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Menschenrechte

Aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet: Nuklearmediziner wird in den USA zu Coronavirus forschen

Murat Sadıç ist Experte in Nuklearmedizin. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die nach dem Putschversuch 2016 per Dekret entlassen und später verhaftet wurden. Heute lebt er als Flüchtling in Deutschland. Der Wissenschaftler forscht zum Thema Coronavirus. Er wird demnächst seine Arbeiten in den USA fortsetzen. BOLD führte ein Gespräch mit dem Wissenschaftler.

von Cevheri Güven

Während in den Krankenhäusern weltweit der Kampf gegen das Coronavirus anhält, versuchen Wissenschaftler ein Impfmittel gegen den gefährlichen Erreger zu finden. Zu ihnen gehört auch der Experte für Nuklearmedizin Murat Sadıç. Der Mediziner wurde nach dem Putschversuch zunächst per Dekret entlassen und später verhaftet. Später hat er es geschafft nach Deutschland zu flüchten.
Der Nuklearmediziner hat mit BOLD über zwei seiner Projekte zum Coronavirus gesprochen. „Es gibt noch keine spezifische Therapie zum Coronavirus. Wissenschaftler arbeiten gerade an einem Impfmittel und einem Medikament,“ erzählt der Wissenschaftler. Bei meiner Arbeit benutze ich die Nuklearmedizin.“

Die Methode an der Sadıç arbeite sei ähnlich wie der in der Krebstherapie. „Besonders in den vergangenen 4-5 Jahren ist das sehr populär geworden und hat in verschiedenen Krebsarten eine neue Ära eingeläutet. Wir nennen dieses Verfahren Theranostik – eine Zusammensetzung von Therapie und Diagnostik.“

In der anderen Arbeit des Wissenschaftlers gehe es um Antikörper. „Unsere Antikörper sind unsers natürliches Abwehrsystem. Es gibt Überlegungen, wonach Antikörper von Außen in den Körper injeziert wird. Das ist allerdings noch in einer Testphase,“ so Sadıç. In meiner Arbeit geht es um Antikörper, die wir gegen das Virus entwickelt haben mit einem radioaktiven Mittel zu verbinden und dieses direkt in die Region des Virus zu geben. Es ist ähnlich wie bei der effektiven Behandlung von Lymphknoten.“

Offenbar wird der Wissenschaftler nicht sehr lange in Deutschland bleiben. „Es ist sehr sanstrengend und es dauert sehr lange hier in Deutschland als Arzt sein Diplom anerkannt zu bekommen. In den USA gibt es ein Visaprogramm für solche, die in ihren Bereich außergewöhnliches geleistet haben. Ich habe dahin meinen Antrag geschickt und wurde als „außergewöhnlicher Wissenschaftler anerkannt.“

Die USA haben offenbar niedrigere Hürden bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen als andere Länder. „Wegen des Coronavirus hat die USA ihre Tore für Ärzte geöffnet. Ich habe die US-Borschaft über meine Arbeit in dem Bereich informiert. Sie haben sich sofort zurückgemeldet und wollten einen kurzen Lebenslauf. Und ich habe ihnen mein Projekt erklärt.“ Demnächst soll eine Einladung des zuständigen US-Konsulats zu einem Interview erfolgen.

Einladung von der Harvard Universität

„Ich hatte bereits zuvor eine Einladung der Brigham and Women’s Hospital von der Harvard Universität. Die Formalitäten halten noch an. Sobald diese beendet sind werde ich in die USA reisen und dort meine Arbeiten zum Coronavirus fortsetzen,“ erzählte der Wissenschaftler Murat Sadıç im Gespräch mit BOLD.

In der Türkei war der Wissenschaftler sehr erfolgreich. „In der Türkei habe ich an einigen Projekten gemeinsam mit der TÜBITAK (Türkische Anstalt für Wissenschaftliche und Technologische Forschung) gearbeitet. Zuletzt habe ich im Ausbildungs- und Forschungskrankenhaus in Ankara im Bereich Nuklearmedizin gearbeitet. Nach dem Putschversuch wurde zunäcsht meine Frau mit dem Dekret 672 entlassen. Danach wurde sie wegen ihres Bankkontos verhaftet. Unser Kind war damals anderthalb Jahre alt gewesen. Seine Mutter war weg und es konnte nicht mehr gestillt werden. Weil meine Frau per Dekret entlassen wurde, wurde auch ich entlassen. Danach wurde ich mit ähnlicher Begründung festgenommen. Ich hatte im Gefängnis eine sehr schwierige Zeit durchgemacht.

Vom Labor in die Grube 
Der Wissenschaftler hat es nach dem Putschversuch schwer gehabt. Während er in seinem Labor forschte wurde er verhaftet. „Der Staatsanwaltschaft sagte zu mir ´ich möchte eigentlich keinen Wissenschaftler wie dich verhaften lassen, aber so sind die Anweisungen aus Ankara.´ Ich höre diese Worte immer noch. Ich wurde in einer überfüllten Zelle im Gefängnis von Ankara-Sincan drei Wochen festgehalten.“ Danach sei der Nuklearmediziner ins Gefängnis von Amasya gebracht worden. Das habe man getan, damit er von seiner Familie weiter entfernt ist. Dort sei er unmenschlicher Behandlung ausgesetzt worden. „Ich wurde in eine acht bis neun Quadratmeter große Zelle geworfen, wie wie eine Grube war. Diese Zelle bekam kein Sonnenlicht ab. Es gab Zeiten, wo ich weder mit meinem Anwalt noch mit meiner Frau sprechen durfte. Ständig wurde ich beleidigt und man hat versucht meinen Willen zu brechen.“

Täglich 15 Minuten Wasser
Der Sommer war sehr heiß. Es gab am Tag nur 15 Minuten Wasser, und das morgens zwischen 4:00 Uhr und 4:15 Uhr. Es war nicht erlaubt, Wasser aufzubewahren. Unser Essen und Einkäufe aus der Kantine wurden von der Gefängnisleitung limitiert. Über die Mäuse und Insekten will ich erst gar nicht anfangen,“ erzählt der Wissenschaftler BOLD.

„Wegen der Umstände dort hat sich ein Tumor an meinem Fuß gebildet. Ich bin Arzt ud kenne das. Ich habe zehn Anträge gestellt, aber ich wurde nicht ins Krankenhaus gebracht. Ich konnte nicht mehr laufen. Ich habe auch keine Schmerzmittel bekommen. Später durfte ich mit dem Gefängnisarzt reden. Der hat mich dann ins Krankenhaus geschickt, wo der Tumor entfernt wurde.

Erfolge wurden zu Straftaten erklärt
Gerechtigkeit habe Murat Sadıç in der Türkei keine erfahren. „Vor Gericht wurde mir nicht erlaubt mich zu verteidigen. Meine Verurteilung ging schnell. Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer über einen 29-jährigen gesprochen, der der jüngsten Privatdozent der Türkei sei, in den USA ausgebildet wurde und dort Prüfungen bestanden hat. Nach meiner Strafe wurde ich entlassen.

Nach meiner Entlassung bekam ich keine Arbeit. Weil ich per Dekret entlassen wurde, bekam ich nicht einmal Antworten auf meine Bewerbungen. Wir wurden wie Geister behandelt und wurden dem sozialen Tod ausgesetzt. Weil mein Reisepass beschlagnahmt wurde, durfte ich nicht ins Ausland. Ich musste dann mit meiner Frau und unserem kleinen Kind flüchten.

Von mir wurden rund 100 wissenschaftliche Artikel in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Ich wurde ausgezeichnet. Ich wollte meinem Land und der Menschheit förderlich sein. Aber in der Türkei war es mir weder erlaubt zu arbeiten noch zu leben. Die Welt besteht aber nicht nur aus der Türkei. Für mein Land ist es schade.

Viele der Wissenschaftler, die mich ausgebildet haben, wurden ebenfalls per Dekret entlassen. Viele wurden vor Gericht freigesprochen aber dennoch dürfen sie nicht in ihrem Bereich arbeiten. Sogar ein Freispruch ist keine Lösung in der Türkei. Wo es kein Recht gibt gibt es auch keine Gerechtigkeit.“

 

Die deutsche Übersetzung wurde redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

Menschenrechte

Weitere Zelle im Silivri-Gefängnis mit Covid-19

Das Coronavirus bedroht weiterhin die Häftlinge in türkischen Gefängnissen. Der ehemalige Lehrer der Polizeiakdemie, Şükrü Tuğrul Özşöngül, wurde positiv auf den Erreger getestet. Die gesundheitliche Situation des Gefangenen von Gefängnis Nr. 8 Zelle C35 in der Haftanstalt in Istanbul-Silivri ist ernst.

Von Cevheri Güven

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Das Coronavirus breitet sich im Gefängnis von Istanbul weiter aus. Wie Bold von Angehörigen von Gefangenen erfahren hat, sind alle Gefangenen von Gefängnis Nr. 8 Zelle C35 in der Haftanstalt in Istanbul-Silivri mit dem gefährlichen Coronavirus infiziert.

„Wir können nicht alle testen, sucht 4 von euch aus“

Zuletzt wurde die gesundheitliche Lage von vier Gefangenen ernst und wurden deswegen ins Krankenhaus verlegt. Dort wurde sie positiv auf den Erreger getestet. Die 40 übrigen Gefangenen hatten daraufhin auch einen Test verlangt. „Wir können nicht alle testen, sucht 4 von euch aus,“ sagte die Gefängnisleitung zu den Häftlingen. Von den vier Tests waren zunächst zwei positiv und zwei negativ ausgefallen. Die negativ getesteten wurden dann in eine andere Zelle verlegt.

Drohung mit Isolationshaft

Wer ins Krankenhaus möchte, wird bedroht. „Diejenigen, die ins Krankenhaus wollen, kommen ins Isolationshaft, wenn sie zurückkommen. Bedenkt das, wenn ihr so etwas beantragt,“ sei den Gefangenen gesagt worden, berichten uns die Angehörigen. Deswegen hätten viele ihre Anträge auf Verlegung ins Krankenhaus zurückgezogen. Alle Insassen der Zelle sollen inzwischen an Fieber, Appetitlosigkeit und Schwäche leiden. Die Gefangenen in der Zelle dürfen keinen Besuch empfangen.

Trotz Risikogruppe muss Özşengül weiter in Haft bleiben

Auch der ebenfalls im Gefängnis von Istanbul-Silivri Özşengül inhaftierte ehemalige Lehrer an einer Polizeiakademie muss weiterhin im Gefängnis bleiben, obwohl er positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Zuvor wurde der Mann am Herzen operiert. Zudem leidet Mann an hohem Blutdruck und gehört damit zur Risikogruppe. Derzeit ist ungewiss, ob der ehemalige Lehrer einer Polizeiakademie ins Krankenhaus verlegt wurde.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Menschenrechte

Zweiter Ahmet Burhan Fall: Vater in Haft, Kind hat Krebs, Mutter hilflos

In Manisa bahnt sich ein neue Tragödie wie in dem Fall des inzwischen verstorbenen Ahmet Burhan an. Bei dem kleinen Selman Çalışkan wurde vor rund einem Jahr ein Gehirntumor diagnostiziert. Seitdem versucht das Kind gegen seine Krankheit anzukämpfen – ohne seinen Vater.

Von Sevinç Özarslan
(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Rasim Çalışkan ist seit 37 Monaten im Gefängnis von Manisa inhaftiert. Bei seinem 6-jährigen Sohn Selman wurde vor rund einem Jahr Krebs diagnostiziert. Inzwischen ist der Tumor in seinem Gehirn 5 cm groß. Am 28. Juni 2019 hatte die Ärzte den Jungen operiert. Dabei gab es Komplikationen. Seither ist Selman behindert. Es kann seinen linken Arm und sein linkes Bein nicht mehr bewegen. Auch ein Teil seines Gesichts ist gelähmt.

“Therapie wird weitere zwei Jahre dauern”

Die Familie Çalışkan lebt in Manisa. Wegen der Therapien ihres Sohnes müssen sie seit einem Jahr nach Izmir fahren. Selman musste nach seiner Operation 30 Tage lang eine Strahlentherapie machen. Gleichzeitig bekam er auch eine Chemotherapie. Dennoch stellte die Ärzte nach seiner Therapie eine Vergrößerung des Tumors fest. Er soll jetzt ein Medikament bekommen, dass er 2 Jahre lang einnehmen soll. Die Kosten für drei Monate liegen dafür bei 78.000 TL.

 

Vor einigen Tagen waren sie wieder mit dem kranken Jungen im Krankenhaus gewesen, erzählt die Mutter Emine: “An seinem Fuß wurde eine Ader geöffnet. Er bekam drei Stunden lang ein Medikament. Seine Ader sind empfindlich und deswegen schwoll diese an. Danach mussten sie das Medikament von einer Ander an seiner Hand geben. Nach jeder Chemotherapie hat er drei Tage lang Fieber,” sagt die Mutter.

Überlebenschance von 17 Prozent

“Ihr Sohn hat eine Überlebenschance von 17 Prozent,” sollen die Ärzte der Mutter gesagt haben. Sowohl ihr Sohn und auch ihr Mann haben müssen ihren Kampf alleine ausfechten. Der Vater des Jungen kann in den schwierigen Stunden bei ihm sein. Bei den Telefongesprächen sagt der Vater jedes Mal, dass er keine Kraft mehr habe. Deswegen hat Rasim Çalışkan einen Brief an den Menschenrechtler und Abgeordneten Ömer Faruk Gergerlioğlu (HDP) geschrieben.

Krebs in fortgeschrittenem Stadium

“Um meinen Sohn pflegen zuu können, hat meine Frau ihren Beruf aufgegeben,” schreibt Rasim Çalışkan om seinem Brief vom 1. Mai 2020. Nachdem mein Sohn zwei Wochen in der Intensivstation verbrachte, wurd ins Krankenhaus von Izmir Tepecik verlegt. Zwei Monate nach seiner Operation durfte er seine Therapie zu Hause bis jetzt fortsetzen.

Nur ein Mal seinen Sohn gesehen

In dieser Zeit durfte Rasim Çalışkan seinen Sohn nur ein einziges Mal sehen. Nach der Operation seines Sohnes wurde er in Handschellen bis vor seine Haustür gemacht. 5 Stunden lang durfte er mit seinem Sohn verbringen. Insgesamt 4 Anträge auf Haftaussetzung wegen der Krankheit seines Kindes hat Çalışkan an das Gericht in Manisa bislang gestellt, bislang ohne Erfolg. Der Vater hat auch einen Brief an Präsident Recep Tayyip Erdoğan geschrieben. Eine Antwort blieb bislang aus.

Jede Woche von Manisa nach Izmir

In seinem Brief erzählt Rasim Çalışkan über die Strapazen seines Sohnes und seiner Ehefrau:
“Nach der Operation meines Sohnes mussten sie wegen der Strahlentherapie jeden Tag von Manisa nach Izmir. Danach gab es sechs Monate lang eine Chemotherapie, für die sie ein Mal in der Woche die selbe Strecke fahren mit einem Auto fahren mussten. Die jetzige Therapie soll zwei Jahre dauern. Wir haben kein eigenes Auto. Meine Frau hat keinen Führerschein. Bislang haben Freunde und Nachbarn sie beide dahin gefahren. Wie lange kann das denn so weiter gehen?”

“Meine Frau muss Medikamente wegen Herzmedikamente und Psychopharmaka einnehmen”

Seit drei Jahren lebt der Vater getrennt von seiner Familie. In dieser Zeit musste seine Ehefrau die gesamte Last der Familie alleine tragen, erzählt Çalışkan. “Sie hat keine Einkünfte und muss sich um drei Kinder kümmern, wovon eines schwer behindert ist. Sie muss jede Woche jemanden bitten ihren Kind zur Therapie zu fahren. Sie nimmt inzwischen Medikamente für ihr Herz und ihre Psyche. Gleichzeitig versuche die Mutter ein würdevolles Leben zu führen.

“Ich bin ein Vater, der seit drei Jahren im Gefängnis sitzt und seine Anträge von den Behörden bislang abgelehnt wurden. Ich weiß nicht, was ich noch machen muss. Ich vertraue Ihnen und habe deswegen Ihnen mein Herz ausgeschüttet. Mein angeschlagene Frau und mein kranker Sohn brauchen Hilfe,” schreibt der Vater an den Abgeordneten Gergerlioğlu.

Per Dekret entlassener Lehrer

Nach dem Putschversuch wurde Rasim Çalışkan mit dem Dekret 672 zunächst entlassen und am 17. Mai 2017 wegen Terrordelikten zu 7 Jahren und 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Fall liegt beim Kassationshof zur Berufung vor. Bis zu seiner entlassung hatte Çalışkan 17 Jahre lang als Lehrer gearbeitet.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

 

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Menschenrechte

„Wir wurden mit unseren zwei Kindern festgenommen und stundenlang gefoltert“

Der inhaftierte Lehrer Önder Bozkurt wurde in Polizeigewahrsam gefoltert, schreibt der Mann in einem Brief. Auch seine Ehefrau musste tagelang auf dem Polizeipräsidium einiges über sich ergehen lassen.

Von Sevinç Özarslan
(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Am 19. Februar 2018 wird Önder Bozkurt gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinen Kindern in Gümüşhane festgenommen. In einem Brief an den Menschenrechtler und Abgerodneten Ömer Faruk Gergerlioğlu (HDP) schildert er die anschließende Folter in Polizeigewahrsam. “Es ist unmöglich diese ein wöchige Tortur zu vergessen. Es hat tiefe Spuren in unserem Leben hinterlassen. Wir wurden gemeinsam mit unseren beiden Kindern festgenommen. Neben Beleidigungen und Anschuldigungen musste ich eine Woche lang jeden Tag in Handschellen stehen. Jeden tag wurde das systematisch durchgeführt. Es wurde gegen mich auch physische Gewalt angewendet. Ich möchte Sie nicht in Trauer versetzen, in dem ich Ihnen die Details erzähle.”

“In anderen Städten machen sie schlimmeres”

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wurden Menschen festgenommen und anschließend in allen Teilen des Landes gefoltert. Besonders in den Polizeipräsidien in İstanbul, Ankara, Afyon, Bartın, Aksaray und Mersin hatten anshließend Opfer über ihre Tortur berichtet. Bozkurt wurde von der Antiterrorpolizei TEM in Gümüşhane gefoltert, berichtet der Lehrer in seinem Brief an den Abgeordneten. Dabei habe sogar der Direktor der TEM sich lustig über Bozkurt gemacht. “Önder, hätte ich gewusst was die Kollegen mit dir machen, hätte ich das nicht zugelassen. Du solltest wissen, dass in anderen schlimmeres gemacht wird,” so Bozkurt. “Hätter er seine Worte erst gemeint, hätte er sofort Ermittlungen gegen die Folterer eingeitet.”

“Gericht nahm Folter nicht ins Protokoll auf”

Bozkurt erzählt, dass die Folter nicht ins Protokoll aufgenommen wurde. “Sie hatten mich mit meiner Ehefrau unter Druck gesetzt. Sie haben unheimlichen druck auf mich ausgeübt. Ich habe das alles vor Gericht erzählt und auch schriftlich einegereicht. Nichts wurde aber unternommen. Nich nur, dass nichts unternommen wurde, sie haben sogar eine Höchststrafe verhängt.” Außer Wasser wurde ihr nichts gegeben

Auch seine Ehefrau Fatma wurde in Polizeigewahrsam beschimpft und schlimmstens beleidigt. “Sie musste stundenlang stehen. Dann gab es die schlimmsten Beleidigungen, die man nicht in den Mund nehmen möchte. Sie wurde von zwei männlichen Polizisten auf das Polizeirevier ins Polizeipräsdium in Gümüşhane Torul gebracht. Meine Ehefrau musste dort sechs Tage verbringen. Außer Wasser hat sie nichts zu sich genommen. Ich habe davon erst in einem Brief von meiner Frau erfahren, als ich ins Gefängnis gesteckt wurde,” schreibt der Lehrer in seinem Brief an den Abgeordneten.

“Als wir in Untersuchungshaft genommen wurden, hat man uns voneinander getrennt. Meine Tochter ging mit meiner Frau und mein Sohn musste bei mir bleiben. Meine Frau und meine Tochter wurden durch einen Polizisten und seine kollegin dann zur medizinischen Kontrolle ins Krankenhaus gefahren. Auf der Fahrt hatte der Mann dann immer wieder aufs Lenkread geschlagen und meine Frau gefragt, wie man sein Vaterlandsverrat begehen könne. Sie sei ein Terrorist sagte er ihr. Bei jedem Mal als dieser Polizist aufs Lenkrad geschlagen hatte, hat sich meine Tochter sich an ihre Mutter noch
fester geklammert,” so der inhaftierte Lehrer.

10 Jahre Gefängnis

Nach dem das Ehepaar Bozkurt wegen Verbindungen zur Gülen-Bewegung festgenommen wurden, kamen sie zunächst ins Gefängnis von Gümüşhane und sitzen seit fünf Monaten in der Haftanstalt von Patnos. Das Strafgericht von Patnos hat das Ehepaar wegen Terrordelikten zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der Fall liegt jetzt zur Berufung vor dem Kassationshof. Die Zeugen in dem Fall hätten ihre Aussagen zurückgezogen. Dennoch muss das Ehepaar zehn Jahre hinter Gittern verbringen.

Erzwungene Aussagen

“Was waren die Vorwürfe gegen uns: Es gab Aussagen gegen meine Frau und sie habe die Messenger-App “ByLock” verwendet. Und mir wurde angelastet, dass ich in den privaten FEM-Nachhilfeschulen vier Jahre zuvor gearbeitet habe. Das Strafgericht von Gümüşhane hat dennoch ein Urteil verhängt, dass absolut unverständlich ist. Das Urteil von meiner Frau stützt sich auf zwei Zeugen, die während des Gerichtsprozesses ihre Aussagen zurückgezogen hatten. Einer hatte gesagt, dass seine Aussage im Polzeirevier erzwungen wurde. Der andere gab zu, dass er eine Falschaussage gemacht habe. Dennoch wurde meine Frau nicht frei gelassen.

“Unsere Tochter bekam keine Muttermilch mehr”

Der Biologie-Lehrer Önder Bozkurt und seine Eihefrau Fatma, die Klassenlehrerin war, haben eine Tochter, Betül Hafsa (4), und einen Sohn, Bahadır (6). Seit 28 Monaten ist das Ehepaar von ihren Kindern getrennt. Auch beide Geschwister sind voneinander getrennt. Betül Hafsa lebt der Großmutter mütterlicherseits und Bahadır bei der Großmutter väterlicherseits. Nachdem die Mutter festgenommen wurde, konnte das Kind keine Muttermilch mehr bekommen, erzählt der Familienvater. Seine Ehefrau leide sehr unter den Folgen der Trennung von ihren Kindern und fordert deswegen ihre Freilassung.

“Unsere Tochter erinnert sich nicht mehr an uns”

Wegen der Maßnahmen gegen das Coronavirus kann Önder Bozkurt weder seine Frau noch seine Kinder mehr sehen. Anträge würden nicht bearbeitet werden. Zudem mache sich der Lehrer Sorgen um die Gesundheit seiner Ehefrau.

“Meine Frau hat derzeit sehr große psychische und seelische Probleme. Sie weint seit 27 Monaten ununterbrochen. Seit Jahren ist eine Mutter von ihren geleibten Kindern getrennt. Das hält doch niemand aus. Ich habe bei den zuständigen Behörden immer wieder Anträge gestellt. Es war alles umsonst. Unsere Tochter erinnert sich nicht mehr an uns. Unser Sohn hat dieses Jahr mit dem Kindergarten angefangen aber möchte nicht mehr dahingehen,” schreibt der Vater..

“Ich flehe sie an, sorgen Sie dafür, dass wir gehört werden”

Önder Bozkurt bittet um Hilfe: “Wir sind hilflos. Ich habe niemals eine Waffe in der Hand gehalten. Ich habe mein ganzes Leben lang versucht ein guter Mensch zu sein. Mit einigen Aussagen wurde ich zum Terroristen gebrandmarkt. Ist das so einfach zum Terroristen zu werden. Ich verstehe das nicht. Ich bitte Sie, helfen Sie uns damit unsere Stimme an den zuständigen Stelle gehört wird, damit sich meine Familie wenigsten ein wenig zusammenraufen kann, damit meine Frau wieder zu ihren Kindern kann. Wir haben keine Kraft mehr.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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