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Zabit Kişi Zabit Kişi

Menschenrechte

Folteropfer Zabit Kişi: “Ich verurteile keine Menschen mehr, die Selbstmord begehen“

29 Personen waren seit Anfang 2016 spurlos verschwunden. Von einigen dieser Personen hatte man lange Zeit nichts gehört. Dazu gehörte auch Zabit Kişi. Kişi hat jetzt seine Zeit in einem geheimen Foltergefängnis schriftlich festgehalten und Strafanzeige gestellt. Darin erhebt er schwere Foltervorwürfe gegen den türkischen Staat. 

Cevheri Güven

BOLD/ EXKLUSIV

Folter und die Türkei: In allen offiziellen Aussagen türkischer Regierungsvertreter wird das stets bestritten, wie zuletzt in der Diskussionssendung “Conflict Zone” der Deutschen Welle deutlich wurde, als Ibrahim Kalin, Sprecher des türkischen Präsidenten von dem erfahrenen Journalisten Tim Sebastian auf die Foltervorwürfe angesprochen wurde. Kalin wies hingegen die Kritik zurück, mit der Behauptung, die Türkei trete Folter und anderweitiger schlechter Behandlung mit einer „Null-Toleranz Politik“ entgegen. Auch die Bundesregierung vertraut in dieser Hinsicht offenbar auf die Ausführungen der türkischen Regierung. Dies wird in zahlreichen Bescheiden des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge von Asylantragstellern aus der Türkei ersichtlich. Es wird stets an das Versprechen der türkischen Seite erinnert, wonach Misshandlung und Folter im Rahmen von einer “Null-Toleranz Politik” unterbunden werde. Doch journalistische Recherchen und belastbare Fakten belegen das Gegenteil. Auch Black Sites von Correctiv, in einer Kooperation mit internationalen Medien, machte auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie die Türkei Menschen aus dem Ausland entführt und diese anschließend foltert.

Folteropfer brechen Schweigen

Heute, mehr als drei Jahre nach dem Putschversuch erheben immer mehr Opfer von Folter oder ihre Angehörigen ihre Stimmen. Zabit Kişi gehört zu jenen Personen, die nach dem Putschversuch im Juli 2016 ausserhalb der Türkei entführt wurden. Ihn traf es in Kasachstan. Einem Staat, das mit der Türkei historisch enge Beziehungen pflegt. Wie auch in diesem Fall, erfolgten die Entführungen meist in Kooperation zwischen den örtlichen Sicherheitskräften mit dem türkischen Geheimdienst (MIT). Nach der Entführung in Kasachstan wurde Kişi in die Türkei verfrachtet. Dann hat man lange Zeit nichts mehr von ihm gehört. Weder seine Familie, noch sein Anwalt konnten etwas über Aufenthaltsort und Zustand des Entführten erfahren. Lange Zeit wurde sogar bestritten, dass der Mann vom türkischen Staat festgenommen wurde. Erst nachdem das Amt für Geheimdienste in Kasachstan ein Schreiben ausstellte, aus dem hervorging, dass Zabit Kişi am 30. Oktober 2017 an Mitarbeiter des MIT übergeben und mit einem Flugzeug der Turkish Airlines von Almata nach Ankara gebracht wurde, hatte die Familie die bittere Wahrheit erfahren. 

Bitte um Gefängnisstrafe

Dann tauchte Zabit Kişi im Juni 2019 plötzlich vor einem Gericht in Ankara auf. Der Mann soll wegen seines Engagements in der Gülen-Bewegung verhaftet worden sein, schreiben türkische Medien über ihn. In dieser Zeit hat Kişi 30 Kilogramm abgenommen. An seinem Körper gab es Spuren von Folter. Vor Gericht bat er den Richter regelrecht um seine Festnahme. Denn der Familienvater hatte Angst um sein Leben. Letztendlich wurde er zu einer Haftstrafe von 13 Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die Foltervorwürfe wurden nicht weiter beachtet. Dennoch musste Zabit Kişi lange Zeit Medikamente einnehmen. Es hat gedauert, bis seine Wunden wieder geheilt sind. Nachdem er wieder etwas mehr zu sich kam, schrieb er seine Foltervorwürfe auf und erstattete Anzeige. 

108 Tage in einem Container untergebracht

Zabit Kişi erklärt in seiner Strafanzeige, dass er unmittelbar nach der Übergabe gefoltert wurde. Die Männer hätten sich als MIT-Mitarbeiter vorgestellt. Er habe so schwere Schläge in seinen Genitalbereich bekommen, dass er tagelang aus seinem Geschlechtsorgan geblutet habe. 

Nachdem er in Ankara ankam, habe man ihn in einen Container gebracht, das nur etwa sechs Minuten vom Flughafen entfernt liegen soll. Dort soll er nackt ausgezogen worden sein und bekam Stromschläge. Mehrere Tage habe man ihm kein Wasser gegeben, sexuell misshandelt und geschlagen. Um ihn wieder auf die Beine zu kriegen, habe man ihm Medikamente verabreicht. Nach über 100 Tagen habe man Kişi der Antiterrorpolizei TEM in Ankara übergeben. Bei der Übergabe soll ein Protokoll erstellt worden sein, wonach sich Kişi selbst der TEM ergeben hätte. 

Über ähnliche Entführungen und Folter-Methoden gab es nach dem Putschversuch in der Türkei zahlreiche Berichte. Was Kişi erlebt hat, passt bis auf ein Detail zu den Erzählungen anderer Folteropfer, wie beispielsweise Ayten Öztürk. Der Unterschied, Zabit Kişi wurde in ein Container gebracht und dort gefoltert. In den Phasen, in denen er nicht gefoltert wurde, will er die Stimmen anderer Folteropfer gehört haben.  

Auszüge aus dem Schreiben von Zabit Kişi: „Ich verurteile niemanden mehr, der Selbstmord begeht“

“Mein Name ist Zabit Kişi. Nach dem scheußlichen Putschversuch vom 15. Juli 2016 war ich plötzlich mit Verleumdungen bezüglich meiner Person konfrontiert und wurde auf meiner Rückreise von Kasachstan nach Kirgisistan aufgrund eines Haftbefehls von den kasachischen Behörden verhaftet.” Mit diesen Worten beginnt Kişi seinen Brief an die Öffentlichkeit, dass auch eine Strafanzeige gegen seine Peiniger sein soll. Was sich zunächst nach harmlos anhört, wird aber bald sehr brutal. Wenn die Vorwürfe von Kişi stimmen, muss auch die Bundesregierung ihre Haltung gegenüber der Türkei überdenken. Denn “Null-Toleranz” gegen Folter und Misshandlung hört sich anders an.

Er berichtet, wie er türkischen Personen übergeben wurde, die sich später als Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT herausstellten. Sie schlugen ihn nach eigenen Angaben permanent auf den Kopf und in die Genitalien. Dabei hätte man seine Augen und Nase mit einem Tuch zugebunden haben, sodass er Schwierigkeiten hatte zu atmen. Seine Hände mit seien mit Kabelbindern gefesselt, wodruch seine Hände schmerzten. Wegen den Schlägen auf seinen Penis habe er tagelang Blut in der Hose gehabt. All dies sei noch auf dem Flug von Kasachstan in die Türkei geschehen. 

“Ich konnte den Ort als einen Container unweit vom Flughafen in Ankara identifizieren“

Die Schmerzen von Kişi sollten noch um einiges schlimmer werden. Denn in Ankara angekommen, wurde der Familienvater in kurzer Entfernung zum Flughafen von Ankara in ein Container gebracht, wo er mehrere Monate eingesperrt bleiben sollte. Die große Folter begann dort. “Sie haben mich sofort komplett ausgezogen. Die sexuelle Misshandlung und die sexistischen Drohungen vermag mein Herz gar nicht in Worten ausdrücken. Sie haben mich an beiden Armen gehalten und gegen eine Wand geschlagen. Dann haben sie mir stufenweise Elektroschocks verpasst. Als ich saß, haben sie meine Fußsohlen nach oben gerichtet und meine Zehen einzeln zerquetscht. Sie sagten, “Wir werden eure Sippe ausrotten. Deine Frau werden wir …, du wirst sie nie wieder sehen”.”

Sexuelle Misshandlung: „Versuch gefallen daran zu entwickeln!“

Danach hätte ein Heilungsprozess seiner Zehen begonnen. Einige Nägel hätten sich in Folge dessen gelöst und seien abgefallen. Einige Tage lang habe er Probleme damit gehabt, ein Löffel zu halten, um das zu essen, was sie ihm gaben. Er habe unter Verlust seiner Sinne gelitten, weil seine Nerven beschädigt wurden, vermutet Kişi in seinem Brief weiter. Als sie ihn wieder ausgezogen haben, hätten sie ihn mit einem festen Gegenstand sexuell belästigt. “Obwohl ich sie anflehte, dass sie mir derartiges nicht antun, haben sie es weiter gemacht. Sie sagten zu mir: “Wer soll dich schon hier rausholen? Versuch einfach Gefallen daran zu entwickeln”.”

“Ich durfte erst dann duschen, als mein Gestank auch sie zu stören begann“

 Auf die Toilette hätte er nur dann gedürft, wenn seine Folterer es wollten. Mit einem Sack über dem Kopf gestüplt wurde Kişi gefoltert und mit diesem Sack sollte er auf der Toilette es schaffen, richtig zu urinieren. Wenn er das Loch verfehlte, wurde er deshalb geschlagen. “Ich durfte letztlich 2,5 Monate meine Zähne nicht putzen. Wenn ich mal meinen Mund mit frischem Wasser ausspülen wollte, haben sie es mir nicht erlaubt. Als mein Mund und mein Körper angefangen haben  zu sehr zu stinken, sodass sie selbst davon gestört waren, haben sie mir erst dann erlaubt zu duschen. Als ich geduscht habe, musste ich mit dem Rücken zu ihnen stehen, damit sie mich wieder sexuell belästigen konnten. In der Kälte musste ich nackt warten. Meine Nägel hatte ich 2,5 Monate lang nicht mehr geschnitten. Meine Schambehaarung musste ich mit Maschinen entfernen, die mit dem Blut von anderen verschmiert waren. Ich wurde permanent mit meiner Familie bedroht. Dass sie ihnen auch diese schlimmen Dinge antun. (…) Zu Leben ergab keinen Sinn mehr. Ich wollte regelrecht sterben. Heute verurteile ich diejenigen nicht mehr, die sich das Leben nehmen.”

 

Die deutsche Version des Textes ist redaktionell bearbeitet worden. Das Original finden Sie hier

Menschenrechte

Türkei: Oppositionspolitiker Tanrıkulu veröffentlicht Folterbericht

Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan spricht offiziell von einer Nulltoleranz gegen Folter. Dennoch hat es im vergangenen Jahr zahlreiche Beschwerden gegen Folter durch Sicherheitsbeamte gegeben.

Der Oppositionspolitiker Sezgin Tanrıkulu (CHP) hat für das Jahr 2019 einen Folterbericht veröffentlicht. Demnach habe es vergangenes Jahr 1.474 Beschwerden wegen Folter und Misshandlung in Polizeigewahrsam oder bei Festnahmen gegeben. 1.160 Folterfälle sollen in Gefängnissen stattgefunden haben. Tanrıkulu geht davon aus, dass sehr viele Betroffene gar keine Beschwerde gegen ihre Peiniger einlegten und die Zahl der Folterfälle deswegen „erschreckend“ höher sei.

Insgesamt sollen 2.634 Beschwerden wegen Folter und Misshandlung gestellt worden sein, so der Oppositionspolitiker. So soll es zahlreiche Fälle gegeben haben, wo Demonstranten geschlagen worden sind. In den Gefängnissen soll es im vergangenen Jahr sogar 31 Todesfälle gegeben haben.

530 Personen bei Feuergefechten getötet

Nach dem Bericht von Tanrıkulu sollen 2019 insgesamt 16 Personen ihr Leben durch außergerichtliche Exekutionen und willkürliche Erschießung verloren haben. Bei Feuergefechten habe es zudem 530 Tote gegeben. „390 Tote Tote wurden als Mitglieder von illegalen Organisationen registriert. Zwei der bei Feuergefechten getöteten waren Kinder.“

Im vergangenen Jahr wurden zudem 3 Personen durch Polizei- oder Militärfahrzeuge getötet. Zehn Personen kamen auf ungeklärte Weise während ihres Wehrdienstes ums Leben.

2019 wurden darüber hinaus 474 Frauen getötet. Auch am Arbeitsplatz wurden zahlreichen Menschen getötet: Unter ihnen 103 Frauen, 64 Kinder und 99 Flüchtlinge. Insgesamt starben am Arbeitsplatz 1.736 Personen.

119 Journalisten festgenommen

Auch für Journalisten war das Jahr 2019 in der Türkei nicht erfreulich. 119 Journalisten wurden vorübergehend festgenommen. In 22 Fällen erging Haftbefehl. 670 Personen wurden in dieser Zeit festgenommen, weil sie sich in den sozialen Medien kritisch gezeigt haben. Im vergangenen Jahr waren zudem 134 Wissenschaftler in Haft.

Versammlungs- und Demonstrantionsverbot

In verschiedenen Provinzen hat es im vergangenen Jahr Demonstrantionsverbote gegeben. Dazu zählen Hakkari, Gaziantep, Tunceli, Şırnak, Mardin, Bitlis, Mersin, İzmir, Batman, Diyarbakır, Iğdır, Van, Düzce, Muş, Kars, Kocaeli, Siirt, Bursa, Urfa, Adana, Aydın, Eskişehir, Ağrı, Hasankeyf. In Van wurde am 21. November 2019 ein Demonstrationsverbot ausgerufen, der 1.143 andauerte. Insgesamt wurde 212 Demonstrationen verboten. Bei Pressemitteilungen und Protestaktionen wurden 2019 insgesamt 4.591 Personen festgenommen.

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Menschenrechte

Als „KHK´ler“ dem Tod überlassen

Über drei Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei unter schwersten Bedingungen. Es gibt aber Bürger in dem Land, die weniger Rechte haben als diese Flüchtlinge. Es sind die per Dekret vom Staatsdienst entlassenen Opfer des Erdoğan-Regimes. 

Diese Personen bekommen hinter ihren Sozialversicherungsnummern einen Vermerk. Mit diesen Nummern können sämtliche Arbeitgeber erkennen, zu welcher isolierten Gruppe diese Menschen gehören. Sie können nicht mehr in den Staatsdienst zurückkehren. Ihnen wird kein Ausweis ausgestellt. Banken vergeben ihnen keine Kredite. Ihnen werden sogar einfache Konten verweigert. Tausende von ihnen sind heute noch im Gefängnis. Sie haben alle hohe akademische Abschlüsse.

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei wurde zunächst der Ausnahmezustand ausgerufen. Anschließend gab es zahlreiche Dekrete. Die türkische Kurzform dafür lautet “KHK” (Kanun Hükmünde Kararname). Mit diesen Dekreten wurden Tausende von ihrem staatlichen Dienst entlassen. Für viele Menschen ist das Schicksal durch diesen Kürzel “KHK” besiegelt worden – im negativen Sinne. Sie sind von Freunden, Familie und vom Berufsleben vollständig isoliert. Heute bezeichnen sich die Opfer der Dekrete als die “KHK´ler” (KHK´lı).

Rund 150 Tausend Personen hat man von ihren Berufen entlassen. Eine Vielzahl von ihnen hat Verbindungen zur Gülen-Bewegung. Die restlichen gehören überwiegend zu kurdischen und linken Gruppierungen. Diese Maßnahmen verteidigt die türkische Regierung mit einem Vergleich zu der Zeit nach dem Mauerfall in Berlin. Ibrahim Kalın, der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, sagte zu diesem Anlass, dass 500 Tausend Staatsbeamte in Ostdeutschland entlassen wurden. Doch dabei lässt Kalın außer Acht, dass diese Personen mit Abfindungszahlungen entschädigt wurden und durch den Sozialstaat aufgefangen wurden. Sie sind nicht isoliert und im Stich gelassen worden. In der Türkei wird die “Green Card”, ein Gesundheits- und Sozialleistungsausweis, den “KHK`lern” verweigert.

Probleme beim Geldabheben

Suzan Uzpak gehört zu diesen per Dekret entlassenen Opfern des Erdoğan-Regimes. Ihr Bruder hat ihr über die türkische Vakıfbank aus dem Ausland Geld überwiesen. Doch ein Bankmitarbeiter habe ihr das Geld nicht ausgezahlt. Der Grund sei, dass sie per Dekret entlassen worden ist. Laut Mitarbeiter dieser Bank habe das System “gesperrt” angezeigt. Das sei auch schon in der Vergangenheit vorgekommen. An per Dekret entlassene würden keine Gelder ausgezahlt werden. 

Ein anderer “KHK`ler” verkündete via Twitter, dass die Garanti Bank das Eröffnen eines Kontos verweigere. Nach öffentlichem Druck musste die Garanti Bank einlenken. Doch in einem Schreiben ließ die Bank wissen, dass man “nur ein Konto eröffne, aber Kredite, elektronische Überweisungen und Online-Banking nicht gestattet werden”. Die Garanti Bank gehört der spanischen Bank BBVA. Es bleibt weiterhin fraglich, ob die Bank eines Staates der Europäischen Union diese Praktiken auch in Europa durchführt.

Versicherung greift nicht 

Ein weiterer “KHK´ler”, der nicht namentlich genannt werden will, kann einen noch schlimmeren Fall vorweisen. Seine Frau hatte ein Autounfall. Eigentlich hätte die Versicherung für die Schäden aufkommen müssen. Doch das tat sie nicht. Als Begründung gab man an, dass das in den Unfall verwickelte Auto auf einen “KHK´ler” zugelassen ist. 

Diese Vorgehensweise hat ihren Ursprung im Bankenaufsichtssystem, dass den Bankinstitutionen ein Schreiben zugeschickt haben soll, in dem diese aufgefordert werden, den “KHK´lern” keine Kredite zu genehmigen. 

Keine Rechte auf finanzielle Unterstützung

Ein Großteil der “KHK´ler” sind gut ausgebildete Akademiker, viele von ihnen sind Lehrer. Durch die Codes und Vermerke in den Sozialversicherungsdaten finden viele dieser “KHK´ler” keinen Job. Der Lehrer Cemil Özen ist einer davon. Aufgrund seiner schlechten finanziellen Situation hat er die sogenannte “Grüne Karte”, die in der Türkei finanziell schwache Menschen beziehen, beantragt. Doch wegen seinem Status als “KHK´ler” wurde ihm die Karte verwehrt. 

Özen verzweifelt, “Flüchtlinge in unserem Land können zu Ärzten gehen und sich behandeln lassen. Das ist gut so und soll fortgesetzt werden. Doch wir sind Bürger dieses Staates und wir haben nicht Mal so viele Rechte wie Flüchtlinge. Wir können vom Gesundheitswesen unseres Staates nicht profitieren”.

“KHK´ler sind quasi Tote”

Die von den Dekreten betroffenen können aufgrund der Ausreisesperren auch nicht ins Ausland. Mit ihren Erfahrungen und Ausbildungen hätten viele von ihnen aber die Gelegenheit im Ausland zu arbeiten. Eine davon ist Seher Kılıç. Seher Kılıç wurde vor drei Jahren ihr Reisepass eingezogen. “Ich habe eine Anfrage gestellt, um zu erfahren, weshalb ich mein Reisepass nicht zurückbekomme. In der Antwort stand, dass hinter meiner Ausweisnummer ein Vermerk hinterlegt sei, in dem ´bedenklich, kein Ausweis ausstellen´ stehe”, erklärt Kılıç. Selbst ihre Kreditkare sei gesperrt worden und sie erhalte auch keine neue. “Meine Familie im Ausland versucht mir Geld zu überweisen. Selbst dabei bekomme ich Probleme”, schildert Kılıç weiter. 

Mehmet Alkan kennt diese Schwierigkeiten. Der Jurist wurde von seinem Dienst bei der türkischen Armee entlassen. Sein Anwaltsschein sei gekänzelt worden, weshalb er gerade nicht arbeiten kann. Alkan dazu: “Wenn Sie ein “KHK´ler” sind, sind Sie eigentlich ein Toter. Sie haben gar keine Rechte.” 

Geheime Vermerke treiben Menschen in den Tod

Ein wichtiger Grund, warum zehntausende Lehrer, Ärzte, Polizisten oder Ingenieure keinen Job in der privaten Branche finden können, ist dieser Vermerk. Markiert hinter den Sozialversicherungsnummern. In dem Vermerk heißt es übersetzt “bedenklich”. Er wird dann sogar nach Berufsgruppen unterschieden. So bekommen Menschen, die ehemals im öffentlichen Dienst gearbeitet haben, einen anderen Vermerk, als jene, die als Lehrer oder Journalisten gearbeitet haben. Menschen, die in Einrichtungen gearbeitet haben, die durch den präsidialen Erlass geschlossen oder übernommen worden sind, haben einen anderen Vermerk.

Arbeitgeber fürchten diese Vermerke. Sie wollen so gebrandmarkte Personen nicht einstellen, um unnötige Kopfschmerzen zu vermeiden. 

Das führt diese hoch ausgebildeten Menschen in eine Zwickmühle. Sie finden weder Arbeit, noch können sie aufgrund der Reisesperre das Land verlassen. Einige sind aufgrund dieser Ausweglosigkeit ins Ausland auf illegalem Wege geflohen. Teilweise sind Menschen bei diesem Versuch sogar ums Leben gekommen. Ein Beispiel ist die Familie Abdurrezzak. Uğur und Ayşe Abdurrezzak waren beide als Lehrer tätig. Wegen Verbindungen zur Gülen-Bewegung wurden sie entlassen. Auf der Flucht über den Evros an der türkisch-griechischen Grenze ist ihr Boot gekentert. Mit dabei waren ihre drei und elfjährigen Kinder. Alle Familienmitglieder kamen ums Leben.

Heute versuchen Menschen, die durch die präsidialen Erlasse entlassen wurden, über den Youtube-Kanal “KHKTV” ihre schwierige Situation der Öffentlichkeit mitzuteilen. Die von ihnen organisierten Veranstaltungen werden aber immer wieder verhindert. Die staatlichen Behörden üben weiterhin Druck auf diese Menschen aus. Das Drama der “KHK´ler” setzt sich fort. 

 

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Menschenrechte

Folteropfer im Gazi-Viertel: “Sie haben meine Wirbelsäule gebrochen”

“Halkın Hukuk Bürosu” ist eine türkische Anwalts-Vereingung, die sich seit 1989 für die Rechte der Bürger einsetzt. Jetzt hat die Organisation ein Video über Opfer einer staatlichen Entführungsaktion veröffentlicht. Darin erzählen die Gepeinigten von der schweren Folter durch Polizisten. 

BOLD – Drei Personen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten entführt. Alle drei im Gazi-Viertel ihrer Freiheit beraubt. Sie wurden zu dritt im Polizeirevier im Gazi-Viertel gefoltert. Die Anwältin Seda Şaraldı von der Anwalts-Vereinigung “Halkın Hukuk Bürosu” behauptet, dass das die Peiniger die Opfer bewusst verkrüppeln wollten. Das erkenne man an den angewandten Foltermethoden. Einem sei sogar die Wirbelsäule gebrochen worden. 

Entführung mit einem weißen Van

In einem Videobeitrag geben die Entführten ausführliche Einblicke von ihren schrecklichen Erlebnissen. Deniz Aydın, eine gefolterte Frau, erzählt den Ablauf so:

“Am 5. Januar wurden wir im Gazi-Viertel in U-Haft genommen. Sie hatten einen großen weißen Van. Sie haben plötzlich unseren Weg gekreuzt und uns ohne jegliche Erklärung ins Fahrzeug gesteckt. Sofort haben sie auf uns eingeschlagen. Die Handschellen an unsere Hände haben sie am Rücken angelegt. Dann wollten sie unsere Arme verletzen und haben entsprechenden Druck ausgeübt. Als wir im Polizeirevier ankamen haben sie gebrüllt, dass sie uns alle Knochen brechen würden, wenn wir nicht aussteigen. Aber wir sind aus den unbekannten Fahrzeugen nicht ausgestiegen. Dann haben sie uns ganze drei Etagen im Gebäude nach oben gezerrt. Dort gab es eine Abtrennung mit einer Stahltür und einer Klingel dran. Darin haben sie uns, gefesselt und mit angesicht zu Boden, geprügelt. Im Raum waren 15-20 Personen. Wir durften sie nicht ansehen. Wenn wir unser Gesicht gedreht haben, traten sie sofort mit ihren Stiefeln auf unsere Köpfe. 

Systematische Folter wie in den 80er, 90er Jahren

Danach begann die systematische Folter. Dabei wusste keiner von uns, warum wir überhaupt da sind. In Gazi gibt es eine alte Folter-Tradition aus den 80er und 90er Jahren. Das wollen sie wieder zurückbringen, damit sich niemand mehr zu etwas traut.

Nach den Schlägen mit Händen und Füßen schlugen sie mit Schlagstöcken. Sie sprachen untereinander. Die schmerzlichste Stellen seien die Waden. Deshalb schlugen sie auf unsere Waden ein. Das hat ihnen regelrecht Freude bereitet. Dass Menschen dabei Spaß empfinden, ist einfach unfassbar.

Wir waren vier Stunden dort und sie haben immer neue Methoden angewandt. Einer sagte, dass er an diesem Tag noch keine sportliche Betätigung hatte, aber uns zu schlagen sei sein sportlicher Ersatz. Als er schließlich zu müde war, ist er gegangen. Ein anderer kam. Er hat im Sitzen auf meinen Rücken eingeschlagen. Daneben schlug er immer wieder auf die Nierenzonen. Es gibt wohl einen Nierenschlag. Das verursacht innerliche Schmerzen. Unvorstellbare Schmerzen. Beleidigungen neben der Folter gehörten ohnehin zum Standard. Die brauche ich wohl gar nicht erwähnen.

“Querschnittslähmung war ihr Ziel”

Sie haben mit den Enden vom Schlagstock auf unsere Wirbelknochen geschlagen. Um die Wirbelsäulen zu brechen. Sie sagten, lass uns aus ihnen Querschnittsgelähmte machen. Sie tauschten sich über die schlimmsten Stellen aus. 

Uns hätte eine Polizistin auf gefährliche Gegenstände überprüfen müssen. Doch es waren nur Männer anwesend. Ein Polizist hat uns überprüft. Schließlich riefen sie eine Frau, damit sie das Protokoll unterzeichnet. Währenddessen sagten sie die Namen von unterschiedlichen Personen auf und behaupteten, dass diese irgendwelche Aussagen gemacht hätten. Ziel war es uns zu verunsichern und gegeneinander aufzustacheln. 

Vier Stunden lang durften wir nicht aufstehen. Im Krankenhaus brüllten sie, “Das sind Terroristen”. Wir wussten immer noch nicht, warum wir verhaftet wurden. Dennoch wurden wir inmitten der Bevölkerung diffamiert. Danach sagten sie im Krankenhaus, dass die Zeit der weißen Toros Fahrzeuge vorbei sei. Jetzt gebe es weiße Transits. Sie haben sehr deutlich gemacht, dass sie die Entführungs- und Folterpraktiken der berüchtigten weißen Toros Fahrzeuge wieder einführen werden.”

“Meine Wirbelsäule ist gebrochen”

Vedat Doğan gehört ebenfalls zu den Folteropfern. Auch er ist nach eigenen Angaben am 15. Oktober entführt worden. Doğan behauptet, dass durch die Folter seine Wirbelsäule gebrochen sei. Das habe man aber im Krankenhaus vertuschen wollen. Durch den Bruch müsse er seit mehreren Monaten ein Stahlkorsett tragen. “Ich wurde im Gazi-Viertel mit einem weißen Transit entführt. Nach einem Schlag auf meinen Rücken hat man mir Handschellen angelegt und ins Fahrzeug gezerrt”, schildert Doğan. Dabei sei ihm auch die Wirbelsäule gebrochen worden. Dann habe er Fäuste ins Gesicht bekommen. Auch seine zwei Freunde seien Folter ausgesetzt worden. Auf der Polizeiwache soll die Folter dann fortgesetzt worden sein. Vedat Doğan schildert den Ablauf so: “Auf der Polizeiwache hat man uns in einen Saal gezerrt. Dort haben wir von zehn Zivilbeamten Prügel bekommen. Anschließend haben sie uns vor die Wand gestellt. Ich habe ihnen gesagt, dass meine Wirbelsäule gebrochen ist. Trotzdem haben Sie meine Leber und sensible Stellen meines Körpers zerdrückt. Sie haben versucht, mir dadurch wehzutun. Einer versuchte seine Schuhe in meinen Mund zu stecken. Einer hat an meinen Haaren gezogen und mir damit gedroht, die Zigarette auf meinem Auge auszulöschen. Sie haben gesagt, dass sie die `Könige` im Gazi-Viertel seien und all das, was passiert sei, nur eine Art Vorspann gewesen ist. Falls ich wieder im Gazi-Viertel auftauche, würden sie mich erschießen.” 

Doğan glaubt, dass man versuche, ihn und seine Freunde von der Arbeit abzuhalten. Er arbeite gegen den Drogenhandel im Gazi-Viertel. Die Polizei lasse den Drogenhandel zu. 

Als Doğan ins Krankenhaus gebracht wurde, hätten die Polizeibeamten noch vor der Behandlung mit dem Arzt gesprochen und dafür gesorgt, dass der Arzt die Brüche nicht in den Bericht aufnimmt. “Ich habe die Foltervorfälle der Staatsanwaltschaft mitgeteilt. Aber der Staatsanwalt hat all das ignoriert. Er hat mich ständig gefragt, ob ich Mitglied einer verbotenen Organisation sei”, schildert Doğan. 

“Sie wurden für Folter ausgebildet”

Taylan Gültekin ist nach eigenen Aussagen ein weiteres Folteropfer. Er behauptet, dass die Folter, die ihm auf der Polizeiwache “Gazi” widerfahren sein soll, sich auf dem Polizeipräsidium “Vatan” fortgesetzt haben: “Die Folter hat schon angefangen, als ich festgenommen wurde. Mit Tritten, Fäusten und Schlagstock hat man versucht mir Knochen zu brechen.” Man habe auch versucht  innere Organen zu beschädigen, behauptet Gültekin: “Sie wurden zum Foltern ausgebildet”.

 

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