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Menschenrechte

Polizistin in Ankara foltert Frauen in Untersuchungshaft mit Säure

Immer wieder werden Folterfälle bei der Antiterrorpolizei TEM in Ankara bekannt. Auch Frauen sind von der brutalen Vorgehensweise der türkischen Beamten nicht verschont. BOLD hat mit Esra Yurt gesprochen, einer der Opfer, die mit Säure gefoltert wurde.

Von Sevinç Özarslan

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 ist die Präsidium der Antiterrorpolizei TEM zu einem Folterzentrum geworden. Auch Studentinnen wurden dort schon gefoltert. Esra Yurt wurde im Februar 2017 in Untersuchungshaft genommen und in den folgenden fünf Tagen von den Beamten der TEM gefoltert.
Die Beamtin, die das tat, sei eine lange Frau mit blonder Haaren gewesen, erzählt Esra Yurt. Zunächst habe sie Säure auf ein Stück Stoff getropft und den Frauen in Untersuchungshaft gezeigt, wie der praktisch kochte. Esra Yurt hatte es abgelehnt Namen zu nennen und bekam die Säure unter ihren linken Fuß. Zudem wurde Sie mit einem großem Schlüsselbund ins Gesicht geschlagen. Ein männlicher Beamter hatte ihr beim Verhör immer wieder mit Vergewaltigung gedroht. Der Richter, der ihr blau angelaufenes Gesicht sah, hatte sich nur mit einem Stöhnen abgefunden. Die Ärztin, die ihre späteren Wunden versorgt hatte, gab ihr eine Tube “Voltaren.” Sie weigerte sich auch, die Folter zu bescheinigen.

Nach fünf Tagen entschied das Gericht sie unter Auflagen freizulassen. Ein Jahr lange hatte sie Schmerzen und Narben an ihrem linken Fuß. Sie konnte deswegen kaum schlafen, erzählt uns das Folteropfer. Die vierfache Mutter war gezwungen, aus ihrem Heimat zu fliehen und lebt jetzt mit ihrer Familie in einem europäischen Land.

Polizisten waren 4 Männer und eine Frau

“Es war sieben Monate nach dem Putschversuch. Fünf Polizisten bei mir zu Hause aufgetaucht. Unter ihnen war auch eine Frau. Sie haben das Haus durchsucht und alles auf den Kopf gestellt. Sie wollten wissen, welche Verbindungen ich nach Izmir habe. Ich sagte nur, dass ich ursprünglich von dort komme. Außer mir war niemand da. Die Kinder waren noch in der Schule. Sie haben mich mit aufs Präsidium der Antiterrorpolizei TEM mitgenommen. Als wir aus der Tür rausgingen, wollte sie mir Handschellen anlegen. Ich hatte mich geweigert. Die Polizisten war ohne jeglich Gnade. Ihre männlichen Kollegen waren anders.
Die Zelle, in der wir untergebracht waren, war widerlich und stank sehr stark. Es war ein Dienstag, als ich zur TEM gebracht wurde und dort 4 bis 5 Tage drin war. In dieser Zeit wurde ich gefoltert, praktisch von dem Moment an, als ich festgenommen wurde.

“Untersuchungshaft mit nichts zu vergleichen”

Psychisch geht es einem in Untersuchungshaft sehr schelcht. In jedem Moment fragt man sich, was sie mit einem vorhaben. Täglich wurden wir zwischen 10 und 11 Uhr einem Gesundheitscheck unterzogen. Ich hörte Weinen, Schreie, Stottern…Ich habe versucht dabei ruhig zu bleiben.

Später musst ich vor dem Staatsanwalt meine Aussage machen. ´Mach es mir nicht so schwer, damit ich es auch für dich einfach mache,´sagte er. Er zeigte mir eine Liste mit Namen, die ich unterschreiben sollte. Doch zunächst gab er mir ein leeres Blatt und wollte, dass ich Namen aufschreibe. Ich sagte, ich kenne keine Namen. ´Du bist aufgeregt, deswegen,´sagte er. Danach wollte er, dass ich die Liste mit den Namen unterschreibe. ´Wenn du unterschreibst, wird es einfacher für dich,´sagte er. Ich erwiderte, dass ich diese Personen nicht kenne.

“Wir werden euch eine Erinnerung zurücklassen”

Nach der Vernehmung brachte man mich in ein anderes Zimmer. Dort waren zehn weitere Frauen. Es war eng. Dann kam eine Polizistin, die groß war und blonde Haare hatte. Sie hielt in der Hand einen Bund mit ganz vielen Schlüsseln dran und hatte auch eine Feder und eine kleine Flasche. ´Meine Damen, seid ihr glücklich mit unserer Gastfreundlichkeit,´fragte sie. Natürlich traute sich niemand zu antworten, alle hatten Angst. ´Keine Sorge, wir werden euch hier nicht allzulange behalten. Wir werden euch aber eine Erinnerung an unsere Gastfreundschaft hinterlassen,´ sagte die Beamtin der Antiterrorpolizei.”

„Ich dachte, sie wollten unsere Finger mit Tinte markieren“

Esra Yurt wusste nicht, was die Polizisten vorhatten. “Ich dacht sie werden unser Finger in Tinte auftauchen, so wie man es auch nach der Stimmabgabe bei den Wahlen macht. Es gab sehr viele Menschen im Präsidium des TEM in Ankara. Ich dachte mit der Tinte werden diejenigen markiert, die bereits eine Aussage beim Staatsanwalt abgegeben haben. Danach hat die Polizisten auf ihren Tisch ein Stück Stoff gelegt. Danach zeigte sie eine kleine braune Flasche mit einer Flüssigkeit drin. Sie hatte die Spitze in die Flasche getaucht und dann eine Flüssigkeit auf dieses Stoff getröpfelt. Der Stoff zog sich sofort zusammen.

Alle Frauen in dem Zimmer bekamen panische Angst. Eine Frau gab Geräuche von sich, als ob sie gerade stirbt, sie konnte nicht mehr atmen. ´Wer diese Erinnerung nicht haben möchte, dort liegt ein Stück Papier. Wenn es solche Leute wie euch gibt, schreibt ihre Namen drauf. Wer will kann die Namen auch draußen aufschreiben. Natürlich sind viele der Frauen rausgegangen. Wir waren dann nur noch zu fünft.

„Verbrennungen unter meinem Fuß und in die Zelle zurückgehumpelt“

Die Polizisten befahl uns, entweder unsere Hand oder unseren Fuß auszustrecken. Ich wollte meine Hand nicht geben, weil ich Probleme an meine Händen hatte. Deswegen zog ich meine Socken aus. Sie tat meinen Fuß auf den Tisch und tröpfelte diese Säure darauf. Es war sehr schmerzhaft. Manche bekamen das auf ihre Hände und andere auf ihre Füße. Mir Augen füllten sich sofort mit Tränen. Es waren unbeschreibliche Schmerzen. Danach ist es unmöglich Schuhe anzuziehen. Ich humpelte danach wieder zurück in meine Zelle.

Sie haben dort versucht uns maximale Schmerzen zuzufügen. Sie leben von der Angst ihrer Opfer. Alles was sie taten war grob. Sie schlagen dich auf den Rücken oder gegen den Kopf, weil du etwa zu langsam gehst. Einmal gaben sie uns einen Toast, dessen Käse schon verschimmelt war. ´Das ist zu gut für euch,´sagte sie. Und wenn einer von dort uns vernünftiges Essen gegeben hat, wurde dieser gerügt. ´Du gibts dieses Essen Kötern. Das sind keine Menschen.´Bei jeder Gelegenheit versuchen sie den Gefangenen etwas anzutun und sie zu brechen.”

“Blut in meinem Gesicht”

Frauen, die unter ihre Füße Säure bekamen, mussten am nächsten Tag zur Gesundheitskontrolle. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde Esra Yurt erneut geschlagen. Sie kann nicht vergessen, wie egal ihr Zustand ihm war und dass er sich sogar lustig darüber gemacht hat.

“Am nächsten Morgen brachten sie uns zur Gesundheitskontrolle. Wir waren erschöpft, hungrig und hatte keine Kraft. Alle hatte ein langes Gesicht. Ich drehte mich im Wagen um und sagte zu den anderen ´erhebt euren Kopf, wir haben nichts getan, wofür wir uns schämen müssen.´ Ein Polizist mit einem Schlüsselbund in der Hand schlug mir diesen ins Gesicht. Es war so, als ob die Schlüssel in meinem Gesicht explodieren. Es hat sehr weg getan…Ich bekam dadurch Kratzer. Mein Gesicht schwoll blau an. Eine Ärztin sah sich meine Füße und mein Gesicht an. Ich sagte ihr, ´schauen Sie sich mein Gesicht an. Das ist gerade eben passiert. Wollen Sie wirklich in meinem Zustand in meinen Bericht nichts reinschreiben. Ich habe vieles vergessen aber nicht die Worte der Ärztin. ´Ich kann dir Voltaren verschreiben,´sagte sie.”

„Richter fragte, was mit meinem Gesicht passiert sei“

Esra Yurt wurde mit ihrem blau angelaufenen Gesicht vor einen Richter gestellt und nach fünf Tagen freigelassen. “Was ist mit deinem Gesicht geschehen, fragte der Richter. “Ich zeigte auf den Polizisten rechts von mir. Er konnte nur noch seufzen. Er ließ mich dann unter Auflagen frei,” erzählt uns die Radiojournalistin, die für den staatlichen Rundfunk TRT in Izmir arbeitete.

Die Folter hinterließ tiefe Spuren:

“Ich hatte ständig Schmerzen an den Stellen, an denen Säure kam. Ich konnte anderthalb deswegen kaum schlafen. Die Polizisten wollte uns damit ein Andenken hinterlassen. Wahrscheinlich meinte sie das. Ich muss Schlafmedikamente nehmen, sonst kann ich überhaupt nicht schlafen.

Derzeit leben wir in einem Flüchtlingsheim in einem europäischen Land. Ich habe meine Füße dem Arzt in der Flüchtlingsunterkunft gezeigt. Er bestätigte, dass meine Füße nur als Folge “äußerer Umstände” in diesen Zustand gekommen sein könnten. Es wurde verschieden Untersuchung gemacht. Eine ärztliche Bescheinigung zu meiner Folter, die mir in der Türkei verweigert wurde, wurde mir hier ausgestellt.“

“Cengiz, schau nur, sie ist wie eine Traube ohne Stiel.”

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 tauchten immer wieder Gerüchte auf, dass Frauen in Untersuchungshaft gefoltert und vergewaltigt wurden. Journalisten hatte erzählt, wie sie von betrunkenen Polizisten sexuelle belästigt wurden. Eine Hausfrau oder eine Frau mit einem anderen Beruf hat noch nichts darüber erzählt. Die Geschichte von Esra Yurt bestätigen diese Gerüchte.

“Einer der Polizisten fragte, ob ich verheiratet sei, wo mein Mann sei, nach meinen Kindern, nach meiner Familie. Mein war hielt sich außerhalb der Stadt auf. Meine Kinder waren nicht bei mir und meine Mutter war verstorben. Er drehte sich danach zu seinem Kollegen um und sagte, ´Cengiz, schau nur, sie ist wie eine Traube ohne Stiel.´Ich hatte danach so eine Angst bekommen, dass ich zitterte. Wer weiß, was mit anderen Frauen in Untersuchungshaft geschieht.”

Unser Boot bekam ein Loch und wir vielen ins Wasser

Um weiterer Verfolgung zu entgehen, entschließt sich die Familie Yurt im Oktober 2017 das Land zu verlassen. Danach flieht die Familie mit ihren drei Kindern über den Fluss Mariza nach Griechenland zu fliehen. Die älteste Tochter ging zuvor in die USA.

“Unser Schlauchboot bekam ein Loch und wir fielen ins Wasser. Ich nahm meine Tochter in den Arm. In Griechenland wurde wir dann in Untersuchungshaft genommen und verbrachten dort acht Tage. Zum Glück kam dann Vertreter der UN und des Roten Kreuzes dahin. Mein Mann spricht sehr gut Englisch. Er sprach zu erst mit den Vertretern des Roten Kreuzes und einige Tage später mit Mitarbeiter der UN. Wir kamen dann frei. Insgesamt waren wir 19 Tage in Griechenland und sind von dort in eine anderes europäisches Land gegangen.

Zwischen 1999 und 2001 lebte das Ehepaar Yurt in den USA. Dort kam auch ihre älteste Tochter auf die Welt und ist deswegen US-Bürgerin. Am 2. September 2016 setzt ihre Tochter ihre Schulbildung fort. Inzwischen hat sie es auf eine Elite-Universität geschafft und studiert an der MIT (Massachusetts Institute of Technology).

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

Menschenrechte

Vom Gastarbeiter in Bottrop zum politischen Häftling in der Türkei

Während des Ramadan-Festes hatte Celal Bülbül Studenten zum #Fastenbrechen “Iftar” eingeladen und ihnen Lebensmittel geschenkt. Deswegen sitzt der 72-Jährige seit rund 10 Monaten im Gefängnis von Çorum.

Von Sevinç Özarslan

(Aus dem Türkischen von Sven Weber)

Seit neuneinhalb Monaten sitzt Celal Bülbül (72) schon im Gefängnis von Çorum. Er konnte einige Tage vor dem Ranadan-Fest mit seiner Frau telefonieren. In einem Gespräch mit Bold berichtet uns die Ehefrau des Gefangenen über das Telefonat und die Verhältnisse in Haft. “Wir beten dafür, dass wir am Ramadan-Fest alle zu Hause sein können.” Dabei soll Bülbül geweint haben, erzählt seine Ehefrau. Danach soll er nur noch “es sind jetzt neuneinhalb Monate her, seit ich ins Gefängnis gesteckt wurde.”

“Ich habe die Berge, die Steine vermisst”

“Etwas später hat er sich wieder gefangen.Hoffentlich diese Tage bald der Vergangenheit an. Ich habe die Wälder, Berge und sogar Steine vermisst. Am 1 Juni sollen wieder Gefangenenbesuche erlaubt sein. …Es sind jetz neuneinhalb Monate vergangen, dass ich ins Gefängnis kam,´ sagte er.”

“Er schläft unter den Treppen”

Vor rund drei Wochen war Bülbül die Treppen heruntergefallen, weil ihm schwindelig war. Der Mann leide an verschiedenen Krankheiten. Wegen der Inhaftierung habe der Mann seine Therapien nicht beenden können. Der Mann müsse regelmäßig Magenspiegelungen bekommen, erzählt uns seine Ehefrau. Es bestehe zudem die Gefahr einer Erblindung. Wegen seines hohen Blutdrucks nehme der Mann seit 20 Jahren Medikamente ein. Weil es keinen Platz mehr in der Zelle gäbe, schlafe der Mann unter den unter den Treppen.

“Ich würde sterben, wenn ich in Quarantäne käme”

Bülbül leide auch an verschiedenen Phobien: Geschlossene Räume und unkelheit machten dem Mann immer Angst. Vergangene Woche durfte er dann mit seiner Familie telefonieren und erzählt über seinen Zustand im Gefängnis von Çorum.

“Ich hatte wegen meiner Schwindelgefühle im November 2019 einen Termin beim Arzt. Als ich verhaftet wurde, wurde daraus nichts. Hier bekommst du keine Medikamente, wenn du es möchtest. Du kannst auch nichts ins Krankenhaus. Denn sowohl vorher als auch im Anschluss muss man dann für zwei Wochen in Quarantäne. Ich sagte, ich würde sterben. Ich kann weder im Dunkeln, noch im Engen oder Alleine bleiben. Das sind Krankheiten. Ich habe sogar Angst im Aufzug alleine zu sein.

“Der Arzt sagte, ich könne blind werden”

Ich brauche Augentropfen. Meine Augen trocknen aus. Ich habe einen gelben Fleck im Auge. Manchmal sehe ich alles vernebelt. Der Arzt in Ankara sagte, dass es am Ende mit Blindheit enden wird. Damals bekam ich auch Vitamintabletten. Hier gibt es solche Möglichkeiten nicht.

“Bei mir muss regelmäßig eine Endoskopie gemacht werden”

Ich leide seit 20 Jahren an Blutdruckproblemen. Ich muss morgens und abends verschiedene Blutdrucktabletten einnehmen. Ich habe auch starke Magenprobleme. Ich musste regelmäßig eine Endoskopie bekommen. Das geht jetzt nicht mehr.“

Zwei Mal festegnommen

Bülbül wurde im Rahmen der Ermittlungen gegen die Gülen-Beegung im September 2016 festgenommen. Der seit neuneinhalb Monaten imGefängnis von Çorum einsitzende Celal Bülbül wurde inzwischen zu einer Gefängnisstafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt und wurde dann aber freigelassen. Als dann das Urteil vom Kassationshof bestätigt wurde, musste der Mann am 9. August wieder zurück ins Gefängnis.

Der kranke Celal Bülbül muss jetzt bis mindestens Juli 2022 im Gefängnis bleiben. Immer wieder starben Gefangene in türkischen Gefängnissen, weil sie krank waren und nicht ausreichend medizinisch evrsorgt wurden. Der dreifache Vater hat zudem eine Tochter, die Lungenkrebs hat. Nachdem ihr Vater ein zweites Mal ins Gefängnis gekommen war, hat sich auch ihre gesundheitliche Lage verschlechtert.

Celal Bülbül hatte es nicht immer einfach: 1973 ging der Mann nach Bottrop um in einer Kohlegrube zu arbeiten. 10 Jahre lang arbeitete der Mann hier. Dann tauchen bei ihm Krankheiten auf und er wurde in den Vorruhestand versetzt. 1987 kehrte Bülbül zurück in seine Heimat Çorum. Seither engagiert sich der Frührentner sozial. Er gab Studenten im Ramadan Essen aus und versorgte sie mit Lebensmitteln. Nach dem Putschversuch wird der Mann von seinem Schneider und seinen Mietern denunziert. Danach wurde er festgenommen.

“Er hat uns zum Fastenbrechen (Iftar) eingeladen”

Insgesamt hatte vier Personen gegen Celal Bülbül ausgesagt:

Die erste Zeugin war eine Studentin aus der Nachbarwohnung. “Er hat uns bei sich zum Fastenbrechen (Iftar) eingeladen,” sagte sie aus. Die Zeugin fuhr aus Istanbul 16 Stunden nach Çorum und konnte nur das über den alten Mann sagen. Zwar fragte der Richter, ob sie nur deswegen aus Istanbul gekommen sein umd das zu sagen, aber an seinem Urteil änderte das nichts.

Grund der Beschwerde der Mieter: Nicht ans Telefon gegangen

Die zweite und dritte Aussage gegen ihn machten zwei seiner Mieter. In der Putschnacht vom 15. Juli 2016 befand sich Bülbül bei seiner Tochter in Maraş. Sie konnte ihn an diesem Tag nicht erreichen. Das hatte bei den Mietern zu der Annahme geführt auch an dem Putsch beteiligt gewesen zu sein und hatten ihren Verdacht dem Amt des Ministerpräsidenten mitgeteilt. Hatten sich die “Zeuge” anfangs geweigert vor Gericht ihre Aussage zu wiederholen, tauchten sie erst am dritten Prozesstag auf. “Ihr lebt im Haus des Angeklagten und zeigt ihn auch noch an,” kritisierte der Richter die Mieter. Auch das hat am Urteil nichts geändert.

“Er hat ein Sack Mehl von mir genommen um sie den Studenten zu geben”

Die vierte Aussage machte ein sog. geheimer Zeuge. “Er hat ein Sack Mehl von mir gekauft um sie Studenten zu geben, die der Gülen-Bewegung angehören. Eine weitere Aussage gegen den kranken Mann hatte sein Schneider gemacht, dem er schon oft geholfen hatte. Der Mann wusste, dass sich Bülbül in der Putschnacht bei seiner Tochter aufhielt. Dennoch ging er auf Polizeirevier, dasss der alte Mann noch nicht festgenommen wurde. Zwar hatte der Schneider seine Aussage gegen ihn bereut und es widerrufen, aber die Aussage war schon in die Anklageschrift aufgenommen.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Menschenrechte

Coronavirus im Silivri-Gefängnis: „Es könnte unser letztes Gespräch sein.“

Bold hat mit Angehörigen von drei Gefangenen aus dem Silivri-Gefängnis in Istanbul gesprochen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. „Das kann unser letztes Gespräch sein. Sie behandeln uns, als hätten wir die Pest. Verzeih mir meine Fehler.“ sagte der ehemalige Student der Luftwaffenakademie, Yasin Solmaz.

Von Sevinç Özarslan

Seit dem 6. Mai gibt es Meldungen über Corona Fälle im Silivri-Gefängnis von Istanbul. Der erste Fall wurde im Bereich 7 im Trakt C7 bekannt. Es handelt sich um den ehemaligen Militärkadetten Enes Karaduman. Danach musste die Staatsanwaltschaft von Istanbul-Bakırköy eine Stellungnahme abgeben. Karaduman und weitere 44 Gefangene seien ebenfalls positiv getestet worden, hieß es darin. Allerdings dürfte die Dunkeltziffer weitaus höher liegen.

Das Silivri-Gefängnis besteht aus 10 Bereichen, die alle anders geleitet werden. Die meisten Fälle gibt es in den Bereichen sieben und acht. Zwei Zellen im Bereich 7 sind für Quarantänefälle umgewandelt worden. In dem Trakt 10 sind 34 Gefangene und im Trakt B12 43 Gefangene unter Quarantäne. Drei Angehörigen von Betroffenen haben mit BOLD gesprochen.

Die Ehefrau des zu lebenslanger Haft verurteilten ehemaligen Militärkadetten Sayin Solmaz, Şakire , die Ehefrau des ehemaligen Lehrers M.T., und die Ehefrau des ehemaligen Polizisten Ali Çiçek und auch sein Onkel und Rechtsanwalt Fatih Çiçek, der gleichzeitig sein Verteidiger ist, haben mit uns über die Umstände in dem größten türkischen Gefängnis gesprochen. Alle drei Betroffenen haben über das E-Gesundheitssystem „e-Nabız“ die Bescheinigungen, dass sie positiv auf das Coronavirus getestet wurden und haben deswegen vor Gericht ihre Freilassung gefordert.

„Erstmals mit mir so gesprochen“

Nur zwei Tage nach der Diagnose hat die Ehefrau von Yasin Solmaz mit ihm gesprochen.“Mein ehemann ist seit drei Jahren und 9 Monaten im Gefängnis. Er hat zum ersten Mal mit mir so gesprochen. Er hat nie sehr viel über sich gesprochen, damit ich nicht traurig bin. An diesem Tag hat mein mit mir so gesprochen, dass ich es nicht beschreiben kann. Er sagte, es könnte unser letztes Gespräch sein. Bevor er auflegte, bat er mich um Verzeihung. Er ist in so einer Verfassung. ´Sie behandeln uns so, als hätten wir die Pest. Niemand kommt hierher,´sagte er.

„Seid unsere Stimme“

„Mein Sohn wurde offiziell dem Tode überlassen,“ sagt Vater Ekrem Solmat. „Nach dem er nur fünf Tage lang Medikamente gegen eine Erkältung bekommen hat wurde er nicht mehr medizinisch untersucht. Sie warten darauf, dass er stirbt. Mein Sohn muss sofort ins Krankenhaus verlegt werden. Er hatte mehrfach Zusammenbrüche und Fieberschübe. Helfen Sie uns, vielleicht ist es unser letzter Aufruf. Er hat erstmals seine Ehefrau um Hilfe gebeten. Werden Sie zu unserer Stimme und sorgen Sie dafür, dass sie überall gehört wird,“ sagte der Vater des ehemaligen Militärkadetten.

„Mein Neffe wurde vergangenen Mittwoch positiv getestet. Wir haben beim zuständigen Gericht in Istanbul einen Antrag eingereicht. Derzeit wird das Recht auf Leben meines Mandanten ignoriert,“ sagt Fatih Çiçek, Verteidiger und Onkel des Gefangenen.
Die Aussagen der Familien

Şakire Solmaz, Ehefrau des ehemaligen Militärkadetten Yasin Solmaz (34):

Mein Sohn war auf der Luftwaffenakademie in der 1. Klasse für den Generalstab. Er war Leutnant. Wir suchen seit vier Jahren nach Gerechtigkeit. Wir sind aber an einem Punkt angekommen, wo uns die Geduld ausgegangen ist. Mein Mann war in der selben Zelle wie Enes Karaduman, der erste, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Am 6. Mai wurde auch mein Mann positiv getestet. Ich habe davon durch Zufall erfahren, als ich in das elektronische Gesundheitssystem „e-Nabız“ geschaut habe. Wir haben danach sofort mit unserem Rechtsanwalt mit dem Gefängnis in Verbindung getreten. Einen Tag später wurde er am 7. Mai ins Gefängniskrankenhaus gebracht. Dort wurden alle nötigen Tests gemacht. Er bekam Medikamente und wurde in die Quarantäne-Zelle verlegt. Danach habe ich erstmals mit meinem Ehemann am Mittwoch gesprochen.

Momentan geht es meinem Mann psychisch schlecht. Er erzählte mir über die Bedingungen im Gefängnis und bat mich um Hilfe. Er ist in einer Zelle mit 39 Gefangenen im Trakt B12. Es handelt sich dabei um eine Quarantänezelle.

“Wir wurden dem Tod überlassen”

Als mein Mann positiv getestet wurde, habe die Gefängnisleitung gesagt, dass sie in Quarantänezellen für 7 – 8 Gefangene kämen. Zudem sagten sie, dass on morgens bis abends läuft die Belüftungsanlage laufe sowie ständig das Fieber gemessen werde. Als ich mit meinem Mann gesprochen hatte, sagte er, dass das alles nicht stimme. Sie sind in der Zelle zu 39. Essen bekämen sie aber nur für 15 Personen. Zuletzt hätte man sein Fieber vor drei Tagen gemessen. Fünf Tage, nachdem er positiv auf das Coronavirus getestet wurde, sind seine Medikamente zu Ende gegangen. Er müsste erneut medizinisch untersucht werden.

Ich schaue regelmäßig ins elektronische Gesundheitssystem e-Nabız nach. Jeden Tag gibt es einen automatischen Eintrag. Er sei demnach von einem Hausarzt untersucht worden. Aber weder von Medikamenten noch Tests ist da die Rede. Nur einmal nach seinem Test wurde mein Mann ins Krankenhaus gebracht. Danach hat es keine medizinischen Untersuchungen oder Tests gegeben, erzählte mir mein Mann. Sie können derzeit auch nicht von ihrem Rechts auf Anträge stellen oder Lebensmittel einkaufen im Gefängnis Gebrauch machen.

Mein Mann ist seit drei Jahren und neun Monaten in dem Gefängnis. Aber mein Mann hat mit mir so geredet, wie nie zuvor. Er begann damit, dass es unser letztes Gespräch sein könnte und dass er mir alles bis ins Detail erzählen möchte. Bevor er auflegte, wollte er noch, dass ich ihm vergebe. ´Sie haben uns dem Tod überlassen und bat mich um Hilfe.´

„Sie behandeln uns so, als hätten wir die Pest“

39 Kranke sitzen derzeit in der selben Zelle. Wie kann ihre psychische Verfassung dann gut sein. Auch die Aufseher haben sich zurückgezogen. ´Sie behandeln uns, als hätten wir die Pest,´sagte er. Sie kämen nur ein Mal morgens und dann ein Mal Abends. Die Gefangenen haben Angst, dass man sie im ernstfall nicht hören würde. Seine Zuckerwerte waren immer im kritischen Zustand. Er ist seit fast vier Jahren eingesperrt. Ich weiß nicht, wie seine Blutwerte heute aussehen.

„So wenig haben wir noch nie bekommen“

Seit 42 Monaten ist auch Ali Çiçek im Bereich 7, Trakt B10 des Silivri-Gefängnisses eingesperrt.

„Beim letzten Telefongespräch sagte mir mein Mann, dass er Kopfschmerzen hat. In seiner Zelle gäbe es viele Kranke, die an Grippe- und Fieberähnlichen Syptomen leiden. Nach einem Test stellte sich heraus, dass 29 Insassen der Zelle mit dem Coronavirus infiziert seien. Die negativ Getesteten wurden in eine andere Zelle verlegt. Die Trakte B10 und B12 befinden sich nebeneinander. In B10 gibt es 34 positive Fälle und in dem Nachbartrakt 43.

Wenn ich das elektronische Gesundheitssystem e-Nabız schaue, steht dort,d ass mein Mann jeden Tag gesundheitlich untersucht wird. Das stimmt aber nicht. Nur einmal wurde er ins Krankenhaus zur Blutprobe und zum Röntgen gebracht. Ihm wurden Medikament für nur fünf Tage gegeben. Die Bedingungen in seiner Zelle sind sehr schlecht. Es gibt Probleme mit dem Essen. `So wenig haben wir noch nie bekommen,´ sagte er. Sie konnte sich früher selber Lebensmittel in der Kantine kaufen, diese jetzt aber geschlossen. Mein sagte mir, er könne nicht mehr fasten. Für die Toilette müsse man anstehen. Es gibt zu viele Menschen. Wenn es einem gut geht, kann er sofort von einem anderen angesteckt werden.

Seit 19 Monaten ist in Bereich 7 Trakt B12 auch der Lehrer M.T. eingesperrt. Am 6. Mai wurde der Mann ebenfalls positiv auf das Coronavirus getestet. Seine Ehefrau berichtet ihren Mann seit 65 Tagen nicht gesehen zu haben. Seitdem 6. Mai vergehe für die Ehefrau des Inhaftierten jede Woche wie ein Jahr.

„Am 6. Mai wurde mein Mann positiv getestet. Die Staatsanwaltschaft von Istanbul-Bakırköy hatte damals mitgeteilt, dass sich 44 Häftlinge mit dem Coronavirus infiziert hätten. Mein Mann ist in dieser Zelle. Derzeit sind zu 39 dort eingesperrt. Seit 65 Tagen kann ich meinen Mann nicht sehen . Seit dem 11. März gibt es ohnehin Besuchsverbote. Auch die Rechtsanwälte dürfen die Gefangenen nicht mehr besuchen, weil sie unter Quarantäne seien.

In dem elektronischen Gesundheitssystem e-Nabız, dass er regelmäßig von einem Arzt untersucht wird. Ich hatte ihn bei unserem letzten Telefonat gefragt, was mit ihm los sei, weil er vor 2 Tagen laus e-Nabız beim Arzt war. Er sagte, dass stimme nicht. Ihnen werde nur das Fieber gemessen. Die Gefangenen werden nicht zum Arzt gebracht, dennoch wird es aber so eingetragen.

„Aufseher kommen in Ganzkörperanzügen“

Die Häftlinge sind unter Gefahr. Ihr Immunsystem ist schwach und es gibt keine Isolation. Auch ihr Essen ist sehr schelcht. Seit zwei Wochen haben sie weder Obst noch Gemüse bekommen. Sie bekommen nur einige Löffel essen. `Wir wurden hier dem Tode überlassen. Niemand wagt sich hierher,´sagt er. Und wenn die Aufseher kommen, dann in Ganzkörperanzügen.
Er bat mich überall für seine Freilassung zu kämpfen. Er fragte mich, ob mich das Gesundheitsministerium angerufen hätte. Wir haben überall schon Anträge für seine Freilassung gestellt.

Der Rechtsanwalt von M.T. erzählt, dass es im Silivri-Gefängnis über 200 Fälle gibt. Die Gefängnisleitung habe aber keine Maßnahmen getroffen. Familien der Gefangenen würden nicht informiert werden. Das Leben der Insassen sei in ernster Gefahr.

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

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Menschenrechte

„Meine Mutter ist ein Engel geworden. Ich bin alleine. Ich will meinen Vater.“

Sibel Erva Dalga ist heute fünf Jahre alt geworden. Sie hat vor 8 acht Monaten ihre Mutter bei einem Verkehrsunfall verloren. Es ist ihr fünfter Geburtstag ohne Vater und ihr erster ohne Mutter.

von Sevinç Özarslan

Als der Vater von Sibel Erva ins Gefängnis ging, war sie erst zweieinhalb Jahre alt. „Sie hat so viele Geburtstage ohne ihren Vater verbracht. Dieses Jahr wird es wohl nicht anders sein. Unsere Tochter hat uns noch nie in einem Haus gemeinsam gesehen. Es gibt keinen Moment, in dem wir zu Hause oder draußen gemeinsam waren. Hoffentlich wird ihr Vater an ihrem fünften Geburtstag mit uns zusammensein,“ sagte ihre Mutter noch im vergangenen Jahr. Er konnte es nicht. Sibel Erva ist jetzt nicht nur ohne Mutter, sondern auch ohne Vater. Sie ist eine Waise. Bevor sie ihren Vater kennenlernen durfte, verstehen konnte, was ein Vater ist, hat sie gelernt, was es heißt ohne Mutter zu sein. Seit acht Monaten fragt Sibel Erva immer wieder, wohin ihre Mutter gegangen ist. Manchmal fragt sie den Himmel, manchmal den Boden, manchmal die Tante, manchmal ihre Onkel. Nachts schläft sie mit ihrer Großmutter, tagsüber mit dem Foto ihrer Eltern. Wenn sie den Namen ihrer Mutter hört, verändert sich ihr Gesicht. Man sieht ihr die Trauer dann an.

„Ich will sterben,“ sagte eines Tages das kleine Kind zu ihrer Großmutter. Als sie gefragt wurde, warum, antwortete sie: „Ich will Gott sehen.“ Eigentlich wollte sie aber ihre Mutter sehen. An einem anderen Tag zeigte sie zu den Wolken und fragte, „ist meine Mutter über diesen Wolken?“ Sibel Erva ist alles bewusst, die bei dem Verkehrsunfall ihren Fuß gebrochen hatte. Bei der Beerdigung ihrer Mutter in ihrem Dorf hatten die Anwesenden alles versucht um die Tod ihrer Mutter zu verheimlichen. „Ich weiß, meine Mutter ist tot. Aus ihrem Mund kam Blut,“ sagte das Mädchen. Nach dem Verkehrsunfall hatte sie am Ufer eines Flusses den schwerverletzten Körper ihrer Mutter festgehalten und darauf gewartet, dass die gerettet werden. Wir kann ein Kind diesen Moment jemals vergessen? Mit welchen Worten kann man so ein Kind trösten?

Muttertag ab Grab der Mutter gefeiert (Foto)

„Lieber Gott, nimm meine Mutter im Paradies auf“

Letzte Woche war Sibel Erva am Muttertag am Grab ihrer Tochter im Dorf Köknar bei Trabzon. Sie hatte diesen besonderen Tag gemeinsam mit ihrer Cousinen und Cousens sowie Tanten das Grab ihrer Mutter besucht. Sie setzte sich an ihr Grab und warf Kamilleblüten über das Grab. Sie hinterlies ein Papier mit der Aufschrift „herzlichen Glückwunsch zum Muttertag,“ das sie gemeinsam mit ihren Cousinen angefertigt hatte. „Lieber Gott, nimm meine Mutter ins Paradies auf,“ bat sie Gott an diesem Tag.

Vater verhüllt sich im Gefängnis ins Schweigen

Lütfü Dalga ist seit drei Jahren und acht Monaten im Gefängnis von Rize inhaftiert. Er hatte seine Tochter nur an den Besuchstagen gesehen. Ihr Lächeln, ihr weinen, ihrer ersten Zähne, das erste Mal, als sie Mutter und Vater sagte, ihre ersten Schritte…An dem Tag, als der Vater, der seine geliebte Ehefrau verlor und seine Tochter seiner alten Mutter im Dorf abgeben musste, ist seit diesem Tag nicht mehr derselbe. Er ist in sich verschlossen. Seine Mitinsassen erzählen, dass er nicht mehr als fünf oder sechs Sätze am Tag spricht. „Bei der Trauerfeier sagte er, ich habe keinen Grund mehr Geduld zu haben.“

Es erinnert an den Fall des ebenfalls inhaftierten Lehrers Enes Evren Civelek, der seine Töchter Naime und Betül verloren hat, als diese auf dem Weg zum Besuch ins Gefängnis waren. Wer weiß, vielleicht kreischt er vor seinen Schmerzen, wenn er Nachts sich an den Gittern seiner Zelle festhält und tagsüber die Wände anstarrt…

Es wird noch sehr lange dauern, bis Sibel mit ihrem Vater zusammenleben wird. Der Polizist Lütfü Dalga wurde am 1. August 2016 wegen Terrordelikten festgenommen und zu 7,5 Jahren Haft verurteilt. Der Fall liegt vor dem Berufungsgericht. Begründet wurde der Vorwurf mit einem Bankkonto bei der Bank Asya, der Mitgliedschaft in einem Verein, eines Zeitungsabonnements und der Nutzund der Messenger-App „ByLock.“ Keines davon ist im türkischen Strafrecht eine Straftat. Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 sind viele Kinder zu Opfern willkürlicher Justiz geworden. Sie müssen die schwere Last auf ihren kleinen Schultern tragen, so wie die vielen Naimes, Betüls und Ahmets…Es sind viele Kinder, die ohne Mütter und Väter aufwachsen müssen.

Ein ruinierter Familienvater

Bei dem Verkehrsunfall, an dem Sibel Ervas Mutter umgekommen ist, wurden eigentlich zwei Familien ruiniert. Es starben insgesamt fünf Personen von der Familie ihrer Vaters und auch ihrer Mutter, als sie am 19. September 2019 auf dem Weg ins Gefängnis waren, um den ehemaligen Polizeibeamten zu besuchen. Sie waren damals zu Besuch in Hatay. Der Weg von dort ist lang und sie hatten nur wenig Zeit. Die Besuchszeit von Lütfü Dalga war in den Morgenstunden und sie wollte die Zeit nicht verpassen. In der Nähe eines Flussufers bei Sivas Pınarbaşı-Şarkışla kam es dann zu dem verheerenden Verkehrsunfall. Dabei starben der Bruder von Sibel Erva, Hakan Umuç (35) und sein Sohn Yunus Emre Umuç (1). Zwei weitere Kinder: Yusuf Kenan Umuç und Yavuz Selim Umuç (9) sowie die Mutter Hicran Dalga (32) verstarben später im Krankenhaus. Der Hall der Trauerlieder von Casim Umuç, der seine Tochter, seinen Sohn und drei seiner Enkelkinder bei dem Verkehrsunfall verloren hatte, sind in den Ohren vieler nicht verstummt.

Geburtstagsbotschaft eines Kindes

Sibel Evra lebt heute bei ihrer 80 Jahre alten Großmutter. Auf Twitter gibt es jetzt die Hashtags #LütfüDalgaTahliyeEdilmeli (übersetzt: Lütfü Dalga muss freigelassen werden) und #Ervababasınakavuşsun (Erva soll bei ihrem Vater sein). Bislang gibt es keine Reaktion der Mächtigen darauf. Deswegen wiederholt Sibel Erva: „Meine Mutter ist ein Engel geworden. Ich bin alleine. Ich will meinen Vater.“

 

Der Text wurde für die deutsche Übersetzung redaktionell bearbeitet. Das Original finden Sie hier.

 

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