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Türkische Marine eskortiert Waffenschmuggler nach Libyen

Während im türkischen Marmarameer ein türkisches Boot im Feuer von der US-amerikanischen Kriegsflotte gerettet wird, eskortieren türkische Kriegsschiffe zeitgleich zivile Schiffe, die illegalen Waffenhandel betreiben.  

BOLD ANALYSE

von Fatih Yurtsever

In welchen Sumpf führt die Erdoğan-Regierung die türkische Marine vor der libyschen Küste? 

Die türkische Öffentlichkeit ist weiterhin hauptsächlich mit der Militärsoffensive im syrischen Idlib sowie mit dem gefährlichen Coronavirus beschäftigt. Medien in Libyen thematisieren hingegen die Aktivitäten der türkischen Marine vor den Küsten Libyens. Demnach sollen diese in den vergangenen Wochen unbemannte Drohnen des libyschen Generals Chalifa Hafter abgeschossen haben. 

Bereits in Vergangenheit veröffentlichten libysche Medien Aufnahmen, in denen türkische Kriegsschiffe beim Eskortieren von zivilen Schiffen zu sehen waren. Diese Schiffe würden illegal Waffen an die international anerkannte libysche Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarraj liefern. 

Laut libyschen Medien besteht die türkische Militär-Gruppe aus zwei Kriegsflotten. Diese würden mit Waffen beladene Schiffe bis vor den Hafen von Tripolis begleiten. Bei einem dieser Aufträge habe ein türkisches Kriegsschiff eine Drohne des General Hafter abgeschossen. Der Auftrag soll inzwischen beendet worden sein. So sollen die Kriegsschiffe nach insgesamt zwei Monaten wieder an ihre Basisstationen zurückgekehrt sein. 

Damit zieht die Erdoğan-Regierung das türkische Militär (TSK), wie auch schon in Syrien, in eine Zwickmühle. Ein Auslandseinsatz des türkischen Militärs kann in der Regel nur nach Zustimmung des türkischen Parlaments genehmigt werden. In der entsprechenden Zustimmung des Parlaments war aber nie die Rede von einer Eskort-Mission für mit Waffen beladene Handelsschiffe. Zudem gilt nach einer Entscheidung des UN Sicherheitsrats ein Waffenembargo für Libyen. 

In Zeiten von Frieden müssen sich Kriegsschiffe bei Aktivitäten auf offenem Meer an internationales Recht und den international gültigen Einsatzregeln orientieren. So wird es Kriegsschiffen nicht erlaubt Gewalt anzuwenden, es sei denn, sie dienen der Selbstverteidigung. In diesem Zusammenhang bedeutet die Missachtung des Waffenembargos für Libyen und der Abschuss einer unbewaffneten Erkundungs-Drohne die Missachtung von internationalem Recht. 

In einem Brief des ständigen Vertreters von Ägypten bei der UN am 10. März 2020 wird der Türkei vorgeworfen, dschihadistische Gruppierungen in Syrien und Al-Qaida-nahe Terroristen nach Libyen gebracht zu haben und das Waffenembargo missachtet zu haben. 

Bei einer Sitzung im Januar in München wurden Entscheidungen getroffen, die den Waffenstillstand und die Stabilität in Libyen garantieren sollen. Diese Entscheidung hat die Aktivitäten der Türkei in Libyen noch zerbrechlicher gemacht, als sie es ohnehin schon waren. 

Die europäische Union hatte erklärt, dass eine Offensive auf offenem Meer stattfindet, die die Einhaltung des Waffenembargos überwachen und illegalen Waffenhandel in Libyen verhindern soll. Vermutlich wurde die Entscheidung der Türkei, die Aktivitäten vor Libyen zu stoppen, nach dieser Erklärung der EU getroffen. 

Durch die zahlreichen Rechtsbrüche des Erdoğan -Regimes ist die Türkei kein verlässlicher Partner mehr. Dies gilt selbstverständlich auch auf offener See. Die Türkei ist eher ein Problemkind, dass noch viel stärker kontrolliert werden muss. Die Italiener, die mit Russland gute Verhältnisse haben, sehen die Türkei in Libyen als einen möglichen Partner. Das türkische Verhältnis zu Frankreich hingegen ist wegen den Erdöl-Bestrebungen im Mittelmeer sowie der Zypern-Problematik angespannt.

Aufgrund der großen Meinungsunterschiede hat Frankreich eine Gruppe ihrer Kriegsschiffe mit Kampfjets ins östliche Mittelmeer geschickt. Zuvor sagte der französische Verteidigungsminister, dass Frankreich im Streit um Zypern auf der Seite Griechenlands stehe. Diese Unterstützung ist nun auch mit physischer Präsenz sichtbar. Zuletzt hatten Einheiten der griechischen Flotte auf Höhe der griechischen Insel Kreta Übungen mit französischen Kriegsschiffen durchgeführt. Die beiden EU-Staaten lassen die Muskeln spielen.

Die Türkei verursacht mit zahlreichen Rechtsverstößen einen großen Vertrauensverlust und erzeugt in den Konfliktthemen Zypern, das östliche Mittelmeer und Libyen immer mehr Bündnisse gegen sich selbst. Diese Haltung führt auch dazu, dass das traditionell hoch angesehene türkische Militär in der NATO an Glaubwürdigkeit verliert. Die Suspendierungen von Soldaten und die zunehmende Politisierung fördern diesen Vertrauensverlust zusätzlich.

Auch wenn Vorfälle wie der Bruch des Waffenembargos, der Abschuss von unbemannten Erkundungs-Drohnen dem Erdoğan Regime in die Hände spielen, führen sie zu einem großen Imageschaden der türkischen Marine. Dabei ist sie der sichtbarste Teil der türkischen Streitkräfte und eigentlich weltweit hoch angesehen. Langfristig wird das der Türkei große Schwierigkeiten bereiten. Dabei liefert die Türkei auch noch die nötigen Belege dafür. 

Während unsere Kriegsschiffe im Mittelmeer mit diesen Themen beschäftigt sind, hat ein US-amerikanisches Schiff ein türkisches Boot in Not gerettet. Die USS ROSS eilte beim Übergang vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer der Besatzung eines in Flammen stehenden türkischen Bootes zur Hilfe. Die evakuierten Personen wurden der türkischen Küstenwache übergeben. Die US-Botschaft in Ankara hat die Ereignisse via Twitter bekannt gemacht. 

Zwar ist es eines der festen Gebote all jenen zur Hilfe zu eilen, die auf offener See in Not geraten. Dennoch: das Marmarameer ist türkisches Gewässer und kein internationales. Dass das brennende Boot auf die Hilfe der Amerikaner angewiesen war, ist ein Armutszeugnis für die türkische Küstenwache. Darüber hinaus ist es auch eine Blamage für die türkische Marine. 

Die einzige mögliche Schlussfolgerung: Solange das türkische Militär und die Marine als Apparat des türkischen Präsidenten bei seinen illegalen Angelegenheiten fungieren, können sie ihrer eigentlichen Aufgabe nicht nachgehen. Somit verlieren sie ihr Ansehen und ihre Glaubwürdigkeit. Leider treibt das Erdoğan-Regime aus eigenem Interesse die angesehenen Institutionen der Türkei in den Ruin.

 

 

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Trotz Beweisfotos sehen Richter keine Hinweise auf Folter

Es sind Bilder die zeigen, wie Dorfbewohner gefoltert wurden. Polizisten hatte die blutigen Köpfe ihrer Opfer gegen Toilettenschüsseln gedrückt und sich dabei fotografieren lassen. Das Gericht sah dennoch in den Fotos keinen Beweis für Folter. Die Peiniger sind ohne Konsequenzen davongekommen.

3.000 TL Geldstrafe auf Bewährung

Am 9. Juni 2017 hatte es einen Angriff auf die Polizeistation von Gevaş bei Van gegeben. Daraufhin wurden 4 Dorfbewohner festgenommen, die zuvor vom Pilze sammeln zurückgekommen waren. Auf dem Polizeirevier wurde die Männer stundenlang gefoltert. Die Sicherheitsbeamten hatten die Fotos sogar in den sozialen Medien geteilt. Auf den Bildern sind die vier Männer zu sehen, wie sie blutüberströmt von ihren Peinigern gefoltert werden. Das zuständige Gericht hat jetzt das Verfahren eingestellt. Das Berufungsgericht in Erzurum hat lediglich den Polizeibeamten O.Ş. zu einer Geldstrafe von 3.000 TL auf Bewährung verurteilt. Begründet hatte das Gericht sein Urteil zudem damit, dass es keine Folter sei, sondern eine Überschreitung des Rechts der Gewaltanwendung.

Belohnung für Täter

Die Richter sind der Auffassung, dass der Betroffene keine weiteren Straftaten begehen werde. Sollte der Polizeibeamte in den kommenden fünf Jahren keine Straftaten begehen, wird die Geldstrafe erlassen. Die Opfer sehen in dem Urteil eine Belohnung für die Täter, da diese praktisch ohne Strafe davonkommen werden.

Dorfbewohner waren Pilze sammeln

Vorausgegangen war ein Angriff auf das Polizeipräsidium von Gevaş bei Van am 9. Juni 2017. Danach wurden die vier Dorfbewohner von den Polizisten festgenommen, die auf dem Rückweg vom Pilzesammeln waren. Während ihres Polizeigewahrsams wurden Abdulselam Aslan (32), Cemal Aslan (53), Halil Aslan (48) und Nejdet Beysüm (29) von ihren Peinigern schwer misshandelt. In den Zeitungen tauchten Nachrichten unter dem Titel “4 Terroristen nach Anschlag auf Polizeipräsidium in Gevaş festgenommen” auf. Als die Beamten aber bemerkten, dass die Männer unschuldig sind, wurden sie wieder freigelassen.

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Woher stammt der Begriff „Blaue Heimat?“

“Blaue Heimat” ist nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei zu einem Begriff der türkischen Außenpolitik geworden, der richtungsweisend ist. Wer den Begriff und seine Herkunft versteht, versteht auch die heutige Türkei.

Von Fatih Yurtsever
(Übersetzt von Sven Weber)

Der Begriff “Blaue Heimat” wird in der türkischen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Der Terminus wurde von Cem Gürdeniz eingeführt. Gürdeniz wurde in den Ermittlungen im Fall “Balyoz” (Vorschlaghammer) verurteilt und bezeichnet sich selbs als Gegner der sog. “Atlantiker.” Seit dem Putschversuch ist der Begriff immer wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Der Begriff gilt zudem als “national,” also etwas positives für das Land. Deswegen verdient der Terminus eine analyse.

Erstmals wurde der Begriff “Blaue Heimat” vom Admiral a. D. Cem Gürdeniz verwendet. Gürdeniz hatte in seinen Büchern, bei seinen Fernsehauftritten und Kolumnen die Inhaftierung von Marinekommandeuren kritisiert. Dahinter steckten die “Atlantiker” und ihr verlängerter Arm in dem Land, die sich von der Blauen Heimat gestört fühlten. Jetzt wird die Rettung im östlichen Mittelmeer gesucht. Doch was bedeutet der Begriff und wer hat ihn als erstes verwendet?

Die Öffentlichkeit ging zunächst davon aus, dass das Land einen Schwerpunkt auf ihre maritime Politik legen muss. Schließlich ist das Land von drei Seiten mit Meeren umzingelt. Die östlichen Breitengerade 26 – 45 und nördlichen Breitengrade 36 – 42 seien nach Gürdeniz die Verlängerung der türkischen Herrschaft auf dem Meer. Die Türkei habe damit in diesem Gebiet mehr Rechte als andere Anrainerstaaten. Das Meer ist damit die Verlängerung türkischen Bodens.

Begriff der tatsächlichen Heimat erodiert

Tatsächlich kann nach internationalem Recht ein Land auf seinem eigenen Boden und eigenen Gewässern herrschen. Wenn schon Gewässer als “Heimat” bezeichnet werden soll, sollte das auf die eigenen Gewässer beschränkts sein. Die Türkei braucht keine Begrifflichkeiten um ihre Interessen etwa im Mittelmeer zu schützen. Das internationale Recht und ihre eigene Haltung reichen dafür vollkommen aus. Wenn man Gwässer als Heimat bezeichnet, in der andere Staaten mit ihren Kriegsschiffen Manöver abhalten, so Gerat der Begriff in Erosion. Warum wird dann der Begriff diskutiert.

Dafür muss man Cem Gündüz und seine Anti-Atlantik-Front sowie seine Beziehungen zu China vor Augen führen. Gürdeniz ist nicht der Erfinder der Blauen Heimat, sondern des Importeur aus China.

Vom Begriff “Blue National Soil” abgeleitet

China sieht das östliche und südliche chinesische Meer als sein alleiniges Herrschayftsgebiet an. Um das zu erreichen verfolgt das Land die Strategie “Blue National Soil.” In diesen Gebieten geht es so vor wie in den Gewässern innerhalb der eigenen Grenzen. Das Riesenreich versucht hier den Luft- und Meerweg für Drittländern zu sperren. Erstmals wurde diese Strategier 2010 in einem Bericht in der “The State Oceanic Administration (SOA)” veröffentlicht. Danach wurde diese Gewässer als “Blaues Land” bezeichnet.

Anrainerstaaten fühlen sich von der chinesischen Expansionspolitik gestört. Die Philippinen woll deswegen ihre Rechte vor internationalen Gerichten durchsetzen lassen, weil es seine Rechte von China verletzt sieht. Die Entscheidung des ständigen Schiedshofs in Den Haag hatten den Philippinen in fast allen Punkten Recht gegeben.

Was soll mit der “Blauen Heimat” erreicht werden?

Die Türkei hat den Begriff von chinesischen xpansionspolitik übernommen und hat ihn damit zu eienm nationalen Terminus gemacht. Die ganze Politik zum östlichen Mittelmeer stützt sich darauf und das Land zahl dafür einen hohen Preis. Die türkische Marine wird derzeit von den größten Unterstützern der Blauen Heimat kommandiert. Verträge mit Ägypten und Zypern wurden verhindert. Im östlichen Mittelmeer ist die Türkei alleine.

Der Wirtschaftsvertrag mit Libyen wird derzeit ind er Türkei als Erfolg verkauft. Schaut man genauer hin, so entpuppt sich dieser als Niederlage. Zwar gibt es dutzende Argumente für die Türkei, in dem Gebiet Einfluss zu haben. Seinen Einfluss auf einen Vertrag mit einer umstrittenen Regierung zu stützen, von der man nicht weiß, ob und wie lange sie in Zukunft an der Macht sein wird, kann nur mit der Verschleierung anderer Dinge begründet werden.

Blaue Heimat ist ein nützlicher Begriff geworden um die falsche Politik im östlichen Mittelmeer zu verschleiern. Zudem sind sämtliche Diskussionskanäle zu dem Thema nicht mehr vorhanden. Diese Politik dient auch nicht den Interessen der Türkei. Cem Gürdeniz und seine Unterstützer sehen die Zukunft der Türkei an der Seite Chinas. Ähnlich war es im Osmanischen Reich: Damals hatte eine Gruppe von Offizieren, das sog, Komitee für Einheit und Fortschritt, auch bekannt als Ittihadisten,eine Koalition mit dem Deutschen Reich gebildet und das Land in den ersten Weltkrieg reingezogen. Mit dem Import des Begriffs und der Politik aus China verleirt die Türkei auch an Legitimation auf internationlem Parkett und wird im östlichen Mittelmeer mit ihren Vorhaben alleine sein. Diese Politik respektiert zudem die Rechte der Anrainerstaaten nicht. Die Türkei wird damit zu einem Land, dass den freien Seeverkehr nicht mehr respektiert. Die Türkei braucht derzeit keine Politik der Expansion, die aus der Blauen Heimat hervorgeht, sondern eine, die sich auf Diplomatie, internationales Recht und nationale Interessen stützt.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Wissenschaftler Günebakan zu Flüchtlingen: „Ihr müsst euch nicht verstecken. Ihr habt eine gute Ausbildung.“

Islam Günebakan gehört zu den Wissenschaftlern , die nach dem Putschversuch 2016 entlassen wurden. Er fuhr danach Taxi und verkaufte Tomatenmark um zu überleben. Später floh er aus dem Land, indem er den Grenzfluss Mariza überquerte. Heute lebt er in Deutschland und macht den Flüchtlingen aus der Türkei Mut: “Hört auf Angst zu haben!” Bold hat mit dem Wissenschaftler gesprochen.

Von Cevheri Güven

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Der Wissenschaftler Islam Günebakan hat an der Mustafa Kemal Universität unterichtet bis er nach demPutschversuch vom 15. Juli 2016 per Dekret entlassen wurden. Damals hatte er gerade seine Doktorarbeit beendet und wartete auf seine mündliche Stellungnahme vor der Universitätsjury. Dazu kam es aber niemals. Zunächst zog sich sein Betreuer und dann auch die Jury zurück.

Um seine Familie zu ernähren, fing der fünffache Vater an Tomatenmark verkaufen und Taxi fahren. Der Druck auf den Wisenschaftler wuchs aber immer mehr. Inzwischen wurde er in seiner Umgebung als Ungläubiger (“kafir”) bezeichnet. Um schlimmeres zu verhindern schwomm der Mann über den Grenzfluss Mariza ins griechische Nachbarland. Einige Wochen später organisierte er ein Schlauchboot und schaffte es auch seine Familie aus dem Land zu bringen.

Günebakan lebt mit seiner Familie in Deutschland und hat ein neues Leben begonnen. Nach dem er die Sprache gelernt hat, ist der Mann zu seinem eigentlichen Beruf zurückgekehrt und darf jetzt seine Doktorarbeit in seiner neuen Heimat beenden.

Die Lebensgeschichte von Günebakan ist voll von Verlusten und Siegen. Er hat auch Empfehlungen an neue Flüchtlinge aus der Türkei:” Habt keine Angst. Ihr müsst euch nicht in Deutschland verstecken. Ihr habt alle eine gute Ausbildung. Versucht eure Berufe auszuüben. Ihr werdet es schaffen.”

Warten auf das Ende der Doktorarbeit

Besonders enttäuscht ist Islam Günebakan von seinen ehemaligen Kollegen:
“Ich hatte gerade meine Doktorarbeit zu Ende geschrieben. Ich musste noch vor der Universitätsjury meine Doktorarbeit verteidigen. Weil ich aber per Dekret entlassen wurde, hat mein Betreuer Ibrahim Seyrek seine Aufgabe nicht mehr ausgeübt. Später hat sich ein anderer dazu Betreuer bereit erklärt und ich konnte vor der Universitätsjury meine Doktorarbeit verteidigen.

Als sie gemerkt haben, dass ich per Dekret entlassen wurde, haben sich die Jurymitglieder beraten und sich entschieden ihr Amt niederzulegen. Ich bin dann zum Leiter meines Fachbereichs Prof. Arif Özsağır gegangen, damit wir eine Lösung finden. Er sagte nur, dass niemand sich in meinem Fall bereit erklärt Jurymitglied zu werden. “Wenn es nach mir ginge, sollte man dich nicht einmal als Studenten akzeptieren. Man sollte dir sogar die Staatsbürgerschaft entziehen,” soll der Hochschulprofessor Özsağır gesagt haben.

“Auch wenn ich im Gefängnis sein oder verurteilt sein sollte darf das Recht auf Bildung nicht gehindert werden. Mein Recht auf Bildung wurde mir weggenommen, bevor überhaupt ein Gerichtsverfahren gegen mich angefangen hat – und das von Professoren,” empört sich der Wissenschaftler.

“Meine Familie behandelte mich wie einen Terroristen”

Neben der Entlassung per Dekret leidet Günebakan besonders daran, dass seine Familie ihn nicht unterstützt hat.
“Nachdem ich entlassen wurden, habe ich meine Mutter angerufen. ´Dann wärst du mit ihnen eben nicht in Verbindung gewesen,´war ihre Reaktion. Sie hat neben mir den Nachrichtensender “A Haber” (Anm. d. Red. Sender, der regelmäßig gegen Regierungsgegner hetzt und praktischer Kontrolle von Präsident Erdoğan ist). Sie hat sich die Flagge geschnappt und hat immer wieder an den “Demokratie-Meetings” teilgenommen. Später merkte sie wer im Recht und wer im Unrecht war. Aber ihre ersten Reaktionen haben sich in mein Herz eingebrannt.

Nach meiner Entlassung war ich zu einem meiner Brüder gegangen. ´wenn es einen Bürgerkrieg gäbe würde ich dich auf der Straße töten, egal ob Bruder oder nicht.´Ähnlich mein Schwiegervater. ´Wenn wir auf die Straßen (Anm. d. Redakton in den Bürgerkrieg) gehen sollten, wären die ersten, die ich erschieße meine Tochter und mein Schwiegersohn.´

´Der Staat darf das. Neben den Schuldigen wird es sicherlich auch Unschuldige geben. Das ist etwas notwendiges,´sagte mein Vater. Als ob das nicht reicht, bekamen meine Kinder in der Schule auch den Druck zu spüren, weil sie zu diesen oder jenen gehören sollen.”

Versuchen auf den Beinen zu stehen

Nach dem Günebakan entlassen wurde und keine Hilfe von seiner Familie bekommen hat musste er alleine einen Ausweg suchen.
“Zuerst habe ich Tomatenmark verauft. Aber das ist nur Saisonarbeit. In dieser Zeit hatte die Polizei bei mir zu Hause eine Razzia gemacht. Sie suchten nach mir. Mit einer gefälschten Identität habe ich dann angefangen als Taxifahrer zu arbeiten. Manchmal kamen die Polizisten zu unserem Taxistand um sich mit den Fahrern zu unterhalten. Sie wussten, dass ich per Dekret entlassen wurde. Eine von ihnen fragte mich, ob ich Fethullah Gülen mag. Ich erwiderte, dass ich respektiere. ´Dann bist du ein Ungläubiger,´sagte er zu mir. Alle dort waren wie festgefroren. Ich merkte, dass ich diesem Land nicht mehr die Chance habe zu leben. Ich entschied mich das Land zu verlassen.”

Schwimmend den Granzfluss Mariza überquert

Günebakan hatte den Menschenschmugglern nicht getraut. Er wollte den Grenzfluss Mariza alleine überqueren und später seine Familie rüberbringen. “Ich habe auf den Landkarten nach einer Möglichkeit gesucht, wo ich am besten rüberkommen kann. Meine Freunde, die zuvor den Fluss überquert hatten, rieten mir mit einem Taxi in die Nähe des Mariza zu fahren. Während ich rüberschwomm, hielt ich meine Tasche fest.

Als ich in Griechenland angekommen war, wollte ich zunächst dort bleiben. Ich ließ mich in Thessaloniki nieder. Es war dort sehr heiß. Ich besuchte einen Griechischkurs. Natürlich musste ich auch meine Ehefrau und unsere Kinder rausholen. Ich hatte versprochen zurückzukehren, wenn ich es nicht schaffe, sie auch ins Ausland zu bringen.

Ich hatte meiner Frau und einem Freund Koordinaten am Ufer des Mariza gegeben, zu dem sie kommen sollten. Ich hatte in Thessaloniki ein Schlauchboot gekauft und ein Auto gemietet, um ebenfalls zum Fluss zu gelangen. Ich musste das Boot mit meinem Auto aufpusten und hatte deswegen keine Kraft mehr. Die Strömung war sehr stark und ich hatte Schwierigkeiten das andere Flussufer zu erreichen. Neben meiner Familie hatte am anderen Flussufer auch die Familie meines Freundes gewartet. Wir waren dann zu zehnt im Boot, weswegen es sich kaum bewegt hat. Ich bin dann ins Wasser gesprungen und merkte, dass ich Boden unter den Füßen habe. Also schob ich dass Boot wieder zurück auf die griechische Seite.

In Thessaloniki hatten wir finanzielle Schwierigkeiten. Es gab eine Ausgabestelle, die Flüchtlinge jeden Tag zwei Mal mit Essen versorgte. Ich hatte dann von dort Essen für uns organisiert. Eine Zeit lang ging das so weiter. Es war sehr schwierig dort eine Arbeit zu finden.

Anfangszeit in Deutschland

Später habe ich meine Frau und Kinder auf eine gefährliche Schiffsreise nach Italien geschickt. Anschließend bin ich alleine nach Deutschland gekommen.

Mein Ziel war es in meinem Beruf weiterzumachen. Ich hatte rund 10 Professoren angeschrieben. An einer Universität gab es ein Programm, das sich ´Integrationskampuss” nennt. Ich hatte mich dafür beworben. Ich hatte ihnen dort erzählt, dass ich meine Doktorarbeit nicht beenden konnte. Ich wurde für das Programm akzeptiert und bekamm die Gelegenheit meine Doktorarbeit auf Englisch zu beenden. Ich entschied mich zuerst aber Deutsch zu lernen. Ein Professor der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hatte mich kontaktiert und jetzt arbeite ich an meiner Doktorarbeit. Ich besuche hier zudem Vorlesungen. Wenn ich meine Doktorarbeit beendet habe, würde ich gerne an der Universität bleiben.”

“Sprache lernen ist kein großes Problem”

Die neu ankommenden Flüchtlinge aus der Türkei müssten ihre Traumata und Ängste zurücklassen. Der Doktrand empfiehlt sich im Leben sichtbar zu machen. “An meinem Wohnort gibt es einen Ausländerbeirat. Die Mitglieder werden alle fünf Jahre gewählt. Sie entwickeln Projekte für Zuwanderer, damit sie sich besser integrieren können. Ich möchte mich auch zur Wahl stellen. Im Juli wird gewählt.

Wenn die Menschen in Deutschland ankommen, sehen sie das Lernen der neuen Sprach als großes Problem an. Sie denken, ohne die Sprache kann mich hier nicht einmal bewegen. In der Kommunikation gibt es drei wichtige Faktoren: Sprache, Ton und Körpersprache. Sprache sind etwa 20 Prozent der Kommunikation. Anfangs habe ich mich mit Englisch, Türkisch und ein wenig Deutsch verständigt. Es geht nicht nur darum fehlerfrei Deutsch zu sprechen, sondern eine Verbindung aufzubauen, seine Probleme erzählen zu können.

“Seid sichtbar und hört auf Angst zu haben”

“Ängste wie nicht hörbar nicht sichtbar sein, nicht wahrgenommen werden gibt es bei den neu ankommenden Flüchtlingen aus der Türkei. Das ist ein großes Hindernis beim Vorankommen. Das sind Ängste aus der Türkei. Sie haben sogar Angst in Gruppen der Messengerdienster “WhatsApp” und “Telegram” zu sein. Wir müssen das alles hinter uns lassen.

Nicht Sprache, sondern Angst ist das Problem

Ich bin zu einer Veranstaltung von “Amnesty” gegangen, als ich auf dem B1-Niveau war. Ich habe damals kaum etwas verstanden. Ich habe mich vorgestellt und erzählt, was ich in der Türkei durchgemacht habe. Ich wollte mithelfen. Sie sagten, dass sie bald in der Innenstadt einen Stand aufmachen werden und dass ich auch dabei sein könne. Inzwischen nehme ich an ihren wöchentlichen Veranstaltungen teil.

Wäre ich in der Türkei, wäre ich in Handschellen gewesen. Hier habe ich meine Freiheit. Der Staat gibt hier mir Möglichkeiten und tut hier mehr für mich als meine Eltern es für mich getan haben.Ich bin nicht auf andere angewiesen.

Flüchtlinge sollten also nicht nur zu einem Deutschkurs gehen. Sie sollten sich auch ehrenamtlich beteiligen. Wir sollten auch unsere Erfahrungen an die neuen Flüchtlinge geben, weil wir inzwischen auch eine gewisse Erfahrung gemacht haben.”

“Auch wenn man nicht in seinem alten Beruf arbeiten kann, dann wenigsten etwas ähnliches”

Günebakan teilt die Meinung vieler Flüchtlinge nicht, dass man hier nur gewöhnlicher Arbeiten werden können.
“Ab meiner Universität gibt es einen Studentclub. Sie entwickeln dort Autoprototypen. Ich habe mich bei ihnen als freiwilliger Helfer beworben. Jetzt mache ich die Mitgliederkartei und kümmere mich um die Emails und das, als ich noch auf B1-Niveau war. Es hat sehr viel dabei geholfen die Sprache zu lernen.

Die meisten der Flüchtlinge aus der Türkei sind Lehrer. Zunächst hieß es, dass solche in ihrem alten Beruf in Bayern nicht arbeiten könnten. Manche wollten gewöhnlicher Arbeiter oder LKW-Fahrer werden. Vielleicht kann man nicht an einer regulären Schule arbeiten, aber im Bildungsbereich gibt es auch andere Möglichkeiten, z.B. An Nachhilfeschulen.

Sagt nicht ´ich kann nicht als Lehrer werden und deswegen werde ich LKW-Fahrer.´Wenn ihr nicht in euren Fächern arbeiten könnt, dann zumindest in einem anderen Fach.

 

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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