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Menschenrechte

Immer mehr Corona-Fälle im Silivri-Gefängnis

Die Corona-Pandemie ist auch in die türkischen Gefängnisse übergesprungen. In dem größten türkischen Gefängnis in Istanbul-Silivri gibt es einen rasanten Anstieg. Gefangene und ihre Angehörigen haben Angst.

Von Cevheri Güven

Das Coronavirus breitet sich in den türkischen Gefängnis aus. Die steigenden Infektionszahlen werden inzwischen vom Justizministerium und den Staatsanwaltschaften bestätigt. Wegen seiner Größe ist das Augenmerk in der Türkei auf das Gefängnis von Istanbul Silivri gerichtet. Wegen der Pandemie dürfen Gefangene nicht mehr besucht werden. Staatdessen dürfen sie doppelt so viel Telefonieren, wie bislang erlaubt war. Im Gefängnis von Istanbul Silivri sieht das anders aus: Statt zwei Mal je 10 Minuten zu telefonieren, dürfen die Häftlinge einmal 20 Minuten pro Woche telefonieren. Deswegen ist es schwierig schnell an Informationen aus dem größten Gefängnis in der Türkei zu erhalten. Ein anderes Problem im Silivri-Gefängnis ist, dass bei einem einzigen positiven Coronafall niemand aus der Zelle nicht mehr mit seinem Rechtswanwalt treffen kann. Nur selten konnten deswegen die Rechtswanwälte mit den Gefangenen sprechen. Die selben Gefangenen dürfen auch nicht mehr mit ihren Familien telefonieren.

Ehefrau von Gefangenem: “Mein Mann hat sein Bewusstsein verloren”

Mein Mann ist in Bereich 7, Station B10. Am Mittwoch hatten wir ein Telefongespräch. Mein Mann sagte, er werde etwas langsamer sprechen. Als er das sagte, machte ich mir Sorgen. Normalerweise spricht er am Telefon nicht über Probleme. Er zeigt es uns nicht. Er will auch nicht, dass wir es sagen. Er sagte, dass er sich kraftlos fühlt und er gestern das Bewusstsein verloren hat. In seiner Zelle gebe es kranke Gefangene und deswegen solle heute mit jedem ein Test durchgeführt werden. In der ersten Woche des Ramadan sei das Essen sehr schlecht gewesen und ihnen nur Fertigessen gegeben wurde. Danach sei es etwas besser geworden. Wegen der Epidemie sei die Kantine geschlossen. Deswegen könnten die Gefangenen kein Obst und Gemüse mehr kaufen,” erzählt die Frau im Gespräch mit Bold.

Die Ehefrau des Gefangenen hatte erst nach drei Tagen jemanden in dem Gefängnis erreichen können. Ihr Man sie positiv auf das Coronavirus getestet worden:
“Mir wurde gesagt, mein Mann sei in Quarantäne und er bekomme Medikamente unter der Aufsicht des Gefängnisarztes. In der elektronischen Krankendatenbank “e-nabız” wird gezeigt, dass seine Zellennachbarn ins Krankenhaus gebracht wurden und sie dort an der Lunge untersucht werden. Wir wissen nicht, ob mein Mann und seine Zellennachbarn im Krankenhaus oder im Gefängnis sind. Normalerweise achtet mein Mann darauf auch zu fasten, wenn er krank ist. Er erzählte, dass er seit zwei Tagen nicht mehr fastet. Er fühlt sich also schlecht.”

Krankheit breitet sich aus

Nach bestätigten Information gibt es im Bereich 6, 7 und 8 des Silivri-Gefängnissen positive Fälle. Grund dafür ist, der Transfer zwischen den Zellen, um Quarantäne-Bereiche zu errichten. Der 25-jährige Enes Karaduran ist im Bereich 7 des Silvri-Gefängnissen inhaftiert und befindet sich derzeit in medizinische Behandlung. In seiner 44-Mann-Zelle wurden 10 Gefangene in andere Zellen verlegt. In Station B10 seien die positiven Fälle erst danach aufgetaucht. Sei Bruder hatte in einem Gespräch mit der Online-Plattform “Artı Gerçek” über die Probleme in dem größten türk. Gefängnis gesprochen. “Enes war in einer Zelle für 7 Personen mit 44 Gefangenen eingesperrt. Danach wurden 10 der Gefangenen in andere Zellen verlegt,” und damit diese Informationen bestätigt.
Staatsanwaltschaft von Istanbul-Bakırköy bestätigt.

In einer Stellungnahme vom 8. Mai 2020 hat die Staatsanwaltschaft von Istanbul-Bakırköy die positiven Tests von 44 Gefangenen im Bereich 7 des Silivri-Gefängnisses bestätigt. Man sei mit den zuständigen Gesundheitsämtern im Austausch.

Erreichen per Telefon nicht möglich

Die positiv getesteten Gefangenen im Silivri-Gefängnis fordern eine eigene Telefonleitung und einen Verantwortlichen, der die Fragen ihrer Angehörigen beantwortet. Auch die Ehefrau eines Gefangenen aus dem Bereich B10 klagt über Probleme:
“Mein Mann sagte ihm ginge es am Mittwoch schlecht und er getestet werden soll. Ich konnt das Gefängnis aber erst am Samstag erreichen. Wenn ich dort jetzt anrufe, ist es ständig besetzt. Mein Mann würde mir niemals amTelefon sagen, dass er langsam sprechen werde. Es sagt nichts, was nur annähernd negativ ist. An diesem Tag war er aber sehr aufgebracht. Die Gefangenen dort sind offenbar alle angespannt. Es ist sein 15- Prozesstag. Der letzte Prozesstermin wurde auch verschoben. Sie sagen schon vor Prozessbeginn, dass sie den Termin verschieben werden. Alle unsere Freunde haben die selben Probleme. Wann, wenn nicht jetzt sollen die Gefangenen entlassen werden?

Lebensmittelprobleme

Neben dem Kommunikationsproblem sind auch Lebensmittel zu einem Problem in den Gefängnissen in der Türkei geworden. Nach dem neuen Strafvollzugsgesetz wurden rund 90.000 Gefangene entlassen. In den Küchen der Strafanstalten gibt es deswegen Personalmangel. In vielen Haftanstalten gab es wochenlang keine warmen Mahlzeiten. Weil auch die Kantinen wegen Vorsichtsmaßnahmen geschlossen wurden, können die Häftlinge auch kein Obst und Gemüse mehr kaufen. Das führt dazu, dass die Betroffene ein schwächeres Immunsystem haben.

cezaevlerindecorona.com

Das türkische Justizministerium hat weiterhin keine Möglichkeit geschaffen um an Informationen in den Gefängnissen zu kommen. Es werden auch keine regelmäßigen Pressemitteilungen dazu herausgegeben. Deswegen informiert eine Gruppe von Rechtsanwälten auf ihrer eigenen Internetseite www.cezaevindekorona.com  (übersetzt: Corona in den Gefängnissen”) über die Entwicklungen in den Haftanstalten. Hier werden die Informationen zwischen den Rechtsanwälten und Angehörigen der Gefangenen zusammengetragen.

 

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

Menschenrechte

Kranker Gefangener Lütfü Koç: „Sie lassen mich hier sterben!“

Bei seinem letzten Telefongespräch aus dem Gefängnis mit seiner Familie sagte Lütfü Koç: “Sie lassen mich hier sterben.” Der kranke Mann ist wie viele andere Gefangene in der Türkei verzweifelt.

Von Sevinç Özarslan

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Lütfü Koç ist krank und sitzt im Gefängnis von Menemen in Izmir. Bei seinem letzten Telefongespräch mit seiner Ehefrau Züleyha zeigt der kranke Mann sich sehr besorgt. “Sie lassen mich hier sterben.” Koç wurde am 20 Mai 2019 wurde festgenommen. Seit Juni 2019 wartet er darauf, dass bei ihm eine Endoskopie und Kolonoskopie durchgeführt wird. Sein Arzt hatte ihm zuvor gesagt, dass er möglicherweise Krebs hat und das bei ihm eine Endoskopie und Kolonoskopie durchgeführt werden müsse. Seit er im Gefängnis wird, konnte er seine medizinischen Untersuchungen nicht mehr fortsetzen. Zudem hat der Mann zwei Zysten in seinem Gehirn.

Bei dem Telefongespräch erzählte der Mann seiner Frau, dass es auch eine Anschwellung auf seiner rechten Bauchseite gäbe. Der Gefängnisarzt hatte das als “anormal” bezeichnet. Dennoch durfte Koç ins Gefängnis verlegt werden. “Sie lassen mich hier sterben,” sagte der Mann seiner Frau.

“Schon drei Mal musste ich auf die Notaufnahme, aber das durfte ich nicht. Die rechte Seite meines Bauches ist angeschwollen. 12 bis 13 Stunden muss ich jeden Tag mis Ausstoßen und Brechen verbringen. Der Arzt hat den Verdacht auf Krebs. Niemanden interssiert das hier. Ich durfte aber auf die Sanitätsstation des Gefängnisses. Der Arzt dort ist absolut uninteressiert. Wegen des Coronavirus bringen sie Gefangene nur ins Krankenhaus, wenn Todesgefahr besteht. Sie wollen mich hier nicht rauslassen. Mir geht es nicht gut. Ich schlafe hier auf dem Boden.”

Staatsanwalt erreichen unmöglich

Die Ehefrau des Gefangenen und sein Rechtsanwalt wollen Anträge beim zuständigen Staatsanwalt stellen. Dieser sei aber nicht erreichbar. “Seit zwei Wochen ist der Rechtsanwalt schon zum Gericht gegangen. Der Staatsanwalt ist nicht da. Unsere einzige Hoffnung ist, dass Menschenrechtler unsere Stimme erhören,” so Züleyha Koç.

Alleine mit behindertem Kind

Züleyha Koç hat es besonders schwer. Sie muss sich um ihre zwei kranken Kinder kümmern, eines davon ist schwerbehindert. Zudem hat sie noch eine 80 Jahre alte Mutter, um die sich die Ehefrau des kranken Mannes ebenfalls kümmern muss. Sie hat einen Brief an das Gericht geschrieben.

“Ich bin Zeliha Koç, die Mutter eines schwerkranken Kindes. Mein vierjähriger Sohn leidet an Epilepsie. Er kann weder sehen, sprechen noch laufen. Damit er sich sicher fühlt, will er ständig, dass seine Hand festgehalten werden. Er kann nicht schlafen, ist pflegebedürftig und es muss ständig jemand bei ihm sein. Meine Tochter ist 11 Jahre alt. Als sie auf die Welt kam, wurde sie krank. Sie hatte eine schwere Zeit. Doch sie lebt. Mit 10 Jahren bekam sie dann eine Krankheit an ihren Muskeln. Sie leidet an Muskelschwund. Wir hatten anstrengende und schlaflose Nächte. Hatten wir uns mit meinem Mann gemeinsam unterstützt so bin ich jetzt komplett auf mich alleine gestellt. Ich bin in einer ausweglosen Situation und ich bin ein Einzelkind. Ich muss mich alleine um meine 80.jährige Mutter kümmern. Das Leben ist jetzt noch schwerer geworden. Bitte zeigen Sie Mitgefühl Sie haben doch auch Kinder, eine Ehepartnerin und eine Mutter.

Mein Mann hat am 29, April 2019 nicht einmal sich von seinen Kindern verabschiedet, weil er dachte, dass er wiederkommt.
Er wurde im Gerichtssaal verhaftet, zu dem alleine hingefahren war. Ich bitte Sie, lassen Sie meine Kinder nicht mit ihren Tränen in den Augen. Wir brauchen Hilfe, meine Kinder brauchen ihren Vater. Bitte lehnen Sie unsere Bitte nicht ab. Ich bitte sie als eine innerlich zerstörte Frau und Mutter. Wir sind am Ende.”

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Menschenrechte

Vom Gastarbeiter in Bottrop zum politischen Häftling in der Türkei

Während des Ramadan-Festes hatte Celal Bülbül Studenten zum #Fastenbrechen “Iftar” eingeladen und ihnen Lebensmittel geschenkt. Deswegen sitzt der 72-Jährige seit rund 10 Monaten im Gefängnis von Çorum.

Von Sevinç Özarslan

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Seit neuneinhalb Monaten sitzt Celal Bülbül (72) schon im Gefängnis von Çorum. Er konnte einige Tage vor dem Ranadan-Fest mit seiner Frau telefonieren. In einem Gespräch mit Bold berichtet uns die Ehefrau des Gefangenen über das Telefonat und die Verhältnisse in Haft. “Wir beten dafür, dass wir am Ramadan-Fest alle zu Hause sein können.” Dabei soll Bülbül geweint haben, erzählt seine Ehefrau. Danach soll er nur noch “es sind jetzt neuneinhalb Monate her, seit ich ins Gefängnis gesteckt wurde.”

“Ich habe die Berge, die Steine vermisst”

“Etwas später hat er sich wieder gefangen.Hoffentlich diese Tage bald der Vergangenheit an. Ich habe die Wälder, Berge und sogar Steine vermisst. Am 1 Juni sollen wieder Gefangenenbesuche erlaubt sein. …Es sind jetz neuneinhalb Monate vergangen, dass ich ins Gefängnis kam,´ sagte er.”

“Er schläft unter den Treppen”

Vor rund drei Wochen war Bülbül die Treppen heruntergefallen, weil ihm schwindelig war. Der Mann leide an verschiedenen Krankheiten. Wegen der Inhaftierung habe der Mann seine Therapien nicht beenden können. Der Mann müsse regelmäßig Magenspiegelungen bekommen, erzählt uns seine Ehefrau. Es bestehe zudem die Gefahr einer Erblindung. Wegen seines hohen Blutdrucks nehme der Mann seit 20 Jahren Medikamente ein. Weil es keinen Platz mehr in der Zelle gäbe, schlafe der Mann unter den unter den Treppen.

“Ich würde sterben, wenn ich in Quarantäne käme”

Bülbül leide auch an verschiedenen Phobien: Geschlossene Räume und unkelheit machten dem Mann immer Angst. Vergangene Woche durfte er dann mit seiner Familie telefonieren und erzählt über seinen Zustand im Gefängnis von Çorum.

“Ich hatte wegen meiner Schwindelgefühle im November 2019 einen Termin beim Arzt. Als ich verhaftet wurde, wurde daraus nichts. Hier bekommst du keine Medikamente, wenn du es möchtest. Du kannst auch nichts ins Krankenhaus. Denn sowohl vorher als auch im Anschluss muss man dann für zwei Wochen in Quarantäne. Ich sagte, ich würde sterben. Ich kann weder im Dunkeln, noch im Engen oder Alleine bleiben. Das sind Krankheiten. Ich habe sogar Angst im Aufzug alleine zu sein.

“Der Arzt sagte, ich könne blind werden”

Ich brauche Augentropfen. Meine Augen trocknen aus. Ich habe einen gelben Fleck im Auge. Manchmal sehe ich alles vernebelt. Der Arzt in Ankara sagte, dass es am Ende mit Blindheit enden wird. Damals bekam ich auch Vitamintabletten. Hier gibt es solche Möglichkeiten nicht.

“Bei mir muss regelmäßig eine Endoskopie gemacht werden”

Ich leide seit 20 Jahren an Blutdruckproblemen. Ich muss morgens und abends verschiedene Blutdrucktabletten einnehmen. Ich habe auch starke Magenprobleme. Ich musste regelmäßig eine Endoskopie bekommen. Das geht jetzt nicht mehr.“

Zwei Mal festegnommen

Bülbül wurde im Rahmen der Ermittlungen gegen die Gülen-Beegung im September 2016 festgenommen. Der seit neuneinhalb Monaten imGefängnis von Çorum einsitzende Celal Bülbül wurde inzwischen zu einer Gefängnisstafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt und wurde dann aber freigelassen. Als dann das Urteil vom Kassationshof bestätigt wurde, musste der Mann am 9. August wieder zurück ins Gefängnis.

Der kranke Celal Bülbül muss jetzt bis mindestens Juli 2022 im Gefängnis bleiben. Immer wieder starben Gefangene in türkischen Gefängnissen, weil sie krank waren und nicht ausreichend medizinisch evrsorgt wurden. Der dreifache Vater hat zudem eine Tochter, die Lungenkrebs hat. Nachdem ihr Vater ein zweites Mal ins Gefängnis gekommen war, hat sich auch ihre gesundheitliche Lage verschlechtert.

Celal Bülbül hatte es nicht immer einfach: 1973 ging der Mann nach Bottrop um in einer Kohlegrube zu arbeiten. 10 Jahre lang arbeitete der Mann hier. Dann tauchen bei ihm Krankheiten auf und er wurde in den Vorruhestand versetzt. 1987 kehrte Bülbül zurück in seine Heimat Çorum. Seither engagiert sich der Frührentner sozial. Er gab Studenten im Ramadan Essen aus und versorgte sie mit Lebensmitteln. Nach dem Putschversuch wird der Mann von seinem Schneider und seinen Mietern denunziert. Danach wurde er festgenommen.

“Er hat uns zum Fastenbrechen (Iftar) eingeladen”

Insgesamt hatte vier Personen gegen Celal Bülbül ausgesagt:

Die erste Zeugin war eine Studentin aus der Nachbarwohnung. “Er hat uns bei sich zum Fastenbrechen (Iftar) eingeladen,” sagte sie aus. Die Zeugin fuhr aus Istanbul 16 Stunden nach Çorum und konnte nur das über den alten Mann sagen. Zwar fragte der Richter, ob sie nur deswegen aus Istanbul gekommen sein umd das zu sagen, aber an seinem Urteil änderte das nichts.

Grund der Beschwerde der Mieter: Nicht ans Telefon gegangen

Die zweite und dritte Aussage gegen ihn machten zwei seiner Mieter. In der Putschnacht vom 15. Juli 2016 befand sich Bülbül bei seiner Tochter in Maraş. Sie konnte ihn an diesem Tag nicht erreichen. Das hatte bei den Mietern zu der Annahme geführt auch an dem Putsch beteiligt gewesen zu sein und hatten ihren Verdacht dem Amt des Ministerpräsidenten mitgeteilt. Hatten sich die “Zeuge” anfangs geweigert vor Gericht ihre Aussage zu wiederholen, tauchten sie erst am dritten Prozesstag auf. “Ihr lebt im Haus des Angeklagten und zeigt ihn auch noch an,” kritisierte der Richter die Mieter. Auch das hat am Urteil nichts geändert.

“Er hat ein Sack Mehl von mir genommen um sie den Studenten zu geben”

Die vierte Aussage machte ein sog. geheimer Zeuge. “Er hat ein Sack Mehl von mir gekauft um sie Studenten zu geben, die der Gülen-Bewegung angehören. Eine weitere Aussage gegen den kranken Mann hatte sein Schneider gemacht, dem er schon oft geholfen hatte. Der Mann wusste, dass sich Bülbül in der Putschnacht bei seiner Tochter aufhielt. Dennoch ging er auf Polizeirevier, dasss der alte Mann noch nicht festgenommen wurde. Zwar hatte der Schneider seine Aussage gegen ihn bereut und es widerrufen, aber die Aussage war schon in die Anklageschrift aufgenommen.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Menschenrechte

Polizistin in Ankara foltert Frauen in Untersuchungshaft mit Säure

Immer wieder werden Folterfälle bei der Antiterrorpolizei TEM in Ankara bekannt. Auch Frauen sind von der brutalen Vorgehensweise der türkischen Beamten nicht verschont. BOLD hat mit Esra Yurt gesprochen, einer der Opfer, die mit Säure gefoltert wurde.

Von Sevinç Özarslan

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 ist die Präsidium der Antiterrorpolizei TEM zu einem Folterzentrum geworden. Auch Studentinnen wurden dort schon gefoltert. Esra Yurt wurde im Februar 2017 in Untersuchungshaft genommen und in den folgenden fünf Tagen von den Beamten der TEM gefoltert.
Die Beamtin, die das tat, sei eine lange Frau mit blonder Haaren gewesen, erzählt Esra Yurt. Zunächst habe sie Säure auf ein Stück Stoff getropft und den Frauen in Untersuchungshaft gezeigt, wie der praktisch kochte. Esra Yurt hatte es abgelehnt Namen zu nennen und bekam die Säure unter ihren linken Fuß. Zudem wurde Sie mit einem großem Schlüsselbund ins Gesicht geschlagen. Ein männlicher Beamter hatte ihr beim Verhör immer wieder mit Vergewaltigung gedroht. Der Richter, der ihr blau angelaufenes Gesicht sah, hatte sich nur mit einem Stöhnen abgefunden. Die Ärztin, die ihre späteren Wunden versorgt hatte, gab ihr eine Tube “Voltaren.” Sie weigerte sich auch, die Folter zu bescheinigen.

Nach fünf Tagen entschied das Gericht sie unter Auflagen freizulassen. Ein Jahr lange hatte sie Schmerzen und Narben an ihrem linken Fuß. Sie konnte deswegen kaum schlafen, erzählt uns das Folteropfer. Die vierfache Mutter war gezwungen, aus ihrem Heimat zu fliehen und lebt jetzt mit ihrer Familie in einem europäischen Land.

Polizisten waren 4 Männer und eine Frau

“Es war sieben Monate nach dem Putschversuch. Fünf Polizisten bei mir zu Hause aufgetaucht. Unter ihnen war auch eine Frau. Sie haben das Haus durchsucht und alles auf den Kopf gestellt. Sie wollten wissen, welche Verbindungen ich nach Izmir habe. Ich sagte nur, dass ich ursprünglich von dort komme. Außer mir war niemand da. Die Kinder waren noch in der Schule. Sie haben mich mit aufs Präsidium der Antiterrorpolizei TEM mitgenommen. Als wir aus der Tür rausgingen, wollte sie mir Handschellen anlegen. Ich hatte mich geweigert. Die Polizisten war ohne jeglich Gnade. Ihre männlichen Kollegen waren anders.
Die Zelle, in der wir untergebracht waren, war widerlich und stank sehr stark. Es war ein Dienstag, als ich zur TEM gebracht wurde und dort 4 bis 5 Tage drin war. In dieser Zeit wurde ich gefoltert, praktisch von dem Moment an, als ich festgenommen wurde.

“Untersuchungshaft mit nichts zu vergleichen”

Psychisch geht es einem in Untersuchungshaft sehr schelcht. In jedem Moment fragt man sich, was sie mit einem vorhaben. Täglich wurden wir zwischen 10 und 11 Uhr einem Gesundheitscheck unterzogen. Ich hörte Weinen, Schreie, Stottern…Ich habe versucht dabei ruhig zu bleiben.

Später musst ich vor dem Staatsanwalt meine Aussage machen. ´Mach es mir nicht so schwer, damit ich es auch für dich einfach mache,´sagte er. Er zeigte mir eine Liste mit Namen, die ich unterschreiben sollte. Doch zunächst gab er mir ein leeres Blatt und wollte, dass ich Namen aufschreibe. Ich sagte, ich kenne keine Namen. ´Du bist aufgeregt, deswegen,´sagte er. Danach wollte er, dass ich die Liste mit den Namen unterschreibe. ´Wenn du unterschreibst, wird es einfacher für dich,´sagte er. Ich erwiderte, dass ich diese Personen nicht kenne.

“Wir werden euch eine Erinnerung zurücklassen”

Nach der Vernehmung brachte man mich in ein anderes Zimmer. Dort waren zehn weitere Frauen. Es war eng. Dann kam eine Polizistin, die groß war und blonde Haare hatte. Sie hielt in der Hand einen Bund mit ganz vielen Schlüsseln dran und hatte auch eine Feder und eine kleine Flasche. ´Meine Damen, seid ihr glücklich mit unserer Gastfreundlichkeit,´fragte sie. Natürlich traute sich niemand zu antworten, alle hatten Angst. ´Keine Sorge, wir werden euch hier nicht allzulange behalten. Wir werden euch aber eine Erinnerung an unsere Gastfreundschaft hinterlassen,´ sagte die Beamtin der Antiterrorpolizei.”

„Ich dachte, sie wollten unsere Finger mit Tinte markieren“

Esra Yurt wusste nicht, was die Polizisten vorhatten. “Ich dacht sie werden unser Finger in Tinte auftauchen, so wie man es auch nach der Stimmabgabe bei den Wahlen macht. Es gab sehr viele Menschen im Präsidium des TEM in Ankara. Ich dachte mit der Tinte werden diejenigen markiert, die bereits eine Aussage beim Staatsanwalt abgegeben haben. Danach hat die Polizisten auf ihren Tisch ein Stück Stoff gelegt. Danach zeigte sie eine kleine braune Flasche mit einer Flüssigkeit drin. Sie hatte die Spitze in die Flasche getaucht und dann eine Flüssigkeit auf dieses Stoff getröpfelt. Der Stoff zog sich sofort zusammen.

Alle Frauen in dem Zimmer bekamen panische Angst. Eine Frau gab Geräuche von sich, als ob sie gerade stirbt, sie konnte nicht mehr atmen. ´Wer diese Erinnerung nicht haben möchte, dort liegt ein Stück Papier. Wenn es solche Leute wie euch gibt, schreibt ihre Namen drauf. Wer will kann die Namen auch draußen aufschreiben. Natürlich sind viele der Frauen rausgegangen. Wir waren dann nur noch zu fünft.

„Verbrennungen unter meinem Fuß und in die Zelle zurückgehumpelt“

Die Polizisten befahl uns, entweder unsere Hand oder unseren Fuß auszustrecken. Ich wollte meine Hand nicht geben, weil ich Probleme an meine Händen hatte. Deswegen zog ich meine Socken aus. Sie tat meinen Fuß auf den Tisch und tröpfelte diese Säure darauf. Es war sehr schmerzhaft. Manche bekamen das auf ihre Hände und andere auf ihre Füße. Mir Augen füllten sich sofort mit Tränen. Es waren unbeschreibliche Schmerzen. Danach ist es unmöglich Schuhe anzuziehen. Ich humpelte danach wieder zurück in meine Zelle.

Sie haben dort versucht uns maximale Schmerzen zuzufügen. Sie leben von der Angst ihrer Opfer. Alles was sie taten war grob. Sie schlagen dich auf den Rücken oder gegen den Kopf, weil du etwa zu langsam gehst. Einmal gaben sie uns einen Toast, dessen Käse schon verschimmelt war. ´Das ist zu gut für euch,´sagte sie. Und wenn einer von dort uns vernünftiges Essen gegeben hat, wurde dieser gerügt. ´Du gibts dieses Essen Kötern. Das sind keine Menschen.´Bei jeder Gelegenheit versuchen sie den Gefangenen etwas anzutun und sie zu brechen.”

“Blut in meinem Gesicht”

Frauen, die unter ihre Füße Säure bekamen, mussten am nächsten Tag zur Gesundheitskontrolle. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde Esra Yurt erneut geschlagen. Sie kann nicht vergessen, wie egal ihr Zustand ihm war und dass er sich sogar lustig darüber gemacht hat.

“Am nächsten Morgen brachten sie uns zur Gesundheitskontrolle. Wir waren erschöpft, hungrig und hatte keine Kraft. Alle hatte ein langes Gesicht. Ich drehte mich im Wagen um und sagte zu den anderen ´erhebt euren Kopf, wir haben nichts getan, wofür wir uns schämen müssen.´ Ein Polizist mit einem Schlüsselbund in der Hand schlug mir diesen ins Gesicht. Es war so, als ob die Schlüssel in meinem Gesicht explodieren. Es hat sehr weg getan…Ich bekam dadurch Kratzer. Mein Gesicht schwoll blau an. Eine Ärztin sah sich meine Füße und mein Gesicht an. Ich sagte ihr, ´schauen Sie sich mein Gesicht an. Das ist gerade eben passiert. Wollen Sie wirklich in meinem Zustand in meinen Bericht nichts reinschreiben. Ich habe vieles vergessen aber nicht die Worte der Ärztin. ´Ich kann dir Voltaren verschreiben,´sagte sie.”

„Richter fragte, was mit meinem Gesicht passiert sei“

Esra Yurt wurde mit ihrem blau angelaufenen Gesicht vor einen Richter gestellt und nach fünf Tagen freigelassen. “Was ist mit deinem Gesicht geschehen, fragte der Richter. “Ich zeigte auf den Polizisten rechts von mir. Er konnte nur noch seufzen. Er ließ mich dann unter Auflagen frei,” erzählt uns die Radiojournalistin, die für den staatlichen Rundfunk TRT in Izmir arbeitete.

Die Folter hinterließ tiefe Spuren:

“Ich hatte ständig Schmerzen an den Stellen, an denen Säure kam. Ich konnte anderthalb deswegen kaum schlafen. Die Polizisten wollte uns damit ein Andenken hinterlassen. Wahrscheinlich meinte sie das. Ich muss Schlafmedikamente nehmen, sonst kann ich überhaupt nicht schlafen.

Derzeit leben wir in einem Flüchtlingsheim in einem europäischen Land. Ich habe meine Füße dem Arzt in der Flüchtlingsunterkunft gezeigt. Er bestätigte, dass meine Füße nur als Folge “äußerer Umstände” in diesen Zustand gekommen sein könnten. Es wurde verschieden Untersuchung gemacht. Eine ärztliche Bescheinigung zu meiner Folter, die mir in der Türkei verweigert wurde, wurde mir hier ausgestellt.“

“Cengiz, schau nur, sie ist wie eine Traube ohne Stiel.”

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 tauchten immer wieder Gerüchte auf, dass Frauen in Untersuchungshaft gefoltert und vergewaltigt wurden. Journalisten hatte erzählt, wie sie von betrunkenen Polizisten sexuelle belästigt wurden. Eine Hausfrau oder eine Frau mit einem anderen Beruf hat noch nichts darüber erzählt. Die Geschichte von Esra Yurt bestätigen diese Gerüchte.

“Einer der Polizisten fragte, ob ich verheiratet sei, wo mein Mann sei, nach meinen Kindern, nach meiner Familie. Mein war hielt sich außerhalb der Stadt auf. Meine Kinder waren nicht bei mir und meine Mutter war verstorben. Er drehte sich danach zu seinem Kollegen um und sagte, ´Cengiz, schau nur, sie ist wie eine Traube ohne Stiel.´Ich hatte danach so eine Angst bekommen, dass ich zitterte. Wer weiß, was mit anderen Frauen in Untersuchungshaft geschieht.”

Unser Boot bekam ein Loch und wir vielen ins Wasser

Um weiterer Verfolgung zu entgehen, entschließt sich die Familie Yurt im Oktober 2017 das Land zu verlassen. Danach flieht die Familie mit ihren drei Kindern über den Fluss Mariza nach Griechenland zu fliehen. Die älteste Tochter ging zuvor in die USA.

“Unser Schlauchboot bekam ein Loch und wir fielen ins Wasser. Ich nahm meine Tochter in den Arm. In Griechenland wurde wir dann in Untersuchungshaft genommen und verbrachten dort acht Tage. Zum Glück kam dann Vertreter der UN und des Roten Kreuzes dahin. Mein Mann spricht sehr gut Englisch. Er sprach zu erst mit den Vertretern des Roten Kreuzes und einige Tage später mit Mitarbeiter der UN. Wir kamen dann frei. Insgesamt waren wir 19 Tage in Griechenland und sind von dort in eine anderes europäisches Land gegangen.

Zwischen 1999 und 2001 lebte das Ehepaar Yurt in den USA. Dort kam auch ihre älteste Tochter auf die Welt und ist deswegen US-Bürgerin. Am 2. September 2016 setzt ihre Tochter ihre Schulbildung fort. Inzwischen hat sie es auf eine Elite-Universität geschafft und studiert an der MIT (Massachusetts Institute of Technology).

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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