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Menschenrechte

Wie die Türkei einen Wissenschaftler ruinierte

Hasalettin Deligöz ist mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten weltweit bekannt. Das belegen die etwa 1500 Erwähnungen seiner Arbeiten auf internationaler Bühne. Die Türkei warf ihn per Dekret aus der Arbeit und verhaftete ihn wegen Terrorismus. Nach etwa 21 Monaten wurde Deligöz wieder freigelassen. 

von SEVİNÇ ÖZARSLAN

BOLD EXKLUSIV – An der Akdeniz Universität in Antalya wurde eine Rangliste türkischer Wissenschaftler veröffentlicht, die international in Studien, Fachzeitschriften oder anderen Plattformen der akademischen Welt erwähnt wurden. Die Studie an der Akdeniz Universität leitete Prof. Dr. Engin Kardağ. Demnach gab es unter aktuell 68 Hochschulrektoren keine internationale Publikation. Weitere 71 wurden in keiner internationalen Arbeit erwähnt. Als Quelle bezog sich Kardağ auf die renommierten Datenbanken von „Scopus“ und „Web of Science“. Diese “Flaute” türkischer Rektoren wurde in der Türkei zunächst hitzig debattiert, doch anschließend völlig vergessen. Aufgrund der Tausenden Wissenschaftler, die nach dem Putschversuch per Notstandsdekrete ihre Stellen an den Universitäten verloren, ist die miserable Lage der türkischen Wissenschaft nur eine logische Folge. Seit drei Jahren leben einige der bedeutendsten Wissenschaftler der Türkei teilweise immer noch in Gefängnissen, oder in gesellschaftlicher Isolation und tragen sogar das Label eines Terroristen. Sie gehören zu der Gruppe der “KHK´ler”. KHK ist die türkische Abkürzung für Dekrete. Menschen, die durch die Dekrete geschädigt sind, bezeichnen sich selbst als “KHK´ler” und wollen auf ihre katastrophale Situation aufmerksam machen.

Auch Dr. Hasalettin Deligöz, ehemals Chemieingenieur an der Pamukkale Universität in Denizli, ist ein “KHK´ler”. Rund 21 Monate war er in Haft. Dennoch schneidet Deligöz in der Studie an der Akdeniz Universität besonders gut ab. So wurde der Ingenieur in internationalen wissenschaftlichen Publikationen insgesamt 1478 mal erwähnt. Dabei ist sein Erfolg kein Zufall. An seiner Uni, die er mitgegründet hatte, arbeitete Deligöz 19 Jahre. Auf einen Schlag wurde seine gesamte Karriere in Schutt und Asche gelegt. Am 2. August 2016 traf ihn ein Notstandsdekret, gemeinsam mit 44 weiteren Personen von der Pamukkale Universität. Im Rahmen der Ermittlungen gegen die Gülen-Bewegung, wurde Deligöz verhaftet. Die türkische Regierung macht den islamischen Gelehrten Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich. Belegt ist diese Behauptung bisweilen nicht. Genauso unbelegt war der pauschale Terrorismusvorwurf der türkischen Regierung gegen Deligöz. Denn nach 21 Monaten in Haft, wurde Deligöz von sämtlichen Anschuldigungen freigesprochen. Über seine Erlebnisse hat Deligöz mit Bold gesprochen.

Im Sommer gearbeitet und im Winter studiert 

Deligöz ist in einem Dorf bei Denizli, einer Provinz im Westen der Türkei, aufgewachsen. Sich selbst bezeichnet der Chemiker als ein „Kind Anatoliens“. Er habe in Konya an der Selçuk Universität studiert. Doch als Kind vom Dorf hatte er kaum finanzielle Mittel. So musste er im Sommer in Vollzeit arbeiten, um sein Studium im Winter finanzieren zu können. An der selben Uni hat Deligöz als wissenschaftlicher Mitarbeiter angefangen. Seinen Abschluss hat er über Kohle geschrieben, seine Doktorarbeit wiederum über den chemischen Stoff Polymer, der aus Makromolekülen besteht.

Als er 1995 seine Promotion abgeschlossen hatte, kehrte er in seine Heimat zurück. “In Denizli wurde die Pamukkale Universität erst neu gegründet. Ich habe mich für meine Heimat entschieden und begann dort zu arbeiten. Ich war bei der Gründung der Universität dabei. 19 Jahre habe ich dieser Einrichtung gedient. Nach insgesamt 27 Jahren Staatsdienst bin ich seit ca. drei Jahren in Rente. Wegen der Verhaftung bin ich derzeit arbeitslos.”, berichtet Deligöz über seine Situation.

“Sie haben über meine Abschlussarbeit gestaunt”

Deligöz erzählt von der Faszination der Jury an der Hacettepe Universität in Ankara, die seine Dissertation abnahm. Sie hätten den damals jungen Chemieingenieur ungläubig gefragt, wie er in Konya diese Leistung erbracht hätte. “Ganz besonders staunten sie über meine internationalen Publikationen”, so Deligöz. Doch als Wissenschaftler sei internationaler Austausch und eine internationale Präsentationsfläche unabdingbar. 

2002 habe ihn das niederländische Fachmagazin “Journal of Inclusion Phenomena and Macrocyclic Chemistry” kontaktiert. Sie hätten um die Freigabe seiner 25 Schriften zur Publikation gebeten. “Ich war erstaunt und etwas erschrocken. Doch dann hat mir mein Mentor den Weg geebnet und ich schrieb sie alle nochmal in Englisch für die Zeitschrift. So begann meine Popularität im Ausland”. 

64 Aufsätze, 1478 Erwähnungen

In seinem Fachgebiet der Polymere habe Deligöz laut 64 Aufsätze verfasst. Rund 1500 Mal wurde er in anderen Arbeiten erwähnt. Doch mit all dem sei jetzt Schluss. Denn die Türkei bestrafe Erfolg. Deligöz geht sogar von weit mehr Erwähnungen aus, doch seit seiner Entlassung und Verhaftung habe er einen Großteil seines Netzwerks verloren. Zum Teil durch die Haft selbst und zum Teil wegen der heute nicht mehr existierenden E-Mail-Adresse. 

Vorwurf lautet wie so oft Terrorismus

“Ich habe niemals in meinem Leben irgendeine Verbindung zu irgendeiner Gruppierung oder Struktur gehabt. Während des Studiums habe ich in meiner eigenen Wohnung gelebt. Ich war in keinem Wohnheim und auch in keiner WG. Als ich studierte, habe ich gekellnert. Auch in London war ich für eine Weile. Der Staat hat mich nicht finanziert. Dort habe ich auch gearbeitet, nämlich als Pizzabäcker. So habe ich diesen Status erlangt. Mit Fleiß also.” So seien die Vorwürfe gegen ihn auch lächerlich gewesen. 

Trotzdem saß der Wissenschaftler 21 Monate in Haft. Über die Zeit im Gefängnis sagt Deligöz heute, dass es sehr schwer war. In einer Zelle für vier, saßen wir mit insgesamt elf Personen. Mitinsassen aus der Baubranche haben berechnet, dass wir pro Person 2,1 Quadratmeter zu Verfügung hatten, erinnert sich der Wissenschaftler. “Man muss da mit jedem auf engstem Raum klarkommen. Es waren Imbiss-Betreiber, Bauarbeiter, Notare, Imame usw. darunter. Keine einfache Sache, dort miteinander klar zu kommen.”, erzählt Deligöz heute von den Schwierigkeiten.

Doch auch gute Dinge seien passiert. Drei Zellen nebeneinander hatten ca. 33 Insassen. Jede Woche wurden insgesamt 33 Bücher zu Ende gelesen. Die Bücher wurden dann untereinander ausgetauscht. Dennoch sei es eine schlimme Zeit. “21 Monate ohne Kinder und die Familie eingesperrt”, beklagt Deligöz die Situation heute. Am 15. April 2018 dann, als wäre nie etwas passiert, wurde er plötzlich wieder entlassen. Mit ihm zusammen wurden insgesamt 48 Personen aus der Haft entlassen. “Alle Akten waren leer. Der Richter sagte selbst, dass die Strafen viel zu hoch seien. Schlussendlich wurden mit mir 115 Personen wegen unterschiedlicher Anschuldigungen eingesperrt. Unser Land hat völlig unnötig so viele Jahre liegen lassen”, ist sich Deligöz heute sicher.

 

Menschenrechte

Gefängnis in Afyon: „Ihr könnt foltern, aber hinterlasst keine Spuren!“

Immer wieder werden in der Türkei Folterfälle bekannt. Jetzt haben verschieden Organisationen einen umfangreichen Bericht zu dem Thema verfasst. Im Mittelpunkt des gemeinsamen Berichts der Ärztekammer von Ankara (Ankara Tabip Odası), der Menschenrechtskommission ( İnsan Hakları Komisyonu), die Föderation der Angehörigen von Gefangegen (İnsan Hakları Komisyonu MED Tutuklu ve Hükümlü Aileleri Hukuki ve Dayanışma Dernekleri Federasyonu) und der Verein von Juristen für Freiheit in Ankara (Özgürlük İçin Hukukçular Derneği) stand das Gefängnis von Afyon (Afyon 1 No’lu T Tipi Kapalı Hapishanesi).

Bei der Vorstellung des Berichts hat der Vorsitzende des Menschenrechtsvereins IHD Öztürk Türkdoğan auf die Zunahme von Folter in der Türkei ausmerksam gemacht. “Die Regierung verheimlicht das. Es wird nicht als Folter anerkannt. Es wird Kompetenzüberschreitung genannt, so Türkdoğan. “Wir sind Zeuge dessen, wie manche Beamte bei der Folter Spaß haben,“ kritisiert der Menschenrechtler.

Für ihren Bericht haben die Experten mit 15 Gefangenen aus dem Gefängnis von Afyon gesprochen. Schon beim Empfang der Gefangenen in der Haftanstalt seien die Betroffenen von Gefängniswärtern in voller Schutzmontur in Empfang genommen worden. Diese hätten die Gefangenen aufgefordert sich nackt auszuziehen. Die Gefangenen hätte sich aber geweigert, weil eine Durchsuchung auch mit Geräten wie Detektoren möglich sei und ein nackt ausziehen gegen die Menschenwürde verstoße. “Wenn ihr euch nicht auszueht, werdet ihr geschlagen und gezwungen euch auszuziehen,” soll der Direktor der Haftanstalt den Gefangenen gesagt haben. “Leute, ihr könnt foltern. Schlagt sie, aber hinterlasst keine Spuren,” soll daraufhin der Direktor den Gefängniswärtern den Wärtern gesagt haben. Daraufhin seien die Gefangenen in drei dunkle Räume jeweils zu dritt im Eingangsbereich gebracht und dort gefoltert worden sein.

Neben den Folterern seien auch Aufsichtsbehörden verantwortlich. Diese seien jetzt aufgerufen ihre Pflicht zu tun. Die Experten hatten bei der Vorstellung ihres Bericht erzählt, dass sie zahlreiche Anträge an verschiedene Stellen gestellt hätten. Bislang sei aber nichts getan worden. Auch seien bislang keine Ermittlungen gegen die Folterer eingereicht worden. Die Gefangenen seien sogar weiterhin in der Obhut ihrer Peiniger. Das Folterverbot sei von den Beamten vernachlässigt worden. Diese Vernachlässigung halte auch weiterhin an, bemängeln die Menschenrechtler.

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Menschenrechte

Gericht ordnet im Fall Gökhan Türkmen Anzeige wegen Foltervorwürfen an

Nach seiner Verschleppung in Antalya verbrachte Gökhan Türkmen 271 Tage in einem geheimen Foltergefängnis (Black Sites), bis er von seinen Peinigern an die Polizei übergeben wurde. Diese hatten ihn dann wegen Terrordelikten festgenommen. Erst Monate nach seiner Übergabe an die Polizei wurde Türkmen vor einen Richter gestellt.

„Ich wurde von Personen verschleppt, die sich als Polizisten ausgaben. Ich wurde neun Monate lang gefoltert und an die Polizei übergeben,“ sagte er damals aus. Das Gericht hat deswegen entschiede,, dass wegen der Vorwürfe Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Ankara gestellt wird.

Folter, sexuelle Nötigung, Hunger

Die Details der Verschleppung und anschließende Folter sind schockierend: „Die Entführer hatten Polizeiwesten an. Nach der Festnahme gab es eine vier bis fünfstündige Autofahrt. Auf dem Weg wurde es dunkel. Es war gegen 17 Uhr. Nach dem es dunkel wurde haben sie an einem Waldstück meine Kleidung gewechselt. Sie haben mich mit ihren Waffen bedroht und mich mit Kabelbindern an Händen und Füßen gefesselt. Ich wurde 271 Tage lang Gefangen gehalten. Ich musste Hunger und Durst erleiden und war schwerer Folter ausgesetzt. Ich wurde mit meiner Familie bedroht. Ich wurde sexueller Nötigung ausgesetzt. Ich werde einige dieser Details noch später erzählen. Nach diesen neun Monaten wurde ich erneut mit verbundenen Augen durch Mitarbeiter des Polizeipräsidiums Antalya an die Antiterrorpolizei der selben Metropole übergeben. Ich wurde nach Ankara gebracht, verbrachte acht Tage bei der Antiterrorpolizei. Danach erging Haftbefehl.

Türkmen möchte für sich und seine Familie Schutz

Türkmen beteuert, dass er und auch seine Familie bedroht werden. „Ich möchte Schutz. Ich möchte mich mit einem Rechtsanwalt verteidigen, den ich selbst ausgesucht habe,“ Türkmen. Dem Antrag von Türkmen gab das Gericht statt. Der nächste Gerichtstermin wurde auf den 15. Juni angesetzt.

Gökhan Türkmen wurde am 7. Februar in der Nähe seiner Wohnung in Antalya durch drei Unbekannte verschleppt. Türken wird Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung vorgeworfen. In der Türkei gilt die Bewegung als Terrororganisation. Präsident Erdoğan wirft den Mitgliedern vor, hinter dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 zu stecken. Westliche Staaten hatten immer wieder nach Beweisen dafür verlangt. Diese wurden bislang nicht geliefert. Hinter den Verschleppungen wird der türkische Geheimdienst MIT vermutet. Mehr als 20 ähnliche Fälle hatte es zuvor gegeben, von denen BOLD berichtete.

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Menschenrechte

Ümit Horzum: “Ich wurde entführt und gefoltert”

Immer häufiger kommen in der Türkei neue Details von Entführung und Folter durch den türkischen Geheimdienst MIT an die Öffentlichkeit. Entgegen den Versprechungen der türkischen Regierung gegen Folter eine Null-Toleranz Politik zu verfolgen, sprechen Aussagen von Folteropfern vor türkischen Gerichten eine deutliche Sprache. Zuletzt wieder Ümit Horzum, der auch zu der Gruppe von Entführten gehört, die mit einem schwarzen Transporter verschleppt wurden.

Cevheri Güven

BOLD Exklusiv – Nach dem 6. Dezember 2017 kam von Ümit Horzum kein Lebenszeichen mehr. Familie und Freunde waren viele Monate wegen der Ungewissheit in großer Sorge, denn auch die Behörden erteilten keine Auskünfte und ließen die Familien im Dunkeln tappen. Schließlich kam heraus, dass Horzum zu der Gruppe gehört, die mit einem schwarzen Transporter entführt wurden.

Auf identische Art und Weise wurden rund 30 weitere Personen am helllichten Tag entführt. Alle wurden in schwarze Transporter gezogen und verschleppt. Einige von ihnen sind immer noch nicht aufgetaucht. Andere wiederum tauchten Monate später in Polizeirevieren auf. Immer wieder der gleiche Vorgang, nach dem die Opfer auftauchen: Selbstanzeige. Die Meisten sollen der Gülen-Bewegung nahe stehen. Die Bewegung rund um den im US-Exil lebenden Prediger wird in der Türkei als terroristisch eingestuft. Präsident Erdoğan wirft den Anhängern vor hinter dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 zu stecken. Gülen hat eine Beteiligung stets abgelehnt und eine internationale Untersuchung zur Ermittlung der tatsächlichen Schuldigen gefordert. Was auch immer dabei rauskomme, würde er es akzeptieren, selbst bei einem Ergebnis gegen seine Bewegung, so Gülen in seinen Interviews kurz nach dem Putschversuch. 

Die großen Leidtragenden

Die größten Leidtragenden dabei sind die Menschen, die als sogenannte Gülen-Anhänger politisch sowie zivilgesellschaftlich isoliert und diskriminiert werden. Besonders schlimm trifft es bisweilen diejenigen, die in der Türkei oder im Ausland durch den türkischen Geheimdienst MIT entführt und monatelang gefoltert werden. Ümit Horzum tauchte 132 Tage nach seiner Entführung in einem Polizeirevier in Ankara wieder auf. Seine Aussage habe er unter Zwang gemacht. Auf dieser Grundlage hätte man zahlreiche weitere Personen als angebliche Gülen-Anhänger festgenommen. Denn Horzum musste ein vorgefertigtes Schreiben unterschreiben, in dem die Namen von 100 weiteren Personen standen. 

In den vergangenen Tagen wurde Horzum vor Gericht gestellt. Kein Termin in seinem Fall, sondern einer der Personen, die durch seine erzwungene Unterschrift inhaftiert wurden. Ümit Horzum war also als Zeuge geladen. Dort hat Horzum die Gelegenheit genutzt, von seinen schrecklichen Erlebnissen zu berichten. Auch wenn in zusammengefasster Form, sind seine Schilderungen nun in den Gerichtsakten dokumentiert. Horzum behauptet, entführt und gefoltert worden zu sein. Auch seine unterschriebenen Aussagen hat Horzum vor Gericht zurückgezogen und abgelehnt. 

132 Tage Folter

Die Passage in dem Gerichtsprotokoll hat Bold im Wortlaut übersetzt:

“Ich kenne den Angeklagten nicht. Am 06.12.2017 war ich mit meinem Auto in (Ankara) Etlik unterwegs, als mein Fahrzeug durch ein anderes Fahrzeug gekreuzt wurde. Aus dem Wagen stiegen einige Personen aus, die mich in das Fahrzeug gesteckt und weggefahren haben. Sie haben mir einen Sack über den Kopf gestülpt und mich so weggefahren. Am 16.04.2018 wurde ich durch diese Personen dem Personal des Polizeireviers in Ankara übergeben. Zuvor wurde ich gefoltert. Aufgrund der psychischen Folter auf dem Polizeirevier wurden mir Aussagen aufgezwungen. Ich musste ein Identifizierungsprotokoll unterschreiben, obwohl ich keine Identifizierungen gemacht habe. Außerdem wurde ich vor der Überlieferung ans Polizeirevier bedroht und manipuliert. Zudem möchte ich hinzufügen, dass eine vorgefertigte Aussage mit mir zusammen beim Polizeirevier abgeliefert wurde.” In dem Dokument sollen rund 100 Namen gestanden haben, die er gegen seinen Willen unterzeichnen musste. 

Die Wenigsten konnten über die Folter reden

Nur sehr wenigen Entführten ist es bislang gelungen über ihre schrecklichen Erfahrungen zu reden. Doch das Szenario wiederholt sich immer wieder. Entführte tauchen entkräftet und körperlich sowie seelisch völlig krank in Polizeirevieren wieder auf. Danach werden sie verhaftet. Sie werden in Isolationshaft gesteckt und auch bei dem Besuch durch ihre Familien nicht allein gelassen. Selbst mit ihren Anwälten können sie nicht alleine reden. Die Rechtsanwaltskammer von  Ankara hat in den Fällen der sechs Entführten vom Februar 2019 einen ausführlichen Bericht veröffentlicht. Am 13. Februar 2020 wurde dieser Bericht als Anhang einer Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft in Ankara eingereicht. Bei Besuchsterminen der Familie und bei Treffen mit ihren Anwälten würden die Betroffenen keine Privatsphäre haben. Termine würden in ständiger Begleitung durch Wachpersonal oder Polizisten durchgeführt. Aus diesem Grund könnten die Opfer nicht von ihren Erlebnissen erzählen. Zudem würde man ihnen das Recht auf eine freie Wahl des Anwaltes verweigert. Sie müssten sich mit staatlich zugeteilten Pflichtverteidigern genügen. Eine denkbar komplizierte Einschränkung. 

Schilderungen von Fotler decken sich 

Ayten Öztürk, Zabit Kişi und Gökhan Türkmen gehören zu den wenigen Betroffenen, die von ihrer Misshandlung berichten konnten. Die wenigen Aussagen, die sie machen konnten sind Deckungsgleich. Ayten Öztürk wurde am 13. März 2018 in ein Folterzentrum entführt. Sie erzählte vor dem 3. Strafgericht von Istanbul über die Folter, die sechs Monate gedauert habe. Auch diese Aussagen hat Bold aus den Gerichtsakten ins Deutsche übersetzt.

„In die Folterkammer wurde ich mit verbundenen Augen gebracht. Zunächst wurde ich ausgezogen und dann hing man mich am Handgelenk an die Decke. An jeden Punkt meines entblößten Körpers hielten sie einen Stromschläger und drückten einige Zeit drauf. Als sie dies taten schrie ich vor Schmerzen so laut wie es mir überhaupt möglich ist. Das ging so weiter bis ich das Bewusstsein verlor. An den Druckstellen sind Risse entstanden. Flecken mit jeweils 2 cm Abstand zueinander. Als ich aus dem Folterzentrum freigelassen und verhaftet wurde, haben meine Freunde aus dem Gefängnis meine Wunden und Hämatome gezählt. Es waren 898 an der Zahl. Manchmal haben sie mich kurz vor der Ohnmacht zu den Duschen gebracht und mich mit Hochdruckwasser wach gehalten und so weiter gefoltert. Sie haben mich oft stundenlang mit der Methode des Ertrinkens gefoltert. Den Rest dieser Tage wurde ich in eine sehr enge Zelle oder in Sarg-ähnliche Boxen gestellt und musste dort viele Stunden einfach stehen. In diesem „Sarg“ war es unmöglich sich zu bewegen. In der Zelle hingegen konnten sie jederzeit reinkommen und prügeln.“

Ein anderes Opfer ist Zabit Kişi. Am 30. Oktober 2017 wurde Kişi entführt. Auch er konnte vor Gericht seine Erlebnisse schildern. Die Ausführungen waren wieder enorm grauenhaft:

„Ich wollte unbedingt sterben. Ich verurteile Selbstmörder nicht mehr. In einer 3 Quadratmeter-Box, ein Ort wie ein Sarg, ohne jegliches Tageslicht, ganze 108 Tage systematisch gefoltert werden. Das habe ich erlitten. Als würde das nicht reichen, haben sie mich mit meiner Familie bedroht, die im Ausland lebt. Sie würden irgendwelche Leute bezahlen, damit sie ihnen wehtun. Sie würden sie auch entführen und ihnen dieselbe Folter antun, die sie mir antaten. In den Phasen, in denen ich nicht gefoltert wurde, habe ich aus den anderen Räumen Foltergeräusche gehört. In dieser Phase bin ich von 105 kg auf 75 kg runtergegangen. 

Gökhan Türkmen hingegen war das letzte Opfer, der von seinen Erlebnissen berichten konnte. Er wurde am 7. Februar 2019 verschleppt und blieb 9 Monate verschollen. Danach tauchte auch er plötzlich im Polizeirevier in Ankara wieder auf. Auch ihm gelang es vor Gericht zu erzählen, dass er entführt und gefoltert wurde. Vor dem Richter wandte er sich zu seiner pflichtverteidigerin Anwältin Ayşegül Yılmaz und sagte: „Diese Anwältin habe ich nicht ausgesucht. Sie ist ab sofort von meinem Fall freigestellt.“ Damit wurde es erstmals klar, dass den Folteropfern loyale Anwälte gegenüber dem türkischen Staat zugeteilt wurden.

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