

In dem was sie Sarg nannten war es unmöglich sich zu bewegen. In der Zelle ging bei jeder Gelegenheit die Zelle auf und es gab grobe Schläge, Drohungen und Beschimpfungen. Mindestens zwei Mal hat man mir bei dieser Gelegenheit heftige Schläge ins Gesicht und auf den Kopf gegeben. Sie haben damit solange weitergemacht bis mein Kopf und meine Nase stark geblutet, mein Gesicht und meine Augen angeschwollen und blau angelaufen sind. Sie haben mir Elektroschläge von meinem kleinen Finger und großen Fußzeh gegeben. Sie haben an meinen Fingern Metallringe angebracht und mittels einer Fernbedienung Elektroschläge gegeben. Einige Male bin ich bewusstlos geworden und konnte nicht mehr stehen. Wenn Sie mit den Elektroschocks aufgehört haben, haben sie versucht mit dem Schlagstock in mein Genitalbereich einzudringen. Sie habe alle möglichen Unsittlichkeiten versucht.Sie haben mir gedroht mich mit einem Stock, den sie als „Harbi“ bezeichneten, zu vergewaltigen.

Sie haben mich solange mit einem Schlagstock unter die Füße geschlagen, dass meine Füße so dick wie Ofenrohre angeschwollen sind. Sie haben damit gedroht meine Zehen mit einer Zange zu brechen,- Unter die Nägel von meinen 3 Fingern haben sie etwas Spitzes gesteckt und haben so meinen kleinen Finger verbrannt. Die Entzündung hat Monate gedauert, bis sie abgeheilt war. Hin und wieder haben sie mich an den Füßen aufgehangen. Dabei haben sie auf meine Füße geschlagen. Wenn mein Körper nicht mehr konnte und mir sehr schlecht wurde, haben sie dann andere Folter angewandt. Sie haben beispielsweise einen Reifen über mich gestülpt und haben dabei versucht mich mit einem Schlagstock zu vergewaltigen. Besonders während meiner Tage hat man die Folter intensiviert und mich am Schlafen gehindert.

Einmal haben sie mir Binden stundenlang vor meine Augen gehalten bis mir schlecht wurde. „Das ist noch gar nichts. Wir haben noch andere technische Möglichkeiten. Wenn nötig, werden wir dir sogar Chemikalien geben,“ sagten sie. Als ich eines Tages gefesselt war, haben sie mir eine unbekannte Flüssigkeit injiziert. Sie nannten einen unter sich „Devrim“, der bei nahezu jeder Folter dabei war. Einen anderen nannten sie“Hacı.“

Einmal haben sie mir im Verhörraum die Augenbinde abgenommen. Sie waren alle schwarz angezogen und hatte schwarze Masken an. In dem Raum waren 5 bis 6 Männer. Der Folterraum war etwa 2,5 x 4 m groß. Sobald in den Raum reinkam gab es gegenüber 2 Eisenringe an der Wand. An der Wand waren Blutflecken. Ein Teil des Raums war 2 Stufen hoch. Dort gab es einen Schreibtisch, dahinter war ein Bild von Atatürk in der Kleidung des Oberkommandierenden, einen Stuhl und einen kleinen Tisch. Auf diesem war eine Peitsche, ein Schlagstock, ein Stock, eine Zange, etwas was wie Pistole aussah, mit der sie die Elektroschocks verpasst haben und 2 Halogenleuchter.

Zu dieser Zeit haben sie mir einen Spiegel gegeben. Mein Gesicht war mehr als blau angelaufen und angeschwollen. Überall an meinem Körper gab es blaue Flecken und Wunden. Obwohl ich in dieser Situation war haben sie gesagt, dass sie mich menschlich behandelt haben und wollten, dass ich mit ihnen kooperiere. „Wir geben dir so viel Geld wie du willst“. Ich könne überall wo ich will leben, „wir geben dir eine neue Identität, aber zuerst musst du mit uns kooperieren“, sagten sie. Nach dem ich ihnen mitgeteilt hatte, dass ich nicht mit ihnen zusammenarbeiten werde, haben sie mich an die Wand gefesselt und mich ausgepeitscht.

Sie sagten, dass sie die Gewalt mit jedem Tag verstärken und andere Foltermethoden anwenden werden. Obwohl ich nichts zu sagen hatte, haben sie meinen Kopf gegen die Wand geschlagen. „Sag was du verbirgst, was motiviert dich? Was sind die Dinge, die dich motivieren,“ haben sie geschrien. Sie haben mich von einer Ecke in die andere Ecke geworfen und mir dabei die Haare rausgerissen. Sie hatten bündelweise meine Haare in ihren Händen. „Wenn wir wollen, können wir dir auch die Kopfhaut abziehen,“ sagten sie. An meinem Kopf, an meiner Stirn, an meiner Nase haben sich blauen Flecken und Schwellungen gebildet.

Sie haben mir nochmal eine Serum und dieses Gel verabreicht. So weit ich mich erinnern kann, haben sie mir 2 Tage lang dieses Serum gegeben. Sie haben gesagt, dass sie mich gesund pflegen, damit sie mich noch mehr foltern können. Die Therapiedauer hat etwa 20 Tage angehalten. In dieser Zeit haben meine Wunden 2 Männer, die maskiert, klein, alt und mit Anzug und Krawatte waren täglich in dem Folterzimmer untersucht. Es sah so aus, dass diese 2 alten Männer Verantwortliche waren. Jeden Tag haben sie mich gefragt, ob ich reden werde und bedrohten mich.
Ich schätze es war der 20. Tag der Therapiefolter. Meine Augen waren wieder verbunden und ich war in Handschellen, als sie mich wieder ins Verhörzimmer brachten. Der Verhörexperte, der zuletzt mit mir sprach sagte, „deine Zeit hier ist abgelaufen, du wirst eh gehen, wenn du willst können wir reden,“ sagte er. Als ich wieder sagte, dass ich nicht reden werde antworteten sie, „Wir werden dich der Justiz übergeben. Denk nichts anderes. Du wirst in den Gefängnissen verrotten,“ sagte er.

Anschließend haben sie mich in meine Zelle gebracht und mir meine Kleider gegeben. Sie haben mit einem Kabelbinder meine Hände von hinten gefesselt und meine Augen verbunden. Sie haben mich in ein Fahrzeug zwischen 2 Personen gesetzt, das eine hohe Stufe hatte und gegenseitig liegende Sitze und eine Schiebetür hatte. Sie haben mir Kopfhörer aufgesetzt, auf denen Geräusche vom Motorrädern zu hören waren. Etwa eine Stunde später stoppte das Auto. Sie haben mich aus dem Fahrzeug gebracht und ich bin einige Schritte gelaufen. Danach haben Sie den Kabelbinder an meinen Händen durchtrennt, meine Augenbinde abgenommen und sich mit dem Fahrzeug schnell entfernt. Die Gegend war stockdunkel. Ich habe bemerkt, wie sie Sachen vor mich gelegt hatten.

Einige Sekunden später haben mich einige Personen umzingelt. Sie näherten sich panisch, richteten ihre Taschenlampen auf mich und stellten Fragen. „Wer bist du, wie heißt du? Und ähnliche Fragen. Wir waren auf offenem Gelände. Es war höher gelegen. Von weitem sah man die Lichter der Stadt wie Punkte. Ich habe ihre Fragen nicht beantwortet. Sie taten so, als ob sie mich dort zufällig gefunden haben. Einer, dessen Haare nach hinten gekämmt waren, mit dichten und breiten Augenbrauen und dunkler Hautfarbe hat mich am Arm gepackt. Er hat den anderen zum Schein gesagt, dass sie meine Tasche durchsuchen sollen. Sie haben böse geguckt und versucht ein Klima der Angst zu schaffen. Der Selbe hat mir seinen Dienstausweis gezeigt und gesagt, „Ich bin von der Antiterrorpolizei TEM in Ankara . Es gibt eine Anzeige gegen dich.“ Sie haben mich in einen Minibus gesetzt. Sie haben mich mit meinem Namen angesprochen. „Wir haben dich festgenommen, weil du Ayten bist. Dein Name ist doch Ayten, oder? Ich habe gemerkt, dass die Antiterrorpolizei mit den Folterern zusammenarbeitet und habe nicht geantwortet.
Von diesem offenen Gelände wurde ich von der Antiterrorpolizei am 28. August 2018 weggebracht. Für die vorherige 6-monatige Folterperiode wurde nur ein gefälschter Untersuchungshaftbericht verfasst, als ob die 6-monatige Folterperiode niemals existiert hat.

Kann die Antiterrorpolizei in Ankara behauten, dass sie mich 6 Monate in Untersuchungshaft hatte und von der Folter nichts wusste? Zeigt die Antiterrorpolizei in Ankara durch ihr Verheimlichen nicht, dass sie eine Mitschuld an meiner Folter trägt? Was hätte ich mit hunderten Wunden, mit meinen annähernd 40 kg und ohne richtig stehen zu können auf offenem Gelände gesucht? Und das nachts, ohne Ankara richtig zu kennen, ohne türkisches Geld bei mir und ganz alleine. Die Sachen in der Taschen vor mir waren durcheinander. Die Antiterrorpolizisten haben sogar gesehen, dass einige Sache darin in zerrissen waren – wie können sie dann noch behaupten, dass sie mich aufgrund einer Anzeige festgenommen haben.

Die Behauptung mich dort gefunden zu haben sei rechtens, legal und logisch kann nicht richtig sein. Niemand kann dieser absurden Behauptung glauben schenken. Wenn ich schon gesucht wurde, und ich wusste das nicht einmal, warum wurden keine behördlichen Schritte unternommen? Stattdessen wurde ich entführt und gefoltert.

Wegen der Folter werde ich seit Monaten medizinisch behandelt. Die medizinische Behandlung, die Folgen der Folter und die von mir benutzten Medikamente sind in meiner Krankenakte des Gefängnisses dokumentiert. An meine Körper gibt es immernoch einige Spuren. Wegen des Muskelschwundes gibt es ab und zu in meinen Armen und Beinen Kraftlosigkeit, Taubheit und Gefühllosigkeit. Wegen der heftigen Schläge gegen meinen Kopf habe ich starke Schmerzen an der Stelle. Wegen meinem chronische Asthma, der Trägereingenschaft von Thalassämie und meiner Kehlkopf-Probleme muss ich mein Leben lang Medikamente nehmen und regelmäßig von einem Arzt kontrolliert werden. Weil ich mein Leben nicht alleine bewältigen kann, helfen mir die Mitinsassen meiner Zelle mein Leben zu führen. Wegen der Medikamente, die ich mein Leben lang einnehmen muss, sind viele meiner Wunden an meinen Körper verheilt. Die Wunden in mir werden aber nie verheilen.

Wenn wir zu den Vorwürfen zu meiner Person kommen, ich habe rund 10 Jahre in Syrien gelebt. Weil ich aus Antakya stamme und arabischstämmig bin, lebt der Großteil meiner Familie im syrischen Latakia. Ich habe dort gemeinsam mit ihnen gelebt. Ich habe dort von den USA und ihrer Verbündeten in Stücke gerissene Körper und dem Erdboden gleichgemachte Städte gesehen. Auch unter meinen Verwandten hat es Tote gegeben. Ich habe dort gemeinsam mit dem Volk Hunger, Armut, Unrechtmäßigkeit erlebt. Ich weiß, dass der Hauptverantwortliche für den Krieg in Syrien die USA sind. Amerika hat auch zuvor Millionen Menschen im Irak ermordet. Sie haben Afghanistan besetzt und sie haben Libyen zweigeteilt. Jetzt wollen sie auch in Venezuela eingreifen. Sie bedrohen den Iran und hin und wieder auch die Türkei.

In unserem Land gibt es Hunger und dutzende geheime US-Stützpunkte. Mein Zorn gegen die USA, den Hauptverantwortlichen für Hunger und Armut, und ihre Verbündeten, die uns mit Schulden abhängig von den USA gemacht haben, ist groß. Ich bin gegen das zionistische Israel und ihre Unterstützer, die das Blut der Palästinenser fließen lassen und palästinensisches Land besetzt halten. Weil ich ein anti-imperialistischer, anti-zionistischer und internationalitischer Mensch bin, gab es auch in der Vergangenheit unrechtmäßige Prozesse gegen uns. Ich habe Folter in Untersuchungshaft erlebt. Das ist nur ein Beispiel für die Unrechtmäßigkeiten in unserem Land.

Obwohl mein Land sehr liebe wollte ich die Ungerechtigkeiten nicht mehr mitmachen und habe mich deswegen entschlossen in Syrien weiterzuleben. Ich und meine Familie haben mehr als genug wegen der Unrechtmäßigkeit in unserem Land durchgemacht. In meiner Familie hat es Menschen gegeben, die ihr Leben verloren haben. Zuletzt hat meine Familie in meiner 6-monatigen Folterperiode nichts von mir gehört. Ich kann die Schmerzen meines Vaters nicht beschreiben. Er starb in dieser Zeit an seiner Sehnsucht und Sorgen. Er hat nie erfahren, dass ich am Leben war. Als er verstarb, war ich in dem geheimen Folterzentrum. Ich habe vom Tod meines Vaters an dem Tag erfahren, als ich vor Gericht gestellt wurde.

Sie würden Himmel und Hölle in Bewegung setzen, wenn ihr Kind nur eine halbe Stunde zu spät von der Schule käme, nicht wahr? Meine Familie hat sechs Monate nichts von mir gehört. Ich wurde in dieser Zeit lebendig begraben. Können Sie sich vorstellen, welche Schmerzen meine Liebsten durchgemacht haben?

Vielleicht haben Sie es jetzt verstanden, warum ich in Syrien gelebt habe. Wegen der Kriegszustände habe ich im vergangenen Jahr beschlossen in einem europäischen Staat zu leben. Ein Teil meiner Verwandtschaft war schon gegangen. Als ich versuchte habe auch nach Europa zu gehen, wurde ich festgenommen und habe all das erlebt was ich eben erzählt habe.

Ich habe nirgendwo Kontakt zu einer illegalen Organisation. Die Namen, die in der Anklage gegen mich auftauchen, kenne ich nicht. Ich habe auch keinen Code-Namen. Ich wusste nichts von einer Anklage gegen mich und das mein Name auf einer Liste steht. Warum bin ich weiterhin in Haft, obwohl es keinerlei Aktionen meinerseits gibt und Informationen gegen mich? Warum wurde ich 6 Monate lang gefoltert?

Bei meiner 3-tägigen Untersuchungshaft bei der Antiterrorpolizei TEM in Ankara wollte ich vor der Staatsanwaltschaft und dem Gericht über meine Situation die Folter erzählen. Obwohl ich mit Wunden übersät war und mit meinem abgemagerten Körper kaum stehen konnte, haben sie nicht einmal ihren Kopf erhoben. „Das Verfahren ist nicht unser Thema,“ sagten sie und ließen mich nicht weiterreden. Sie waren nicht einmal neugierig und haben keine einzige Frage gestellt. „Stell eine Strafanzeige,“ sagten sie.

Im Gefängnis habe ich Strafanzeige gestellt. Nach sehr kurzer Zeit hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Der Grund dafür war, dass ich auf der Liste stehe. Auf den Listen stehen die Namen dutzender Intellektueller, Künstler, Antiimperialisten, Antifaschisten, Revolutionäre und solchen mit demokratischer Gesinnung. Um auf der Liste zu stehen reicht es vollkommen aus, wegen einer unbedeutenden Tat gesucht zu werden.

Ich habe in die Anklageschrift aus Istanbul gegen mich reingeschaut, die der Grund für einen Haftbefehl gegen mich ist. Es ging dabei um ein Verfahren in Istanbul, womit ich ganz klar nichts zu tun habe. So klar, dass sie mich nach meiner ersten Verteidigung entlassen habe. Sie wissen sehr genau, dass in der Anklageschrift keine einzige Anschuldigung gegen mich vorliegt. Dennoch konnte ich 6 Monate an einem geheimen Ort von unbekannten Folterknechten, die sagten, sie würden für den Staat arbeiten, festgehalten werden. Wer soll dafür wie zur Rechenschaft gezogen werden? Wird das Verfahren eingestellt, so als ob das nie geschehen ist? Ich hoffe, dass Sie nicht dazu schweigen werden. Ohne vor Gericht gestellt zu werden werde ich mit Folter bestraft. Ich habe das durchlebt in einer Zeit, wo oft gesagt wird, dass es in diesem Land Null Toleranz gegen Folter gibt. Es gibt in diesem Land Folter vom Feinsten. Und wenn man dazu schweigt, wird das weitergehen. Ich zumindest werde bis zuletzt für Gerechtigkeit kämpfen. Ich rufe Sie in diesem Sinne zu Ihrer Pflicht.

In der Anklageschrift aus Ankara wurden Inhalte in der Presse und im Internet von Personen, die mich vereinnahmt haben, als „Beweis“ gewertet. Es gibt keine andere Möglichkeit als mich zu unterstützen, wenn man erfahren hat, was ich durchlebt habe. Weil es keine konkreten Beweise gegen mich gibt, versucht man mit allen Mitteln Beweise zu produzieren. Ich bin eine Antiimperialistin, Internationalistin, Revolutionärin und jemand mit demokratischer Gesinnung. Jeder der so denkt und ein Mensch ist, kann mich unterstützen und teilhaben an meinen Schmerzen. Nur diejenigen, die nicht mehr menschlich sind und Folter als das richtige Instrument sehen, sehen die Aussagen, die mich unterstützen als einen Straftatbestand.

Sie wissen ganz genau, dass dieser Prozess im Grunde ein Folter-Prozess ist. Alle Vorwürfe gegen mich sind haltlos, Repressalien. Obwohl ich längst in Freiheit sein müsste, wurden die vorherigen Gerichtstermine aus Sicherheitsgründen abgesagt. Mein Recht auf Verteidigung wurde behindert. Sie kennen die Haftbedingungen, die Situation der Gefängnisse und die täglich angewendete Willkür sehr gut.

Meine Gesundheit erlaubt es mir eigentlich nicht in geschlossenen Räumen zu sein. Neben den Wunden an meinem Körper lässt mich die durchgemachte Folter diese immer wieder aufs neueste erleben. Die Haft ist eigentlich die Fortsetzung meiner Strafe ohne Urteil, die mit der Folter anfing.

Zuletzt will ich noch ergänzen, dass ich alle Vorwürfe der Anklage zurückweise. Ich habe keine Verbindung zu einer illegalen Organisation. Ich habe auch keinen Code-Namen. Ich war an keinen illegalen Aktionen beteiligt. Ich wurde sechs Monate lang gefoltert und ich verlange, dass der Folterort untersucht und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Ich werde meinen juristischen Kampf fortsetzen, damit auch die libanesische Regierung, die mich an die türkischen Folterknechte übergeben hat, ihre Schuld eingesteht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht. Ich beantrage, dass in dieser Sachen Anstrengungen unternommen werden und beantrage meine Entlassung und Freispruch.“
AYTEN ÖZTÜRK

Allgemein

Trotz Beweisfotos sehen Richter keine Hinweise auf Folter

Es sind Bilder die zeigen, wie Dorfbewohner gefoltert wurden. Polizisten hatte die blutigen Köpfe ihrer Opfer gegen Toilettenschüsseln gedrückt und sich dabei fotografieren lassen. Das Gericht sah dennoch in den Fotos keinen Beweis für Folter. Die Peiniger sind ohne Konsequenzen davongekommen.

3.000 TL Geldstrafe auf Bewährung

Am 9. Juni 2017 hatte es einen Angriff auf die Polizeistation von Gevaş bei Van gegeben. Daraufhin wurden 4 Dorfbewohner festgenommen, die zuvor vom Pilze sammeln zurückgekommen waren. Auf dem Polizeirevier wurde die Männer stundenlang gefoltert. Die Sicherheitsbeamten hatten die Fotos sogar in den sozialen Medien geteilt. Auf den Bildern sind die vier Männer zu sehen, wie sie blutüberströmt von ihren Peinigern gefoltert werden. Das zuständige Gericht hat jetzt das Verfahren eingestellt. Das Berufungsgericht in Erzurum hat lediglich den Polizeibeamten O.Ş. zu einer Geldstrafe von 3.000 TL auf Bewährung verurteilt. Begründet hatte das Gericht sein Urteil zudem damit, dass es keine Folter sei, sondern eine Überschreitung des Rechts der Gewaltanwendung.

Belohnung für Täter

Die Richter sind der Auffassung, dass der Betroffene keine weiteren Straftaten begehen werde. Sollte der Polizeibeamte in den kommenden fünf Jahren keine Straftaten begehen, wird die Geldstrafe erlassen. Die Opfer sehen in dem Urteil eine Belohnung für die Täter, da diese praktisch ohne Strafe davonkommen werden.

Dorfbewohner waren Pilze sammeln

Vorausgegangen war ein Angriff auf das Polizeipräsidium von Gevaş bei Van am 9. Juni 2017. Danach wurden die vier Dorfbewohner von den Polizisten festgenommen, die auf dem Rückweg vom Pilzesammeln waren. Während ihres Polizeigewahrsams wurden Abdulselam Aslan (32), Cemal Aslan (53), Halil Aslan (48) und Nejdet Beysüm (29) von ihren Peinigern schwer misshandelt. In den Zeitungen tauchten Nachrichten unter dem Titel “4 Terroristen nach Anschlag auf Polizeipräsidium in Gevaş festgenommen” auf. Als die Beamten aber bemerkten, dass die Männer unschuldig sind, wurden sie wieder freigelassen.

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Allgemein

Woher stammt der Begriff „Blaue Heimat?“

“Blaue Heimat” ist nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei zu einem Begriff der türkischen Außenpolitik geworden, der richtungsweisend ist. Wer den Begriff und seine Herkunft versteht, versteht auch die heutige Türkei.

Von Fatih Yurtsever
(Übersetzt von Sven Weber)

Der Begriff “Blaue Heimat” wird in der türkischen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Der Terminus wurde von Cem Gürdeniz eingeführt. Gürdeniz wurde in den Ermittlungen im Fall “Balyoz” (Vorschlaghammer) verurteilt und bezeichnet sich selbs als Gegner der sog. “Atlantiker.” Seit dem Putschversuch ist der Begriff immer wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Der Begriff gilt zudem als “national,” also etwas positives für das Land. Deswegen verdient der Terminus eine analyse.

Erstmals wurde der Begriff “Blaue Heimat” vom Admiral a. D. Cem Gürdeniz verwendet. Gürdeniz hatte in seinen Büchern, bei seinen Fernsehauftritten und Kolumnen die Inhaftierung von Marinekommandeuren kritisiert. Dahinter steckten die “Atlantiker” und ihr verlängerter Arm in dem Land, die sich von der Blauen Heimat gestört fühlten. Jetzt wird die Rettung im östlichen Mittelmeer gesucht. Doch was bedeutet der Begriff und wer hat ihn als erstes verwendet?

Die Öffentlichkeit ging zunächst davon aus, dass das Land einen Schwerpunkt auf ihre maritime Politik legen muss. Schließlich ist das Land von drei Seiten mit Meeren umzingelt. Die östlichen Breitengerade 26 – 45 und nördlichen Breitengrade 36 – 42 seien nach Gürdeniz die Verlängerung der türkischen Herrschaft auf dem Meer. Die Türkei habe damit in diesem Gebiet mehr Rechte als andere Anrainerstaaten. Das Meer ist damit die Verlängerung türkischen Bodens.

Begriff der tatsächlichen Heimat erodiert

Tatsächlich kann nach internationalem Recht ein Land auf seinem eigenen Boden und eigenen Gewässern herrschen. Wenn schon Gewässer als “Heimat” bezeichnet werden soll, sollte das auf die eigenen Gewässer beschränkts sein. Die Türkei braucht keine Begrifflichkeiten um ihre Interessen etwa im Mittelmeer zu schützen. Das internationale Recht und ihre eigene Haltung reichen dafür vollkommen aus. Wenn man Gwässer als Heimat bezeichnet, in der andere Staaten mit ihren Kriegsschiffen Manöver abhalten, so Gerat der Begriff in Erosion. Warum wird dann der Begriff diskutiert.

Dafür muss man Cem Gündüz und seine Anti-Atlantik-Front sowie seine Beziehungen zu China vor Augen führen. Gürdeniz ist nicht der Erfinder der Blauen Heimat, sondern des Importeur aus China.

Vom Begriff “Blue National Soil” abgeleitet

China sieht das östliche und südliche chinesische Meer als sein alleiniges Herrschayftsgebiet an. Um das zu erreichen verfolgt das Land die Strategie “Blue National Soil.” In diesen Gebieten geht es so vor wie in den Gewässern innerhalb der eigenen Grenzen. Das Riesenreich versucht hier den Luft- und Meerweg für Drittländern zu sperren. Erstmals wurde diese Strategier 2010 in einem Bericht in der “The State Oceanic Administration (SOA)” veröffentlicht. Danach wurde diese Gewässer als “Blaues Land” bezeichnet.

Anrainerstaaten fühlen sich von der chinesischen Expansionspolitik gestört. Die Philippinen woll deswegen ihre Rechte vor internationalen Gerichten durchsetzen lassen, weil es seine Rechte von China verletzt sieht. Die Entscheidung des ständigen Schiedshofs in Den Haag hatten den Philippinen in fast allen Punkten Recht gegeben.

Was soll mit der “Blauen Heimat” erreicht werden?

Die Türkei hat den Begriff von chinesischen xpansionspolitik übernommen und hat ihn damit zu eienm nationalen Terminus gemacht. Die ganze Politik zum östlichen Mittelmeer stützt sich darauf und das Land zahl dafür einen hohen Preis. Die türkische Marine wird derzeit von den größten Unterstützern der Blauen Heimat kommandiert. Verträge mit Ägypten und Zypern wurden verhindert. Im östlichen Mittelmeer ist die Türkei alleine.

Der Wirtschaftsvertrag mit Libyen wird derzeit ind er Türkei als Erfolg verkauft. Schaut man genauer hin, so entpuppt sich dieser als Niederlage. Zwar gibt es dutzende Argumente für die Türkei, in dem Gebiet Einfluss zu haben. Seinen Einfluss auf einen Vertrag mit einer umstrittenen Regierung zu stützen, von der man nicht weiß, ob und wie lange sie in Zukunft an der Macht sein wird, kann nur mit der Verschleierung anderer Dinge begründet werden.

Blaue Heimat ist ein nützlicher Begriff geworden um die falsche Politik im östlichen Mittelmeer zu verschleiern. Zudem sind sämtliche Diskussionskanäle zu dem Thema nicht mehr vorhanden. Diese Politik dient auch nicht den Interessen der Türkei. Cem Gürdeniz und seine Unterstützer sehen die Zukunft der Türkei an der Seite Chinas. Ähnlich war es im Osmanischen Reich: Damals hatte eine Gruppe von Offizieren, das sog, Komitee für Einheit und Fortschritt, auch bekannt als Ittihadisten,eine Koalition mit dem Deutschen Reich gebildet und das Land in den ersten Weltkrieg reingezogen. Mit dem Import des Begriffs und der Politik aus China verleirt die Türkei auch an Legitimation auf internationlem Parkett und wird im östlichen Mittelmeer mit ihren Vorhaben alleine sein. Diese Politik respektiert zudem die Rechte der Anrainerstaaten nicht. Die Türkei wird damit zu einem Land, dass den freien Seeverkehr nicht mehr respektiert. Die Türkei braucht derzeit keine Politik der Expansion, die aus der Blauen Heimat hervorgeht, sondern eine, die sich auf Diplomatie, internationales Recht und nationale Interessen stützt.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Allgemein

Wissenschaftler Günebakan zu Flüchtlingen: „Ihr müsst euch nicht verstecken. Ihr habt eine gute Ausbildung.“

Islam Günebakan gehört zu den Wissenschaftlern , die nach dem Putschversuch 2016 entlassen wurden. Er fuhr danach Taxi und verkaufte Tomatenmark um zu überleben. Später floh er aus dem Land, indem er den Grenzfluss Mariza überquerte. Heute lebt er in Deutschland und macht den Flüchtlingen aus der Türkei Mut: “Hört auf Angst zu haben!” Bold hat mit dem Wissenschaftler gesprochen.

Von Cevheri Güven

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Der Wissenschaftler Islam Günebakan hat an der Mustafa Kemal Universität unterichtet bis er nach demPutschversuch vom 15. Juli 2016 per Dekret entlassen wurden. Damals hatte er gerade seine Doktorarbeit beendet und wartete auf seine mündliche Stellungnahme vor der Universitätsjury. Dazu kam es aber niemals. Zunächst zog sich sein Betreuer und dann auch die Jury zurück.

Um seine Familie zu ernähren, fing der fünffache Vater an Tomatenmark verkaufen und Taxi fahren. Der Druck auf den Wisenschaftler wuchs aber immer mehr. Inzwischen wurde er in seiner Umgebung als Ungläubiger (“kafir”) bezeichnet. Um schlimmeres zu verhindern schwomm der Mann über den Grenzfluss Mariza ins griechische Nachbarland. Einige Wochen später organisierte er ein Schlauchboot und schaffte es auch seine Familie aus dem Land zu bringen.

Günebakan lebt mit seiner Familie in Deutschland und hat ein neues Leben begonnen. Nach dem er die Sprache gelernt hat, ist der Mann zu seinem eigentlichen Beruf zurückgekehrt und darf jetzt seine Doktorarbeit in seiner neuen Heimat beenden.

Die Lebensgeschichte von Günebakan ist voll von Verlusten und Siegen. Er hat auch Empfehlungen an neue Flüchtlinge aus der Türkei:” Habt keine Angst. Ihr müsst euch nicht in Deutschland verstecken. Ihr habt alle eine gute Ausbildung. Versucht eure Berufe auszuüben. Ihr werdet es schaffen.”

Warten auf das Ende der Doktorarbeit

Besonders enttäuscht ist Islam Günebakan von seinen ehemaligen Kollegen:
“Ich hatte gerade meine Doktorarbeit zu Ende geschrieben. Ich musste noch vor der Universitätsjury meine Doktorarbeit verteidigen. Weil ich aber per Dekret entlassen wurde, hat mein Betreuer Ibrahim Seyrek seine Aufgabe nicht mehr ausgeübt. Später hat sich ein anderer dazu Betreuer bereit erklärt und ich konnte vor der Universitätsjury meine Doktorarbeit verteidigen.

Als sie gemerkt haben, dass ich per Dekret entlassen wurde, haben sich die Jurymitglieder beraten und sich entschieden ihr Amt niederzulegen. Ich bin dann zum Leiter meines Fachbereichs Prof. Arif Özsağır gegangen, damit wir eine Lösung finden. Er sagte nur, dass niemand sich in meinem Fall bereit erklärt Jurymitglied zu werden. “Wenn es nach mir ginge, sollte man dich nicht einmal als Studenten akzeptieren. Man sollte dir sogar die Staatsbürgerschaft entziehen,” soll der Hochschulprofessor Özsağır gesagt haben.

“Auch wenn ich im Gefängnis sein oder verurteilt sein sollte darf das Recht auf Bildung nicht gehindert werden. Mein Recht auf Bildung wurde mir weggenommen, bevor überhaupt ein Gerichtsverfahren gegen mich angefangen hat – und das von Professoren,” empört sich der Wissenschaftler.

“Meine Familie behandelte mich wie einen Terroristen”

Neben der Entlassung per Dekret leidet Günebakan besonders daran, dass seine Familie ihn nicht unterstützt hat.
“Nachdem ich entlassen wurden, habe ich meine Mutter angerufen. ´Dann wärst du mit ihnen eben nicht in Verbindung gewesen,´war ihre Reaktion. Sie hat neben mir den Nachrichtensender “A Haber” (Anm. d. Red. Sender, der regelmäßig gegen Regierungsgegner hetzt und praktischer Kontrolle von Präsident Erdoğan ist). Sie hat sich die Flagge geschnappt und hat immer wieder an den “Demokratie-Meetings” teilgenommen. Später merkte sie wer im Recht und wer im Unrecht war. Aber ihre ersten Reaktionen haben sich in mein Herz eingebrannt.

Nach meiner Entlassung war ich zu einem meiner Brüder gegangen. ´wenn es einen Bürgerkrieg gäbe würde ich dich auf der Straße töten, egal ob Bruder oder nicht.´Ähnlich mein Schwiegervater. ´Wenn wir auf die Straßen (Anm. d. Redakton in den Bürgerkrieg) gehen sollten, wären die ersten, die ich erschieße meine Tochter und mein Schwiegersohn.´

´Der Staat darf das. Neben den Schuldigen wird es sicherlich auch Unschuldige geben. Das ist etwas notwendiges,´sagte mein Vater. Als ob das nicht reicht, bekamen meine Kinder in der Schule auch den Druck zu spüren, weil sie zu diesen oder jenen gehören sollen.”

Versuchen auf den Beinen zu stehen

Nach dem Günebakan entlassen wurde und keine Hilfe von seiner Familie bekommen hat musste er alleine einen Ausweg suchen.
“Zuerst habe ich Tomatenmark verauft. Aber das ist nur Saisonarbeit. In dieser Zeit hatte die Polizei bei mir zu Hause eine Razzia gemacht. Sie suchten nach mir. Mit einer gefälschten Identität habe ich dann angefangen als Taxifahrer zu arbeiten. Manchmal kamen die Polizisten zu unserem Taxistand um sich mit den Fahrern zu unterhalten. Sie wussten, dass ich per Dekret entlassen wurde. Eine von ihnen fragte mich, ob ich Fethullah Gülen mag. Ich erwiderte, dass ich respektiere. ´Dann bist du ein Ungläubiger,´sagte er zu mir. Alle dort waren wie festgefroren. Ich merkte, dass ich diesem Land nicht mehr die Chance habe zu leben. Ich entschied mich das Land zu verlassen.”

Schwimmend den Granzfluss Mariza überquert

Günebakan hatte den Menschenschmugglern nicht getraut. Er wollte den Grenzfluss Mariza alleine überqueren und später seine Familie rüberbringen. “Ich habe auf den Landkarten nach einer Möglichkeit gesucht, wo ich am besten rüberkommen kann. Meine Freunde, die zuvor den Fluss überquert hatten, rieten mir mit einem Taxi in die Nähe des Mariza zu fahren. Während ich rüberschwomm, hielt ich meine Tasche fest.

Als ich in Griechenland angekommen war, wollte ich zunächst dort bleiben. Ich ließ mich in Thessaloniki nieder. Es war dort sehr heiß. Ich besuchte einen Griechischkurs. Natürlich musste ich auch meine Ehefrau und unsere Kinder rausholen. Ich hatte versprochen zurückzukehren, wenn ich es nicht schaffe, sie auch ins Ausland zu bringen.

Ich hatte meiner Frau und einem Freund Koordinaten am Ufer des Mariza gegeben, zu dem sie kommen sollten. Ich hatte in Thessaloniki ein Schlauchboot gekauft und ein Auto gemietet, um ebenfalls zum Fluss zu gelangen. Ich musste das Boot mit meinem Auto aufpusten und hatte deswegen keine Kraft mehr. Die Strömung war sehr stark und ich hatte Schwierigkeiten das andere Flussufer zu erreichen. Neben meiner Familie hatte am anderen Flussufer auch die Familie meines Freundes gewartet. Wir waren dann zu zehnt im Boot, weswegen es sich kaum bewegt hat. Ich bin dann ins Wasser gesprungen und merkte, dass ich Boden unter den Füßen habe. Also schob ich dass Boot wieder zurück auf die griechische Seite.

In Thessaloniki hatten wir finanzielle Schwierigkeiten. Es gab eine Ausgabestelle, die Flüchtlinge jeden Tag zwei Mal mit Essen versorgte. Ich hatte dann von dort Essen für uns organisiert. Eine Zeit lang ging das so weiter. Es war sehr schwierig dort eine Arbeit zu finden.

Anfangszeit in Deutschland

Später habe ich meine Frau und Kinder auf eine gefährliche Schiffsreise nach Italien geschickt. Anschließend bin ich alleine nach Deutschland gekommen.

Mein Ziel war es in meinem Beruf weiterzumachen. Ich hatte rund 10 Professoren angeschrieben. An einer Universität gab es ein Programm, das sich ´Integrationskampuss” nennt. Ich hatte mich dafür beworben. Ich hatte ihnen dort erzählt, dass ich meine Doktorarbeit nicht beenden konnte. Ich wurde für das Programm akzeptiert und bekamm die Gelegenheit meine Doktorarbeit auf Englisch zu beenden. Ich entschied mich zuerst aber Deutsch zu lernen. Ein Professor der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hatte mich kontaktiert und jetzt arbeite ich an meiner Doktorarbeit. Ich besuche hier zudem Vorlesungen. Wenn ich meine Doktorarbeit beendet habe, würde ich gerne an der Universität bleiben.”

“Sprache lernen ist kein großes Problem”

Die neu ankommenden Flüchtlinge aus der Türkei müssten ihre Traumata und Ängste zurücklassen. Der Doktrand empfiehlt sich im Leben sichtbar zu machen. “An meinem Wohnort gibt es einen Ausländerbeirat. Die Mitglieder werden alle fünf Jahre gewählt. Sie entwickeln Projekte für Zuwanderer, damit sie sich besser integrieren können. Ich möchte mich auch zur Wahl stellen. Im Juli wird gewählt.

Wenn die Menschen in Deutschland ankommen, sehen sie das Lernen der neuen Sprach als großes Problem an. Sie denken, ohne die Sprache kann mich hier nicht einmal bewegen. In der Kommunikation gibt es drei wichtige Faktoren: Sprache, Ton und Körpersprache. Sprache sind etwa 20 Prozent der Kommunikation. Anfangs habe ich mich mit Englisch, Türkisch und ein wenig Deutsch verständigt. Es geht nicht nur darum fehlerfrei Deutsch zu sprechen, sondern eine Verbindung aufzubauen, seine Probleme erzählen zu können.

“Seid sichtbar und hört auf Angst zu haben”

“Ängste wie nicht hörbar nicht sichtbar sein, nicht wahrgenommen werden gibt es bei den neu ankommenden Flüchtlingen aus der Türkei. Das ist ein großes Hindernis beim Vorankommen. Das sind Ängste aus der Türkei. Sie haben sogar Angst in Gruppen der Messengerdienster “WhatsApp” und “Telegram” zu sein. Wir müssen das alles hinter uns lassen.

Nicht Sprache, sondern Angst ist das Problem

Ich bin zu einer Veranstaltung von “Amnesty” gegangen, als ich auf dem B1-Niveau war. Ich habe damals kaum etwas verstanden. Ich habe mich vorgestellt und erzählt, was ich in der Türkei durchgemacht habe. Ich wollte mithelfen. Sie sagten, dass sie bald in der Innenstadt einen Stand aufmachen werden und dass ich auch dabei sein könne. Inzwischen nehme ich an ihren wöchentlichen Veranstaltungen teil.

Wäre ich in der Türkei, wäre ich in Handschellen gewesen. Hier habe ich meine Freiheit. Der Staat gibt hier mir Möglichkeiten und tut hier mehr für mich als meine Eltern es für mich getan haben.Ich bin nicht auf andere angewiesen.

Flüchtlinge sollten also nicht nur zu einem Deutschkurs gehen. Sie sollten sich auch ehrenamtlich beteiligen. Wir sollten auch unsere Erfahrungen an die neuen Flüchtlinge geben, weil wir inzwischen auch eine gewisse Erfahrung gemacht haben.”

“Auch wenn man nicht in seinem alten Beruf arbeiten kann, dann wenigsten etwas ähnliches”

Günebakan teilt die Meinung vieler Flüchtlinge nicht, dass man hier nur gewöhnlicher Arbeiten werden können.
“Ab meiner Universität gibt es einen Studentclub. Sie entwickeln dort Autoprototypen. Ich habe mich bei ihnen als freiwilliger Helfer beworben. Jetzt mache ich die Mitgliederkartei und kümmere mich um die Emails und das, als ich noch auf B1-Niveau war. Es hat sehr viel dabei geholfen die Sprache zu lernen.

Die meisten der Flüchtlinge aus der Türkei sind Lehrer. Zunächst hieß es, dass solche in ihrem alten Beruf in Bayern nicht arbeiten könnten. Manche wollten gewöhnlicher Arbeiter oder LKW-Fahrer werden. Vielleicht kann man nicht an einer regulären Schule arbeiten, aber im Bildungsbereich gibt es auch andere Möglichkeiten, z.B. An Nachhilfeschulen.

Sagt nicht ´ich kann nicht als Lehrer werden und deswegen werde ich LKW-Fahrer.´Wenn ihr nicht in euren Fächern arbeiten könnt, dann zumindest in einem anderen Fach.

 

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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