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Die Waffen der Putschnacht

Wer tatsächlich hinter dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 steckt, konnte bislang nicht endgültig aufgeklärt werden. Tagtäglich werden neue Kuriositäten bekannt, die die offizielle Version der türkischen Regierung über den vermeintlichen Drahtzieher des Putschversuchs über Bord werfen. Die neue Recherche des im US-Exil lebenden Journalisten Adem Yavuz Arslan zeigt die Kuriositäten noch einmal deutlich auf.

Von Adem Yavuz Arslan

Der Putschversuch vom 15. Juli 2016 gehört weiterhin zu den wichtigsten Gesprächsthemen in der Türkei. Das liegt auch vor allem daran, dass bis heute nicht eindeutig geklärt werden konnte, wer hinter dem Putschversuch tatsächlich steckt. Zwar macht die türkische Regierung um den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan den muslimischen Gelehrten Fethullah Gülen allein verantwortlich. Doch von Anfang an weisen starke Indizien auf Ungereimtheiten in dieser Theorie auf.
Zu diesen Indizien ist nun ein neues dazu gekommen. Darauf macht der im US-Exil lebende türkische Journalist Adem Yavuz Arslan in seiner aktuellen Kolumne aufmerksam.
Laut Arslan soll ein Teil der Todesopfer der Putschnacht durch Waffen getötet worden sein, die nicht zum Inventar der türkischen Streitkräfte “TSK” gehören. Dabei bezieht sich Arslan auf Dokumente aus den türkischen Gerichtsprozessen bei denen vermeintliche Putschisten verurteilt werden. So bezieht sich Arslan unter anderem auf ein Prozess vor dem 23. Strafgericht von Ankara. Dort sei laut Arslan von 377 Patronenhülsen mit einem Durchmesser von 5,56 mm die Rede. Kriminologische Berichte stellten fest, dass diese Patronenhülsen aus 44 unterschiedlichen Waffen stammen. Verurteilt werden aber in diesem Prozess 26 Personen. Es fehlen also Spuren zu 18 weiteren Waffenbesitzern. Das Gericht scheint diese wichtige Ungereimtheit zu ignorieren und unternimmt keine weiteren Untersuchungen zum Thema.

“Diese Patronen gibt es im Inventar der TSK gar nicht”
Dann geht Arslan auf ein wichtiges Detail ein. In den Autopsieberichten dreier Todesopfer werden Patronen von größerem und stärkerem Kaliber erwähnt. Diese Patronen findet man dann auch in den Fahrzeugen der Putschisten. Das Kuriose an diesem Detail ist, dass genau diese Patronen mit einem Durchmesser von 9mm nicht in dem Inventar der TSK aufgeführt sind. Das erwähnt Leutnant Necip Erkul, einer der Verurteilten in dem Prozess, in seiner Verteidigungsrede. “Diese Patronen dürfen nicht von NATO Militärpersonal verwendet werden und deshalb gibt es sie in den einzelnen Einheiten auch gar nicht”, so der Leutnant.
Zudem hätten laut Adem Yavuz Arslan gerichtsmedizinische Untersuchungen ergeben, dass die Patronen, die zum Tod dreier Opfer geführt haben, nicht zu den Waffen der Verurteilten gehören. Durch welche Waffen die Opfer letztendlich getötet worden sind, konnte bislang nicht festgestellt werden.

Der ziellose Angriff auf den Präsidentenpalast
Eine weitere Kuriosität betrifft die Ereignisse am Präsidentenpalast. Dabei soll drei Tage nach der Putschnacht eine RDY-Rakete auf das Eingangstor des Präsidentenpalastes abgefeuert worden sein. Wer genau diese Rakete abgeworfen hat, bleibt weiterhin unklar. Doch die türkische Regierung verwendet dies als ein wichtiges Propagandamaterial. Der Beschuldigte Necip Erkul teilt dazu aber ein wichtiges Detail mit. In seiner Verteidigungsrede sagt Erkul, dass diese Waffen vor etwa 15 Jahren vom Inventar der türkischen Luftwaffe gestrichen und an den türkischen Geheimdienst MIT übergeben worden sind. Der Journalist Arslan dazu: “Die Form der Bombardierung des Präsidentenpalastes war ohnehin seltsam. Wenn diese Aussage der Wahrheit entspricht, dann stehen wir vor einer großen Verschwörung. Wenn dieser Angriff tatsächlich durch eine Waffe stattgefunden hat, die nicht zum Inventar der TSK gehört, dann muss diese Waffe näher untersucht werden. Aber die Staatsanwälte und Gerichte haben diese Schritte seit dreieinhalb Jahren nicht unternommen.”
MP-5 Waffen an Zivilisten
Die Waffen, die mehr als 250 Todesopfer gefordert haben, könnten tatsächlich Schlüsselelemente der Putschnacht sein. Bereits vorher war bekannt geworden, dass Zivilisten in jener Nacht Waffen von türkischen Behörden erhalten haben. So beispielsweise vor dem Polizeipräsidium in Ankara, in der MP-5 Waffen verteilt wurden. Nach Bekanntwerden dieses Skandals musste das Gouverneursamt der Stadt den Fall eingestehen, nachdem 15 Tage später mit einer dieser Waffen ein Mord in Ankara begangen wurde, der nichts mit der Putschnacht zu tun hatte. Wie viele Waffen genau verteilt wurden und wie viele davon wieder an die Behörden zurückgebracht worden sind, ist unklar.

Hinterbliebene von Todesopfern machen auf Ungereimtheiten aufmerksam
Wer genau in der Putschnacht aktiv war, ist unklar. Neben dem türkischen Geheimdienst MIT sollen auch ehemalige Militärs in die Menschenmassen eingedrungen sein – in welcher Funktion genau und mit welcher konkreten Aufgabe, ist nicht bekannt. Diese Frage wird nochmal spannender, wenn man konkrete Einzelfälle näher unter die Lupe nimmt. Ein prominentes Beispiel ist die der Familie Olçok. In der Putschnacht sind der Ex-Mann und der Sohn von Nihal Olçok ums Leben gekommen. Nihal Olçok, die mittlerweile auch politisch aktiv geworden ist, erzählt von vielen Ungereimtheiten der Putschnacht. Ihr Ex-Mann und ihr Sohn seien durch Scharfschützen getötet worden. Offiziellen Aussagen nach ist Erol Olçok getötet worden, als er auf dem Weg zu den Soldaten war. Er habe versucht, die Soldaten von dem Fehler, einen Putsch zu begehen, zu überzeugen. Doch der Autopsiebericht kommt auf ein anderes Ergebnis. Darin heißt es, dass der Mann, aus einer höheren Perspektive erschossen wurde. Damit wäre es unmöglich, dass Soldaten den Mann am Rücken treffen. Genau das ist aber passiert, was den Anschein erwecken lässt, dass jemand aus einer andere Perspektive den Schuss abgefeuert haben muss. Wer genau das sein könnte, ist weiterhin unklar.
Es sind also sehr viele Ungereimtheiten, was die Putschnacht vom 15. Juli 2016 angehen. Es ist unklar, wer in jener Nacht aktiv war und wer wen getötet hat.

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Trotz Beweisfotos sehen Richter keine Hinweise auf Folter

Es sind Bilder die zeigen, wie Dorfbewohner gefoltert wurden. Polizisten hatte die blutigen Köpfe ihrer Opfer gegen Toilettenschüsseln gedrückt und sich dabei fotografieren lassen. Das Gericht sah dennoch in den Fotos keinen Beweis für Folter. Die Peiniger sind ohne Konsequenzen davongekommen.

3.000 TL Geldstrafe auf Bewährung

Am 9. Juni 2017 hatte es einen Angriff auf die Polizeistation von Gevaş bei Van gegeben. Daraufhin wurden 4 Dorfbewohner festgenommen, die zuvor vom Pilze sammeln zurückgekommen waren. Auf dem Polizeirevier wurde die Männer stundenlang gefoltert. Die Sicherheitsbeamten hatten die Fotos sogar in den sozialen Medien geteilt. Auf den Bildern sind die vier Männer zu sehen, wie sie blutüberströmt von ihren Peinigern gefoltert werden. Das zuständige Gericht hat jetzt das Verfahren eingestellt. Das Berufungsgericht in Erzurum hat lediglich den Polizeibeamten O.Ş. zu einer Geldstrafe von 3.000 TL auf Bewährung verurteilt. Begründet hatte das Gericht sein Urteil zudem damit, dass es keine Folter sei, sondern eine Überschreitung des Rechts der Gewaltanwendung.

Belohnung für Täter

Die Richter sind der Auffassung, dass der Betroffene keine weiteren Straftaten begehen werde. Sollte der Polizeibeamte in den kommenden fünf Jahren keine Straftaten begehen, wird die Geldstrafe erlassen. Die Opfer sehen in dem Urteil eine Belohnung für die Täter, da diese praktisch ohne Strafe davonkommen werden.

Dorfbewohner waren Pilze sammeln

Vorausgegangen war ein Angriff auf das Polizeipräsidium von Gevaş bei Van am 9. Juni 2017. Danach wurden die vier Dorfbewohner von den Polizisten festgenommen, die auf dem Rückweg vom Pilzesammeln waren. Während ihres Polizeigewahrsams wurden Abdulselam Aslan (32), Cemal Aslan (53), Halil Aslan (48) und Nejdet Beysüm (29) von ihren Peinigern schwer misshandelt. In den Zeitungen tauchten Nachrichten unter dem Titel “4 Terroristen nach Anschlag auf Polizeipräsidium in Gevaş festgenommen” auf. Als die Beamten aber bemerkten, dass die Männer unschuldig sind, wurden sie wieder freigelassen.

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Woher stammt der Begriff „Blaue Heimat?“

“Blaue Heimat” ist nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei zu einem Begriff der türkischen Außenpolitik geworden, der richtungsweisend ist. Wer den Begriff und seine Herkunft versteht, versteht auch die heutige Türkei.

Von Fatih Yurtsever
(Übersetzt von Sven Weber)

Der Begriff “Blaue Heimat” wird in der türkischen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Der Terminus wurde von Cem Gürdeniz eingeführt. Gürdeniz wurde in den Ermittlungen im Fall “Balyoz” (Vorschlaghammer) verurteilt und bezeichnet sich selbs als Gegner der sog. “Atlantiker.” Seit dem Putschversuch ist der Begriff immer wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Der Begriff gilt zudem als “national,” also etwas positives für das Land. Deswegen verdient der Terminus eine analyse.

Erstmals wurde der Begriff “Blaue Heimat” vom Admiral a. D. Cem Gürdeniz verwendet. Gürdeniz hatte in seinen Büchern, bei seinen Fernsehauftritten und Kolumnen die Inhaftierung von Marinekommandeuren kritisiert. Dahinter steckten die “Atlantiker” und ihr verlängerter Arm in dem Land, die sich von der Blauen Heimat gestört fühlten. Jetzt wird die Rettung im östlichen Mittelmeer gesucht. Doch was bedeutet der Begriff und wer hat ihn als erstes verwendet?

Die Öffentlichkeit ging zunächst davon aus, dass das Land einen Schwerpunkt auf ihre maritime Politik legen muss. Schließlich ist das Land von drei Seiten mit Meeren umzingelt. Die östlichen Breitengerade 26 – 45 und nördlichen Breitengrade 36 – 42 seien nach Gürdeniz die Verlängerung der türkischen Herrschaft auf dem Meer. Die Türkei habe damit in diesem Gebiet mehr Rechte als andere Anrainerstaaten. Das Meer ist damit die Verlängerung türkischen Bodens.

Begriff der tatsächlichen Heimat erodiert

Tatsächlich kann nach internationalem Recht ein Land auf seinem eigenen Boden und eigenen Gewässern herrschen. Wenn schon Gewässer als “Heimat” bezeichnet werden soll, sollte das auf die eigenen Gewässer beschränkts sein. Die Türkei braucht keine Begrifflichkeiten um ihre Interessen etwa im Mittelmeer zu schützen. Das internationale Recht und ihre eigene Haltung reichen dafür vollkommen aus. Wenn man Gwässer als Heimat bezeichnet, in der andere Staaten mit ihren Kriegsschiffen Manöver abhalten, so Gerat der Begriff in Erosion. Warum wird dann der Begriff diskutiert.

Dafür muss man Cem Gündüz und seine Anti-Atlantik-Front sowie seine Beziehungen zu China vor Augen führen. Gürdeniz ist nicht der Erfinder der Blauen Heimat, sondern des Importeur aus China.

Vom Begriff “Blue National Soil” abgeleitet

China sieht das östliche und südliche chinesische Meer als sein alleiniges Herrschayftsgebiet an. Um das zu erreichen verfolgt das Land die Strategie “Blue National Soil.” In diesen Gebieten geht es so vor wie in den Gewässern innerhalb der eigenen Grenzen. Das Riesenreich versucht hier den Luft- und Meerweg für Drittländern zu sperren. Erstmals wurde diese Strategier 2010 in einem Bericht in der “The State Oceanic Administration (SOA)” veröffentlicht. Danach wurde diese Gewässer als “Blaues Land” bezeichnet.

Anrainerstaaten fühlen sich von der chinesischen Expansionspolitik gestört. Die Philippinen woll deswegen ihre Rechte vor internationalen Gerichten durchsetzen lassen, weil es seine Rechte von China verletzt sieht. Die Entscheidung des ständigen Schiedshofs in Den Haag hatten den Philippinen in fast allen Punkten Recht gegeben.

Was soll mit der “Blauen Heimat” erreicht werden?

Die Türkei hat den Begriff von chinesischen xpansionspolitik übernommen und hat ihn damit zu eienm nationalen Terminus gemacht. Die ganze Politik zum östlichen Mittelmeer stützt sich darauf und das Land zahl dafür einen hohen Preis. Die türkische Marine wird derzeit von den größten Unterstützern der Blauen Heimat kommandiert. Verträge mit Ägypten und Zypern wurden verhindert. Im östlichen Mittelmeer ist die Türkei alleine.

Der Wirtschaftsvertrag mit Libyen wird derzeit ind er Türkei als Erfolg verkauft. Schaut man genauer hin, so entpuppt sich dieser als Niederlage. Zwar gibt es dutzende Argumente für die Türkei, in dem Gebiet Einfluss zu haben. Seinen Einfluss auf einen Vertrag mit einer umstrittenen Regierung zu stützen, von der man nicht weiß, ob und wie lange sie in Zukunft an der Macht sein wird, kann nur mit der Verschleierung anderer Dinge begründet werden.

Blaue Heimat ist ein nützlicher Begriff geworden um die falsche Politik im östlichen Mittelmeer zu verschleiern. Zudem sind sämtliche Diskussionskanäle zu dem Thema nicht mehr vorhanden. Diese Politik dient auch nicht den Interessen der Türkei. Cem Gürdeniz und seine Unterstützer sehen die Zukunft der Türkei an der Seite Chinas. Ähnlich war es im Osmanischen Reich: Damals hatte eine Gruppe von Offizieren, das sog, Komitee für Einheit und Fortschritt, auch bekannt als Ittihadisten,eine Koalition mit dem Deutschen Reich gebildet und das Land in den ersten Weltkrieg reingezogen. Mit dem Import des Begriffs und der Politik aus China verleirt die Türkei auch an Legitimation auf internationlem Parkett und wird im östlichen Mittelmeer mit ihren Vorhaben alleine sein. Diese Politik respektiert zudem die Rechte der Anrainerstaaten nicht. Die Türkei wird damit zu einem Land, dass den freien Seeverkehr nicht mehr respektiert. Die Türkei braucht derzeit keine Politik der Expansion, die aus der Blauen Heimat hervorgeht, sondern eine, die sich auf Diplomatie, internationales Recht und nationale Interessen stützt.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Wissenschaftler Günebakan zu Flüchtlingen: „Ihr müsst euch nicht verstecken. Ihr habt eine gute Ausbildung.“

Islam Günebakan gehört zu den Wissenschaftlern , die nach dem Putschversuch 2016 entlassen wurden. Er fuhr danach Taxi und verkaufte Tomatenmark um zu überleben. Später floh er aus dem Land, indem er den Grenzfluss Mariza überquerte. Heute lebt er in Deutschland und macht den Flüchtlingen aus der Türkei Mut: “Hört auf Angst zu haben!” Bold hat mit dem Wissenschaftler gesprochen.

Von Cevheri Güven

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Der Wissenschaftler Islam Günebakan hat an der Mustafa Kemal Universität unterichtet bis er nach demPutschversuch vom 15. Juli 2016 per Dekret entlassen wurden. Damals hatte er gerade seine Doktorarbeit beendet und wartete auf seine mündliche Stellungnahme vor der Universitätsjury. Dazu kam es aber niemals. Zunächst zog sich sein Betreuer und dann auch die Jury zurück.

Um seine Familie zu ernähren, fing der fünffache Vater an Tomatenmark verkaufen und Taxi fahren. Der Druck auf den Wisenschaftler wuchs aber immer mehr. Inzwischen wurde er in seiner Umgebung als Ungläubiger (“kafir”) bezeichnet. Um schlimmeres zu verhindern schwomm der Mann über den Grenzfluss Mariza ins griechische Nachbarland. Einige Wochen später organisierte er ein Schlauchboot und schaffte es auch seine Familie aus dem Land zu bringen.

Günebakan lebt mit seiner Familie in Deutschland und hat ein neues Leben begonnen. Nach dem er die Sprache gelernt hat, ist der Mann zu seinem eigentlichen Beruf zurückgekehrt und darf jetzt seine Doktorarbeit in seiner neuen Heimat beenden.

Die Lebensgeschichte von Günebakan ist voll von Verlusten und Siegen. Er hat auch Empfehlungen an neue Flüchtlinge aus der Türkei:” Habt keine Angst. Ihr müsst euch nicht in Deutschland verstecken. Ihr habt alle eine gute Ausbildung. Versucht eure Berufe auszuüben. Ihr werdet es schaffen.”

Warten auf das Ende der Doktorarbeit

Besonders enttäuscht ist Islam Günebakan von seinen ehemaligen Kollegen:
“Ich hatte gerade meine Doktorarbeit zu Ende geschrieben. Ich musste noch vor der Universitätsjury meine Doktorarbeit verteidigen. Weil ich aber per Dekret entlassen wurde, hat mein Betreuer Ibrahim Seyrek seine Aufgabe nicht mehr ausgeübt. Später hat sich ein anderer dazu Betreuer bereit erklärt und ich konnte vor der Universitätsjury meine Doktorarbeit verteidigen.

Als sie gemerkt haben, dass ich per Dekret entlassen wurde, haben sich die Jurymitglieder beraten und sich entschieden ihr Amt niederzulegen. Ich bin dann zum Leiter meines Fachbereichs Prof. Arif Özsağır gegangen, damit wir eine Lösung finden. Er sagte nur, dass niemand sich in meinem Fall bereit erklärt Jurymitglied zu werden. “Wenn es nach mir ginge, sollte man dich nicht einmal als Studenten akzeptieren. Man sollte dir sogar die Staatsbürgerschaft entziehen,” soll der Hochschulprofessor Özsağır gesagt haben.

“Auch wenn ich im Gefängnis sein oder verurteilt sein sollte darf das Recht auf Bildung nicht gehindert werden. Mein Recht auf Bildung wurde mir weggenommen, bevor überhaupt ein Gerichtsverfahren gegen mich angefangen hat – und das von Professoren,” empört sich der Wissenschaftler.

“Meine Familie behandelte mich wie einen Terroristen”

Neben der Entlassung per Dekret leidet Günebakan besonders daran, dass seine Familie ihn nicht unterstützt hat.
“Nachdem ich entlassen wurden, habe ich meine Mutter angerufen. ´Dann wärst du mit ihnen eben nicht in Verbindung gewesen,´war ihre Reaktion. Sie hat neben mir den Nachrichtensender “A Haber” (Anm. d. Red. Sender, der regelmäßig gegen Regierungsgegner hetzt und praktischer Kontrolle von Präsident Erdoğan ist). Sie hat sich die Flagge geschnappt und hat immer wieder an den “Demokratie-Meetings” teilgenommen. Später merkte sie wer im Recht und wer im Unrecht war. Aber ihre ersten Reaktionen haben sich in mein Herz eingebrannt.

Nach meiner Entlassung war ich zu einem meiner Brüder gegangen. ´wenn es einen Bürgerkrieg gäbe würde ich dich auf der Straße töten, egal ob Bruder oder nicht.´Ähnlich mein Schwiegervater. ´Wenn wir auf die Straßen (Anm. d. Redakton in den Bürgerkrieg) gehen sollten, wären die ersten, die ich erschieße meine Tochter und mein Schwiegersohn.´

´Der Staat darf das. Neben den Schuldigen wird es sicherlich auch Unschuldige geben. Das ist etwas notwendiges,´sagte mein Vater. Als ob das nicht reicht, bekamen meine Kinder in der Schule auch den Druck zu spüren, weil sie zu diesen oder jenen gehören sollen.”

Versuchen auf den Beinen zu stehen

Nach dem Günebakan entlassen wurde und keine Hilfe von seiner Familie bekommen hat musste er alleine einen Ausweg suchen.
“Zuerst habe ich Tomatenmark verauft. Aber das ist nur Saisonarbeit. In dieser Zeit hatte die Polizei bei mir zu Hause eine Razzia gemacht. Sie suchten nach mir. Mit einer gefälschten Identität habe ich dann angefangen als Taxifahrer zu arbeiten. Manchmal kamen die Polizisten zu unserem Taxistand um sich mit den Fahrern zu unterhalten. Sie wussten, dass ich per Dekret entlassen wurde. Eine von ihnen fragte mich, ob ich Fethullah Gülen mag. Ich erwiderte, dass ich respektiere. ´Dann bist du ein Ungläubiger,´sagte er zu mir. Alle dort waren wie festgefroren. Ich merkte, dass ich diesem Land nicht mehr die Chance habe zu leben. Ich entschied mich das Land zu verlassen.”

Schwimmend den Granzfluss Mariza überquert

Günebakan hatte den Menschenschmugglern nicht getraut. Er wollte den Grenzfluss Mariza alleine überqueren und später seine Familie rüberbringen. “Ich habe auf den Landkarten nach einer Möglichkeit gesucht, wo ich am besten rüberkommen kann. Meine Freunde, die zuvor den Fluss überquert hatten, rieten mir mit einem Taxi in die Nähe des Mariza zu fahren. Während ich rüberschwomm, hielt ich meine Tasche fest.

Als ich in Griechenland angekommen war, wollte ich zunächst dort bleiben. Ich ließ mich in Thessaloniki nieder. Es war dort sehr heiß. Ich besuchte einen Griechischkurs. Natürlich musste ich auch meine Ehefrau und unsere Kinder rausholen. Ich hatte versprochen zurückzukehren, wenn ich es nicht schaffe, sie auch ins Ausland zu bringen.

Ich hatte meiner Frau und einem Freund Koordinaten am Ufer des Mariza gegeben, zu dem sie kommen sollten. Ich hatte in Thessaloniki ein Schlauchboot gekauft und ein Auto gemietet, um ebenfalls zum Fluss zu gelangen. Ich musste das Boot mit meinem Auto aufpusten und hatte deswegen keine Kraft mehr. Die Strömung war sehr stark und ich hatte Schwierigkeiten das andere Flussufer zu erreichen. Neben meiner Familie hatte am anderen Flussufer auch die Familie meines Freundes gewartet. Wir waren dann zu zehnt im Boot, weswegen es sich kaum bewegt hat. Ich bin dann ins Wasser gesprungen und merkte, dass ich Boden unter den Füßen habe. Also schob ich dass Boot wieder zurück auf die griechische Seite.

In Thessaloniki hatten wir finanzielle Schwierigkeiten. Es gab eine Ausgabestelle, die Flüchtlinge jeden Tag zwei Mal mit Essen versorgte. Ich hatte dann von dort Essen für uns organisiert. Eine Zeit lang ging das so weiter. Es war sehr schwierig dort eine Arbeit zu finden.

Anfangszeit in Deutschland

Später habe ich meine Frau und Kinder auf eine gefährliche Schiffsreise nach Italien geschickt. Anschließend bin ich alleine nach Deutschland gekommen.

Mein Ziel war es in meinem Beruf weiterzumachen. Ich hatte rund 10 Professoren angeschrieben. An einer Universität gab es ein Programm, das sich ´Integrationskampuss” nennt. Ich hatte mich dafür beworben. Ich hatte ihnen dort erzählt, dass ich meine Doktorarbeit nicht beenden konnte. Ich wurde für das Programm akzeptiert und bekamm die Gelegenheit meine Doktorarbeit auf Englisch zu beenden. Ich entschied mich zuerst aber Deutsch zu lernen. Ein Professor der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hatte mich kontaktiert und jetzt arbeite ich an meiner Doktorarbeit. Ich besuche hier zudem Vorlesungen. Wenn ich meine Doktorarbeit beendet habe, würde ich gerne an der Universität bleiben.”

“Sprache lernen ist kein großes Problem”

Die neu ankommenden Flüchtlinge aus der Türkei müssten ihre Traumata und Ängste zurücklassen. Der Doktrand empfiehlt sich im Leben sichtbar zu machen. “An meinem Wohnort gibt es einen Ausländerbeirat. Die Mitglieder werden alle fünf Jahre gewählt. Sie entwickeln Projekte für Zuwanderer, damit sie sich besser integrieren können. Ich möchte mich auch zur Wahl stellen. Im Juli wird gewählt.

Wenn die Menschen in Deutschland ankommen, sehen sie das Lernen der neuen Sprach als großes Problem an. Sie denken, ohne die Sprache kann mich hier nicht einmal bewegen. In der Kommunikation gibt es drei wichtige Faktoren: Sprache, Ton und Körpersprache. Sprache sind etwa 20 Prozent der Kommunikation. Anfangs habe ich mich mit Englisch, Türkisch und ein wenig Deutsch verständigt. Es geht nicht nur darum fehlerfrei Deutsch zu sprechen, sondern eine Verbindung aufzubauen, seine Probleme erzählen zu können.

“Seid sichtbar und hört auf Angst zu haben”

“Ängste wie nicht hörbar nicht sichtbar sein, nicht wahrgenommen werden gibt es bei den neu ankommenden Flüchtlingen aus der Türkei. Das ist ein großes Hindernis beim Vorankommen. Das sind Ängste aus der Türkei. Sie haben sogar Angst in Gruppen der Messengerdienster “WhatsApp” und “Telegram” zu sein. Wir müssen das alles hinter uns lassen.

Nicht Sprache, sondern Angst ist das Problem

Ich bin zu einer Veranstaltung von “Amnesty” gegangen, als ich auf dem B1-Niveau war. Ich habe damals kaum etwas verstanden. Ich habe mich vorgestellt und erzählt, was ich in der Türkei durchgemacht habe. Ich wollte mithelfen. Sie sagten, dass sie bald in der Innenstadt einen Stand aufmachen werden und dass ich auch dabei sein könne. Inzwischen nehme ich an ihren wöchentlichen Veranstaltungen teil.

Wäre ich in der Türkei, wäre ich in Handschellen gewesen. Hier habe ich meine Freiheit. Der Staat gibt hier mir Möglichkeiten und tut hier mehr für mich als meine Eltern es für mich getan haben.Ich bin nicht auf andere angewiesen.

Flüchtlinge sollten also nicht nur zu einem Deutschkurs gehen. Sie sollten sich auch ehrenamtlich beteiligen. Wir sollten auch unsere Erfahrungen an die neuen Flüchtlinge geben, weil wir inzwischen auch eine gewisse Erfahrung gemacht haben.”

“Auch wenn man nicht in seinem alten Beruf arbeiten kann, dann wenigsten etwas ähnliches”

Günebakan teilt die Meinung vieler Flüchtlinge nicht, dass man hier nur gewöhnlicher Arbeiten werden können.
“Ab meiner Universität gibt es einen Studentclub. Sie entwickeln dort Autoprototypen. Ich habe mich bei ihnen als freiwilliger Helfer beworben. Jetzt mache ich die Mitgliederkartei und kümmere mich um die Emails und das, als ich noch auf B1-Niveau war. Es hat sehr viel dabei geholfen die Sprache zu lernen.

Die meisten der Flüchtlinge aus der Türkei sind Lehrer. Zunächst hieß es, dass solche in ihrem alten Beruf in Bayern nicht arbeiten könnten. Manche wollten gewöhnlicher Arbeiter oder LKW-Fahrer werden. Vielleicht kann man nicht an einer regulären Schule arbeiten, aber im Bildungsbereich gibt es auch andere Möglichkeiten, z.B. An Nachhilfeschulen.

Sagt nicht ´ich kann nicht als Lehrer werden und deswegen werde ich LKW-Fahrer.´Wenn ihr nicht in euren Fächern arbeiten könnt, dann zumindest in einem anderen Fach.

 

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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