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Menschenrechte

Başak Demirtaş: „Hunderte Kinder im Gefängnis“

Im Kampf gegen das Coronavirus will die Türkei auch Mediziner in der Facharztausbildung hinzuziehen. Das hat das Gesundheitsministerium in der amtlich bekanntgegeben. Die Regelung gilt auch für Zahnmediziner und soll zunächst für drei Monate beschränkt sein.

Unterdessen befinden sich weiterhin zehntausende politische Häftlinge in den türkischen Gefängnissen. In den überfüllten Haftanstalten soll es bereits die ersten Corona-Fälle geben. „Atemschutzmasken, Handschuhe, alles Nötige wurde angeschafft. Alle Vorbereitungen, damit die Gefangenen von draußen nicht gefährdet werden, sind getroffen. Es gibt keinen einzigen Corona-Fall in den türkischen Gefängnissen,“ teilte dagegen Justizminister Abdulhamit Gül mit.

Unter den politischen Häftlingen befindet sich auch der ehemalige Co-Vorsitzende der Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtaş. Deine Frau Başak fordert von der Regierung die Freilassung aller Inhaftierten. Es reiche nicht aus, dass die Häftlinge keinen Besuch empfangen dürfen. Hinter Gittern gebe es viele Kinder, Kranke und Alte. „Hunderte Kinder sind gemeinsam mit ihren Müttern im Gefängnis. Die Zellen sind überfüllt, die Belüftung unzureichend und es gibt nahezu kein Sonnenlicht. Es ist kaum möglich sich gesund zu ernähren. Auch die Hygiene ist unzureichend,“ sagte Başak Demirtaş, die Ehefrau des Politikers, in einem Appell an die Regierung.

Menschenrechte

Aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet: Nuklearmediziner wird in den USA zu Coronavirus forschen

Murat Sadıç ist Experte in Nuklearmedizin. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die nach dem Putschversuch 2016 per Dekret entlassen und später verhaftet wurden. Heute lebt er als Flüchtling in Deutschland. Der Wissenschaftler forscht zum Thema Coronavirus. Er wird demnächst seine Arbeiten in den USA fortsetzen. BOLD führte ein Gespräch mit dem Wissenschaftler.

von Cevheri Güven

Während in den Krankenhäusern weltweit der Kampf gegen das Coronavirus anhält, versuchen Wissenschaftler ein Impfmittel gegen den gefährlichen Erreger zu finden. Zu ihnen gehört auch der Experte für Nuklearmedizin Murat Sadıç. Der Mediziner wurde nach dem Putschversuch zunächst per Dekret entlassen und später verhaftet. Später hat er es geschafft nach Deutschland zu flüchten.
Der Nuklearmediziner hat mit BOLD über zwei seiner Projekte zum Coronavirus gesprochen. „Es gibt noch keine spezifische Therapie zum Coronavirus. Wissenschaftler arbeiten gerade an einem Impfmittel und einem Medikament,“ erzählt der Wissenschaftler. Bei meiner Arbeit benutze ich die Nuklearmedizin.“

Die Methode an der Sadıç arbeite sei ähnlich wie der in der Krebstherapie. „Besonders in den vergangenen 4-5 Jahren ist das sehr populär geworden und hat in verschiedenen Krebsarten eine neue Ära eingeläutet. Wir nennen dieses Verfahren Theranostik – eine Zusammensetzung von Therapie und Diagnostik.“

In der anderen Arbeit des Wissenschaftlers gehe es um Antikörper. „Unsere Antikörper sind unsers natürliches Abwehrsystem. Es gibt Überlegungen, wonach Antikörper von Außen in den Körper injeziert wird. Das ist allerdings noch in einer Testphase,“ so Sadıç. In meiner Arbeit geht es um Antikörper, die wir gegen das Virus entwickelt haben mit einem radioaktiven Mittel zu verbinden und dieses direkt in die Region des Virus zu geben. Es ist ähnlich wie bei der effektiven Behandlung von Lymphknoten.“

Offenbar wird der Wissenschaftler nicht sehr lange in Deutschland bleiben. „Es ist sehr sanstrengend und es dauert sehr lange hier in Deutschland als Arzt sein Diplom anerkannt zu bekommen. In den USA gibt es ein Visaprogramm für solche, die in ihren Bereich außergewöhnliches geleistet haben. Ich habe dahin meinen Antrag geschickt und wurde als „außergewöhnlicher Wissenschaftler anerkannt.“

Die USA haben offenbar niedrigere Hürden bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen als andere Länder. „Wegen des Coronavirus hat die USA ihre Tore für Ärzte geöffnet. Ich habe die US-Borschaft über meine Arbeit in dem Bereich informiert. Sie haben sich sofort zurückgemeldet und wollten einen kurzen Lebenslauf. Und ich habe ihnen mein Projekt erklärt.“ Demnächst soll eine Einladung des zuständigen US-Konsulats zu einem Interview erfolgen.

Einladung von der Harvard Universität

„Ich hatte bereits zuvor eine Einladung der Brigham and Women’s Hospital von der Harvard Universität. Die Formalitäten halten noch an. Sobald diese beendet sind werde ich in die USA reisen und dort meine Arbeiten zum Coronavirus fortsetzen,“ erzählte der Wissenschaftler Murat Sadıç im Gespräch mit BOLD.

In der Türkei war der Wissenschaftler sehr erfolgreich. „In der Türkei habe ich an einigen Projekten gemeinsam mit der TÜBITAK (Türkische Anstalt für Wissenschaftliche und Technologische Forschung) gearbeitet. Zuletzt habe ich im Ausbildungs- und Forschungskrankenhaus in Ankara im Bereich Nuklearmedizin gearbeitet. Nach dem Putschversuch wurde zunäcsht meine Frau mit dem Dekret 672 entlassen. Danach wurde sie wegen ihres Bankkontos verhaftet. Unser Kind war damals anderthalb Jahre alt gewesen. Seine Mutter war weg und es konnte nicht mehr gestillt werden. Weil meine Frau per Dekret entlassen wurde, wurde auch ich entlassen. Danach wurde ich mit ähnlicher Begründung festgenommen. Ich hatte im Gefängnis eine sehr schwierige Zeit durchgemacht.

Vom Labor in die Grube 
Der Wissenschaftler hat es nach dem Putschversuch schwer gehabt. Während er in seinem Labor forschte wurde er verhaftet. „Der Staatsanwaltschaft sagte zu mir ´ich möchte eigentlich keinen Wissenschaftler wie dich verhaften lassen, aber so sind die Anweisungen aus Ankara.´ Ich höre diese Worte immer noch. Ich wurde in einer überfüllten Zelle im Gefängnis von Ankara-Sincan drei Wochen festgehalten.“ Danach sei der Nuklearmediziner ins Gefängnis von Amasya gebracht worden. Das habe man getan, damit er von seiner Familie weiter entfernt ist. Dort sei er unmenschlicher Behandlung ausgesetzt worden. „Ich wurde in eine acht bis neun Quadratmeter große Zelle geworfen, wie wie eine Grube war. Diese Zelle bekam kein Sonnenlicht ab. Es gab Zeiten, wo ich weder mit meinem Anwalt noch mit meiner Frau sprechen durfte. Ständig wurde ich beleidigt und man hat versucht meinen Willen zu brechen.“

Täglich 15 Minuten Wasser
Der Sommer war sehr heiß. Es gab am Tag nur 15 Minuten Wasser, und das morgens zwischen 4:00 Uhr und 4:15 Uhr. Es war nicht erlaubt, Wasser aufzubewahren. Unser Essen und Einkäufe aus der Kantine wurden von der Gefängnisleitung limitiert. Über die Mäuse und Insekten will ich erst gar nicht anfangen,“ erzählt der Wissenschaftler BOLD.

„Wegen der Umstände dort hat sich ein Tumor an meinem Fuß gebildet. Ich bin Arzt ud kenne das. Ich habe zehn Anträge gestellt, aber ich wurde nicht ins Krankenhaus gebracht. Ich konnte nicht mehr laufen. Ich habe auch keine Schmerzmittel bekommen. Später durfte ich mit dem Gefängnisarzt reden. Der hat mich dann ins Krankenhaus geschickt, wo der Tumor entfernt wurde.

Erfolge wurden zu Straftaten erklärt
Gerechtigkeit habe Murat Sadıç in der Türkei keine erfahren. „Vor Gericht wurde mir nicht erlaubt mich zu verteidigen. Meine Verurteilung ging schnell. Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer über einen 29-jährigen gesprochen, der der jüngsten Privatdozent der Türkei sei, in den USA ausgebildet wurde und dort Prüfungen bestanden hat. Nach meiner Strafe wurde ich entlassen.

Nach meiner Entlassung bekam ich keine Arbeit. Weil ich per Dekret entlassen wurde, bekam ich nicht einmal Antworten auf meine Bewerbungen. Wir wurden wie Geister behandelt und wurden dem sozialen Tod ausgesetzt. Weil mein Reisepass beschlagnahmt wurde, durfte ich nicht ins Ausland. Ich musste dann mit meiner Frau und unserem kleinen Kind flüchten.

Von mir wurden rund 100 wissenschaftliche Artikel in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Ich wurde ausgezeichnet. Ich wollte meinem Land und der Menschheit förderlich sein. Aber in der Türkei war es mir weder erlaubt zu arbeiten noch zu leben. Die Welt besteht aber nicht nur aus der Türkei. Für mein Land ist es schade.

Viele der Wissenschaftler, die mich ausgebildet haben, wurden ebenfalls per Dekret entlassen. Viele wurden vor Gericht freigesprochen aber dennoch dürfen sie nicht in ihrem Bereich arbeiten. Sogar ein Freispruch ist keine Lösung in der Türkei. Wo es kein Recht gibt gibt es auch keine Gerechtigkeit.“

 

Die deutsche Übersetzung wurde redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Menschenrechte

Gefängnisse schließen Kantinen: Kein Obst und Gemüse während Corona-Krise

Während die Diskussion in der Türkei anhält, ob auch politische Gefangene von einer Amnestie profitieren sollen, kommen immer mehr schlechte Nachrichten aus den Haftanstalten. Die Kantinen sind geschlossen. Die Gefangenen können damit weder Obst, Gemüse oder andere Lebensmittel kaufen.

von Cevheri Güven

Seit Tagen mehren sich die Nachrichten über Coronafälle in den türkischen Gefängnissen Gleichzeitig wurden den Gefangenen die Möglichkeit genommen durch den Kauf verschiedener Lebensmittel ihr Immunsystem zu stärken. Die Kantinen, in den Häftlinge etwa Obst oder Gemüse kaufen konnten, wurden offenbar geschlossen. Das erzählten verschiedene Gefange ihren Angehörigen an den Besuchstagen. Oft sei auch das Essen der Gefängnisse nicht ausreichend. Gefangene könnten dadurch Hunger leiden.

In den Gefängnissen soll es eine Bekanntmachung gegeben haben, dass die Kantinen für einen Monat geschlossen würden und die Häftlinge in den Kantinen für diese Zeit einkaufen sollten. Kurze Zeit später seien die Kantinen geschlossen worden.

Gerade in den Zellen für bis zu 40 Gefangene sei es schwierig Lebensmittel für einen Monat zu lagern, da es keine Kühlschränke dort gebe. Das Lagern von Obst und Gemüse ist für Gefangene praktisch unmöglich.

Vitamine von draußen nicht erlaubt

Aus Angst vor dem Coronavirus wollen viele Angehörige den Gefangenen Vitamintabletten geben. Damit soll vor allem das Immunsystem der Gefangenen gestärkt werden. Das wird von den Gefängnisleitungen allerdings nicht erlaubt.

Die Angehörigen berichten von schwachen Immunsystemen bei ihren Angehörigen, weil diese auch zu wenig Sonne sehen. Die Gefangenen erwarten daher schwierige Zeiten. Die Angehörigen fordern deswegen eine Gleichheit beim bevorstehenden Amnestiegesetz wegen der Corona-Krise. Bislang sollten politische Häftlinge etwa nicht von einer Amnetsie profitieren können.

Bisherige Regelung in den Gefängniskantinen

Die Gefängniskantinen verdienen viel Geld mit ihren Verkäufen. Gefangene hatten bislang die Möglichkeit einmal pro Woche in einem Formular ihre Bestellungen aufzugeben. Diese Kantinen wurden immer wieder in der Vergangenheit wegen ihrer hohen Preise im Vergleich zu den Supermärkten kritisiert. Auch hatte es immer wieder Kritik gegeben, weil die Haftanstalten zu wenig Essen ausgaben und die Gefangenen gezwungen waren in den Kantinen einzukaufen.

 

Die deutsche Übersetzung wurde redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier

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Menschenrechte

Künstler, Autoren und Politiker fordern Freiheit für politische Gefangene

Die Corona-Krise hält die Türkei weiter in ihrem Griff. Gesundheitsminister Fahrtetin Koca hat die aktuellen Zahlen veröffentlicht. In den vergangenen 24 Stunden sollen demnach weitere 79 Menschen ums Leben gekommen sein. Die Zahl der durch das Coronavirus gestorbenen ist damit auf 356 gestiegen. Insgesamt liege die Zahl der Infizierten inzwischen bei 18.135. Bei 82 Prozent der Todesfälle in den vergangenen 24 Stunden handelt es sich um Personen über 60 Jahren.

Unterdessen wird der Druck auf die Regierung wegen des anstehenden Amnestiegesetzes immer größer. Mit dem neuen Vorhaben sollen Gefangene aus den Haftanstalten entlassen werden. Ausgenommen wären aber politische Häftlinge. Diese wurden wegen Terrordelikte verurteilt. In den Gefängnis würde ein Ausbruch verheerende Folgen haben.

Deswegen fordern immer mehr Künstler, Autoren und Menschen aus der Politik die Regierung von Präsident Erdoğan auf politische Gegner nicht von der Amnestie auszuschließen. Hier einige Stimmen:

Lale Mansu (Schauspielerin): „Wie auch die UN von euch verlagt will ich auch, dass politische Häftlinge in das Amnestiegesetz eingeschlossen werden. Wenn ihr nur ein wenig Gewissen habt werdet ihr das tun.“

Akın Birdal (Politiker): „Zuerst müssen poltische Gefangene wie Journalisten, Menschenrechtler, Rechtsanwälte, Autoren und Studenten freigelassen werden. Die Geleichheit im Amnestiegesetz wird den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht und einen wichtigen Schritt in Richtung gesellschaftlichen Frieden machen. Es muss eine Gleichheit im Amnestiegesetz geben. Die Tore der Gefängnisse sollen geöffnet werden damit jeder zu Hause sein kann.“

Eren Keskin (Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin): „Die Verfassung der Türkei, die von Putschisten geschrieben wurde, sagt in Artikel 10: ´Jeder ist vor dem Gesetz gleich.´ Deswegen verstößt eine Ungleichheit im Amnestiegesetz gegen die Verfassung.“

Aus der Literatur fordern u.a. Freiheit für politische Gefangene:

Şükrü Erbaş, Ahmet Telli, Hicri İzgören gibi isimlerin yanı sıra oyuncular Lale Mansur, Jülide Kural, Deniz Türkali, Suavi, Feryal Önel, dansçı Zeynep Tanbay und Gülten Kaya.

Aus der Politik:

Nuray Mert, Eren Keskin, Canan Kaftancıoğlu, Akın Birdal, Ufuk Uras, Gülseren Onanç, Vahap Coşkun, Mehmet Altan, Ali Bayramoğlu, Neşe Özgen, Sevtap Yokuş, Onur Hamzaoğlu.

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